Freitag, 15. Januar 2010

Leben in der Metapher

Никола́й Васильевич Гоголь: Мёртвые души
Wladimir Nabokow: Nikolaj Gogol

Die russischen Romane des neunzehnten Jahrhunderts waren für junge Leute ein weit offenes Einstiegstür in die Literatur und sind es vielleicht immer noch, laden ihre Helden doch wie kaum andere noch ein zur Identifikation. Vornweg die hysterischen und auch verbrecherischen Helden Dostojewskijs, Iwan Karamazow, Stawrogin, man konnte sich lesend in Grenzbereiche begeben und selbst doch einigermaßen brav bleiben. Später kamen die unbedingten Wahrheitssucher Tolstojs hinzu, Bezuchow, Lewin, und die ähnlich strukturierten allerdings weniger vitalen Helden Tschechows. Auch für die weibliche Leserschaft ist das Identifikationsangebot groß, allerdings muß sie inzwischen wohl einige Zugeständnisse an die Zeitumstände machen, am wenigsten natürlich bei Tschechow. Da sich alle diese Helden in bestem literarischen Ambiente bewegen, mußte man auch nicht irgendwann Abschied nehmen von ihnen wie von Winnetou oder auch von Nschotschi.

Der Einstieg in die Literatur über die Identifikation mit den Helden ist vielleicht der verbreitetste, er birgt die Gefahr, daß man nur schwer von ihm loskommt. Das beste Antidot vielleicht nicht nur in Rußland, sondern überhaupt ist Gogol. Nichts, was einem Identifikationsangebot auch nur ähneln würde. Will man sich einen zusätzlichen Gefallen tun, liest man begleitend Nabokows Buch über Gogol. Mit souveränem Gestus schiebt Nabokow alle nachgeordneten Interpretationen beiseite, nicht nur Freud wird mit dem üblichen Furor verjagt, auch das Verständnis als Sittenbild, Satire, Komödie, alles Unsinn, weg damit. Ernstzunehmen ist Gogols Kennzeichnung seines Werks als Poem, als Prosagedicht. – Man muß nicht uneingeschränkt bleiben bei diesem Ansatz, heilsam ist er für den Anfang in jedem Fall.

Das Buch quillt über von überflüssigen Menschen, лишние люди, nicht in der vertrauten Anwendung auf die romantischen Helden Lermontows oder Puschkins, Petschorin oder Onegin, sondern in der radikalen Bedeutung, daß sie überflüssig sind sowohl für die Welt als auch für das Buch. Gleich zu Beginn tauchen zwei russische Bauern auf, die völlig folgenlos über die Haltbarkeit der Kutschenräder diskutieren und dann für immer verschwinden aus dem Buch und aus unseren Augen. Unser besonderes Augenmerk richtet Nabokow auf die zahllosen Gestalten, die nur Leben erhalten in der kurzen Blase einer Metapher und mit deren Zerplatzen wieder verschwinden: Der Tag war von jener blaugrauen Farbe, wie man sie an den Uniformen von Garnisonssoldaten findet, die im übrigen recht friedfertige Kriegshelden sind, wenn man von ihrem beschwipsten Zustand an Sonntagen absieht. – Die Garnison tritt an, um die Wetterlage zu verdeutlichen, nutzt die Gelegenheit, um sich zu betrinken, und tritt wieder ab. Die toten Seelen, wer braucht sie, und doch gewinnen viele von ihnen ein volles Leben, und andererseits die sogenannten handelnden Personen, Manilow, Sobakjewitsch oder auch Tschitschikow selbst, wer braucht sie? Wir brauchen sie nicht, das Buch braucht sie nicht, es braucht nur sich selbst und darum brauchen wir das Buch und alle in ihm enthaltenen Gestalten mit ihm. Wie der Planet Solaris ist Gogols Buch ein Gestalten entwerfendes und verschlingendes Mysterium, unergiebig für unsere Alltagswelt: Wenn Sie erwarten, etwas über Rußland zu erfahren, wenn Sie sich für Ideen, Tatsachen und Botschaften interessieren, dann machen Sie einen Bogen um Gogol. Nabokow zeigt Neigung, angesichts dieser irrealen Dämonen- und Geisterwelt, den Namen Gogol von Ghul herzuleiten, obwohl er natürlich weiß, daß das falsch ist.



Das zweite sind die lyrischen Ausbrüche, der lyrische Grundton, der, so Nabokow, immer dann zum Vorschein kommt, wenn Rußland, wie es in Gogols Vorstellung existierte – eine eigentümliche Landschaft, eine besondere Atmosphäre ein Symbol, eine lange Straße -, durch den ungeheueren Traum des Buches in all seinem seltsamen Liebreiz hindurchscheint. Rus, wohin stürmst du? Antworte mir ! Du schweigst. Wunderhell klingen die Glöckchen in der Gespannmitte; die Luft rauscht auf, zerreißt, wird Wind; alle Dinge auf Erden fliegen vorüber, und andere Völker und Nationen schauen voller Argwohn und treten zur Seite, um den Weg freizugeben. – Das klingt schön für uns und hat für den aus seiner Heimat vertriebenen Nabokow vielleicht noch schöner geklungen.




Nach der Niederschrift der Toten Seelen verliert Gogol sich immer mehr im Zauberreich seiner wortgeborenen Gestalten, Geistern und Dämonen, in Krankheit und religiösem Wahn. Nabokow beglückwünscht Gogol zu dem Entschluß, das Manuskript des zweiten Teils der Toten Seelen zu verbrennen. Er erwartete sich davon nur unangenehm Erbauliches und macht keine Anstalten, die erhaltenen Fragmente zu lesen. Auch an Tolstojs später Traktatphase war Nabokow naturgemäß nicht interessiert, obwohl sich hier die ebenso asketische wie muskulöse Prosa immerhin noch genießen läßt.

Donnerstag, 14. Januar 2010

Zu Gast bei Joseph de Maistre

Iasiah Berlin: Joseph de Maistre and the Origins of Fascism
E.M. Cioran: Essai sur la pensée réactionnaire à propos de Joseph de Maistre

wo jitz de Gelehrte vo Ufklärung und Freiheiten und settigem Züüg pralatzget hei

Wenn zwei so verschiedene Denker wie der liberale, auf Ausgleich bedachte Iasiah Berlin und der, so scheint es, fortwährend entlang leidenschaftlicher Leitfäden flammende Emil Cioran zu Gast beim selben Berufskollegen sind, fällt das auf. Wenn sie obendrein als Schicksalsgemeinschaft auftreten, ist das Grund zum Nachdenken. So muß man es aber wohl sehen, wenn Berlin, abgesehen von sich selbst, Cioran als den einzigen nennt in der neueren Zeit, der Joseph de Maistre hinreichend ernst nimmt; vernachlässigt ist dabei de Maistres kanadischer Biograph Richard Lebrun, der aus beruflichen Gründen naturgemäß zu Ernst verpflichtet war.


Zu Gast bei Joseph de Maistre, der über den König noch und den Papst den Henker stellte, den er auch farbiger zu gestalten verstand als das Bild Gottes: Qu’est-ce donc que cet être inexplicable qui a préféré à tous les métiers lucratifs, honnêtes et mêmes honorables qui se présentent en foule, celui de tourmenter et de mettre à mort ses semblables ? Il vit seul avec sa femelle et ses petits, qui lui font connaître la voix de l’homme : sans eux il n’en comnnaîtrait que les gémissements. On lui jette un parricide, un sacrllège : il le saisit, il l’étend, il le lie sur un croix horizontale, il lève le bras : alors il se fait un silence horrible, et on n’entend plus que le cri des os qui éclatent sous la barre, et les hurlements de la victime. Il a fini, il descend : il tend sa main souillée de sang, et la justice y jette quelques pièces d’or. Il se met à table et il mange ; au lit ensuite, et il dort. Dieu qui est l’auteur de la souveranité, l’est donc aussi du châtiment. Domini enim sunt cadines terrae, et posuit super eos orbem.






Cioran ist vor allem an Maistres Denk- und Schreibstil interessiert, ses rares complicités avec le bon sens und seine nicht weniger seltenenen accès de modération: Ce qui nous retiendra chez lui, c’est sa superbe, sa merveilleuse impertinence, son manque d’équité, de mesure et, parfois, de décence. Les vérités dont il se fit l’apôtre valent uniquement par la déformation passionée que leur infligea son tempérament. Mancher mag meinen, diese Beschreibung ließe sich auch auf Cioran selbst wenden, ihm selbst wird das nicht entgangen sein. Er grenzt sich aber insgesamt von allen Denkern und damit auch von de Maistre ab, qui attribuent au processus historique une signification. Passer d’une conception théologique ou métaphysique au matérialisme historique, c’est changer simplement de providentialisme.

Reaktionäre und Konservative orientieren sich an einer Utopie der Vergangenheit, einem Goldenen Zeitalter, Progressive und Revolutionäre an einer Utopie der Zukunft, dem Sonnenstaat. Wenn man auf beide zeitlichen Außenposten verzichtet, an denen das Übel als aufgehoben gedacht werden kann, muß man mit dem Übel leben. Man kann es als Erbsünde den Menschen zurechnen und Gott zur Lösung überlassen, oder man kann eine mißratene Schöpfung, einen mauvais démiurge und damit ein nicht aufhebbares Grundübel annehmen; Cioran hat es über die bloße Annahme hinaus sein Lebtag darauf angelegt, das Übel ohne Wimpernschlag zu fixieren, in der existentialistischen Art der Nachkriegszeit einsam und frei von den Zeitumständen.

Die Progressiven haben einen gewissen Deutungsvorteil, unbestreitbar schreitet die Welt auf die eine oder andere Art fort. Von Progressivität im engeren Sinne spricht man aber erst dann, wenn die Neuigkeit des Neuen überschätzt und das Neue ohne hinreichenden Grund positiv bewertet wird. Wenn Cioran für sich eine neutrale Stellung zwischen Reaktionären und Konservativen auf der einen und Progressiven und Revolutionären auf der anderen Seite beansprucht, so glaubt er doch, daß die Reaktionäre in der Regel besser schreiben und sagt auch warum: Pourquoi les conservateurs manient-ils si bien l’invective, et écrivent-ils en général plus soigneusement? C’est que, furieux d’être contredits par les événements, ils se précipitent, dans leur desarroi, sur le verbe dont, à défaut d’une substantielle ressource, ils tiennent vengeance et consolation. Damit hat Cioran zugleich auch seinen eigenen stilistischen Anspruch klargelegt, dessen Einlösung ihm z.B. Updike bestätigt, noch während er ihn kritisiert: He writes painfully well. Wer das Absolute und mit ihm das Übel starr fixiert, die Welt also, gegen die wir immer verloren haben, der ist umsomehr à défaut d’une substantielle ressource.

Sowohl Cioran als auch Berlin vermerken, daß Maistre in seiner Korrespondenz, dort wo er nicht auf seine Idee fixiert ist, ganz anders erscheint: liebendwürdig und freundlich. Auch Cioran ist hier, wo er über einen Kollegen referiert und nicht einsam dem Absoluten gegenübersteht, für die, die ihn vornehmlich aus seinen „absoluten“ Schriften wie Le mauvais démiurge oder L’inconvénient d’ être né kennen, nicht leicht als derselbe zu identifizieren und weit weniger von I. Berlin entfernt, als man hätte denken können.

Reaktionäre orientieren sich an der Vergangenheit, Revolutionäre an der Zukunft, beide aber meinen die Vergangenheit. Auch de Maistre hat sich als Denker des Absoluten verstanden, wobei für ihn das Absolute nicht der verborgene Hintergrund, sondern das Ganze und vor allem auch die politische Ordnung ist. Dem Problem des Grundübels begegnet er dadurch, daß er es rundum und vor allem auch in seinen gräßlichsten Äußerungen, siehe den Lobpreis des Henkers, zum Grundsegen erklärt. Damit unterscheidet er sich fundamental von faden Konservativen wie seinem Freund Louis-Gabriel-Ambroise de Bonald, die bloß festzuhalten versuchen, was nicht zu halten ist, und wird, in der Interpretation Berlins, zu einem Vorläufer und Wegbereiter der totalitären Regime des zwanzigsten Jahrhunderts. Das ist aber nicht gleichbedeutend mit der Verhängung eines Anathems: Maistre’s political psychology has proved, if only by revealing, and stressing, destructive tendencies which humane and optimistic persons tend not to want to see, at times a better guide to human conduct than the faith of believers in reason; or at any rate can provide a sharp, by no means useless, antidote to their often over-simple, superficial and, more than once, disastrous remedies. – Man mag sich fragen, ob im Augenblick, da die EU sich immer stärker als Tugendstaat des Nichtrauchens und aller anderen guten Ding geriert und zugleich die dunklen Kräfte des Marktes immer unbekümmerter entfesselt, ein neuer, gewandelter de Maistre am Platz sein könnte.

Wir haben immer noch Niklas Luhmann. Gegen eine Einordnung seiner Systeme als das Grundübel der Welt, hätte er womöglich wenig einzuwenden gehabt, denn daß er die Systeme feiert, glauben nur los tontos, um hier ausnahmsweise einmal Gómez Dávilas Lieblingsvokabel aufzugreifen. Die sozialen Systeme im Sinne der Systemtheorie sind bei weitem flexibler als de Maistres starre Gottesordnung und kommen auch ohne Henker aus. Die Einordnung der gesellschaftlichen Systeme als ein Übel wäre für Luhmann wohl möglich aber nicht sinnvoll gewesen, nicht sinnvoller jedenfalls als eine entsprechende Qualifizierung der atomaren Struktur der Physik oder der molekularen der Chemie. Was Gott sieht, wenn er denn von der anderen Seite auf die Bauformen seiner Welt schaut, wissen wir nicht. Er hat viele Möglichkeiten. Stanisław Lems Solarisozean produziert anthropomorphe Gebilde mit basaler Neutrinostruktur, da mag es dann auch in der Soziologie schon ganz anders aussehen.

Dienstag, 22. Dezember 2009

Die nächste Stadt

Kafka lebensnah

Der alte Mann pflegte zu sagen: Die Tage sind erstaunlich kurz. Denke ich nur an den morgigen, so drängt er sich mit derart zusammen, daß ich zum Beispiel kaum begreife, wie ein junger Mensch sich entschließen kann, zur Arbeitsstelle in die nächste Stadt zu fahren, ohne zu fürchten, daß - von unglücklichen Zufällen ganz abgesehen – schon die Zeit eines gewöhnlichen, glücklich ablaufenden Tages für eine solche Fahrt bei weitem nicht hinreicht.

Montag, 21. Dezember 2009

Weisheiten

Je ne lirai plus les sages

Als Liebe zur Weisheit ist die Philosophie passé, lehrt Niklas Luhmann. Hinter jeder Weisheit stehe eine schlichte Beobachtung der ersten Stufe, die Beobachtung eines Objektes. Alle Objekte sind aber schon tausendfach beobachtet worden, in unserer Welt multipler Perspektiven zählen allein Beobachtungen der zweiten Stufe, Beobachtungen von Beobachtungen. Die Weisheiten müssen sich gegenseitig stoßen und rammen. Schaut man in eine der Fernsehserien, in denen einer weiser Mann mit weisem Haar Weisheiten sekretiert, die sich nach der Art von Fettflecken ausbreiten, wird einem elend wie sonst kaum. Man wünscht sich nichts anderes, als daß die Putzkolonne, die einst Joseph Beuys’ unweisen Fettfleck entfernt hat, noch aktiv wäre. Einer Weisheit ist nur noch zu ertragen in einer Umgebung, wo man sicher sein kann, an der nächsten Ecke auf ihr Gegenteil zu stoßen, das nicht ihr genaues Gegenteil sein darf, denn sonst würden die Weisheiten einander einfach verschlucken.

Gómez Dávila hat Scholien zu einem und damit in Beobachtung eines impliziten Text verfaßt, der implizite Text ist der Mainstreamtext von der Würde und dem Stolz des sich emanzipierenden Menschen, und bei jeder Scholie kann mit Genuß und Freude der Abprallwinkel berechnet werden, oft liegt er allerdings nahe den hundertundachtzig Grad. Bei Cioran fehlt der implizite Text, er ist zerschossen und vernichtet, wir befinden uns im Chaos eines Teilchenzoos der Weisheiten und Antiweisheiten, ihrer gegenseitigen Beobachtung und Vernichtung, und nur für Augenblicke kehrt Ruhe ein: Nur das dauert, was in der Einsamkeit konzipiert wurde, im Angesicht Gottes, ob man glaubt oder nicht.

Zwei Frauen sind auffällig in Ciorans Werk, Teresa von Avila und Emily Brontё: Alles was von ihr kommt, hat die Gabe, mich zu erschüttern. Haworth ist mein Wallfahrtsort. Teresa von Avila geht ohne weiteres durch, ohne daß man sich in Einzelheiten vertiefen müßte, aber Emily Brontё? In der Jugend hat man wohl selbst das Buch von den Sturmhöhen gelesen und sich begeistert, es dann aber doch, ohne die frühe und unzuverlässige Lesung noch einmal zu überprüfen, als eher nicht ganz für voll zu nehmen in die Ablage verfügt. Cioran, Zeit seines Lebens und bis in das hohe Alter um größere Nähe zum Tod als zum Leben bemüht, war offenbar fasziniert vom Bild der drei Schwestern, von denen jede einige wenige Bücher verfaßt hat, um dann, noch keine dreißig oder kaum vierzig Jahre alt, zu verschwinden. Stimmen aus dem impliziten Text Dávilas, dem explizit unser Gegenwart bestimmenden also, versuchen Anne in den Vordergrund zu rücken, da sie sich in besonderem Maße um die Frauenemanzipation verdient gemacht habe, sodann Charlotte, die in Jane Eyre die Maxime von der sexuellen Gleichberechtigung vertreten habe, vor den beiden vernünftigen Schwestern besonders geliebt worden ist aber immer Emily mit ihrem wüsten, unweisen und keiner guten Absicht verpflichteten Buch.

Ohne Emily als ihre brennende Mitte wäre Cioran, neben Iwan Karamazow und Stawrogin eine typische, dem Roman allerdings ins Reale entsprungene Gestalt Dostojewskis – er selbst hat auf seine Nähe zum russischen Byronismus hingewiesen - auf das Dreigespann der Schwestern wohl nicht aufmerksam geworden. Man muß nicht allzu sehr abstrahieren, um ein Beschreibungsniveau zu erreichen, das Emily Brontёs Roman und Ciorans Aphorismenwelt gleichermaßen gerecht wird.

Die jeweilige soziale und politische Wirklichkeit ist weitestgehend beiseitegeschoben, um einen freien Blick auf die vermuteten Eigentlichkeiten der menschlichen Existenz zu gewinnen. Der Haß kann Gemeinschaft stiften und sie nicht schlechter zusammenhalten als die Liebe. Die Menschen sitzen hinter Mauern verriegelt und gewähren nur höchst ungern Zutritt. Nicht geboren werden ist unbestreitbar die beste Lage, leider steht sie niemandem zu Gebote. Die intrauterine Existenz läßt sich womöglich etwas gnädiger beurteilen, niemand aber sollte die Langlebigkeit eines Totgeborenen übertreffen. Aber auch diese Vorgabe läßt sich im Roman nicht in Reinheit einlösen, die zugestandene Frist würde weder dem Autor zur Niederschrift noch den fiktiven Gestalten zur angemessenen Entfaltung hinreichen, es kann also nur um Annäherung an den Idealwert gehen. Die Unannehmlichkeit, geboren zu sein, wird gemildert durch dem frühen Tod. Die Figuren des Romans erreichen kaum die Dreißig und wenn sie sie überschreiten, so nur, weil sie gegerbt sind vom Racheverlangen und vom Bösen. Die Frauen haben den Vorteil, noch als junge Mädchen gleich bei der Geburt ihres ersten Kindes sterben zu dürfen, ein Vorteil, den sie in unseren Tagen weitgehend eingebüßt haben, würde der Philosoph ergänzen. Seine Vision von der Zukunft ist so genau, daß er Kinder, falls er sie denn hätte, sogleich erwürgen würde. Und im Zentrum dieser unguten Welt ein glühender, gleißender Kern, Gott bei Cioran und die Liebe bei Emily Brontё, bei dem man annehmen muß, daß das Böse sich darin eingenistet hat, le mauvais démiurge, le mauvais amour.

Niemand kann sich uneingeschränkt in dieser Welt aufhalten. Der Roman ist aus der uns vertrauten, von der Hauhälterin Nelly Dean verkörperten Normalperspektive geschildert. Am Ende des Buches treten Catherine die Jüngere und Hareton aus der Hölle hervor wie einst Adam und Ewa aus dem Paradies, und selbst Heathcliff scheint auf eine seltsame Art irre geworden am Bösen. Ciorans Bücher haben keine der Norm verpflichtete Rahmenhandlung, die Aphorismen sind mit sich allein. Immer wieder aber werden sie durchleuchtet von der Freude, so viele Herbste mag ich das Schauspiel dieser Blätter beobachtet haben, dennoch empfinde ich jedesmal wieder eine Überraschung, in welcher das „Erschauern“ weitaus den stärksten Anteil hätte, bräche nicht im letzten Augenblick ein Jubel aus, dessen Ursprung ich nicht zu enträtseln vermag. Besucher Ciorans waren verwundert und erleichtert, wie wenig seine Umgangsformen mit denen Heathcliffs gemein hatten. Wir haben Photos, auf denen er lauthals und offenbar völlig undiabolisch lacht. Sein Grabmal ist, wenn nicht christlich so doch bürgerlich und traut, er ruht auch nicht allein.

Mittwoch, 18. November 2009

Befreiungstheologie

M. legte im Rahmen der Synode eine zwar nicht überbordende aber doch für alle Teilnehmenden ohne weiteres ersichtliche Promiskuität an den Tag, es schien sich um einen Teil ihres theologischen Verständnisses zu handeln, Befreiungstheologie eben. Daß ich nicht interessiert war, nahm sie mir in keiner Weise übel. Es könne mich nicht überzeugen, so führte ich aus, daß die Kirche sich einzumischen habe, gemeint war natürlich das Feld der Politik, solange von Politikern und Vertretern aus Wirtschaft und Finanzwelt keine Statements zu Christologie und Pastoraltheologie erwartet würden. Alles eine Frage des Stolzes. Wer sich einzumischen habe und wer nicht, zeige lediglich, wie die Macht- und Bedeutungsverhältnisse inzwischen liegen, wer wem nachstiefeln muß, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden in der Öffentlichkeit. Zu einer angemessenen Vertiefung dieser Fragen kam es aber nicht, da M. immer wieder von diesem und von jener Synodalen im Vorbeigehen angesprochen und abgelenkt wurde in dieser Sitzungspause. Vielleicht ist Promiskuität auf Synoden der gebotene wenn nicht einzige Weg zu ungestörten Zweiergesprächen über Fragen der theologischen Theorie und pastoralen Praxis.

Mittwoch, 4. November 2009

Daneben

Ich wende mich ab, ich verlasse die Gehsteige der Welt ....

Luhmanns berühmter Satz, wonach wir alles, was wir über die Welt wissen, aus den Medien wissen, erklärt noch nicht, was wir erfahren und auf welche Weise und was mit uns dabei geschieht. Da alles, so kann man annehmen, in keinem Fall wenig ist, mag die immer wieder genannte übermäßige Informationsflut in den Sinn kommen, ein Reichtum, dem wir nicht gewachsen sind, scheint es. Aber so viel wir in der Tat an einem Medientag hören und sehen müssen in den Zeitungen und aus den Rundfunkanstalten, es scheint am Abend nur wenig, fast nichts gewesen zu sein, alles auf der gleichen Ebene, auf einem Gebiet, kaum größer als ein Fußballfeld, und zumal die Gegensätze – Steuern rauf oder Steuern runter, rein nach Afghanistan oder raus aus Afghanistan, dafür oder dagegen – von einer Art, bei der die Einheit der Differenz immer in ermüdender Reich- und Sichtweite bleibt. Und all das wird vorangetrieben von einer großen, in der Sprachform der Gutrede gestalteten Welle der Selbstaffirmation, in der Kritik in der dominierenden flachen Bedeutung des Begriffes nur mittreibt. Autoren wie Luhmann werden zu Rettern, die uns herausholen aus dem ungemütlichen Treiben. Ab und zu aber reicht auch das nicht und es wird nach der noch stärkeren Medizin verlangt von Leuten wie Gómez Dávila oder Emil Cioran, die ganz und gar daneben stehen.

Beläßt man es in diesem Zusammenhang bei den beiden, so ist unmittelbar wohltuend, daß sie auf den ersten Blick, bis auf den Umstand, daneben zu stehen, wenig miteinander gemein haben, wir können daher hoffen, es gibt unendliche Möglichkeiten, daneben zu stehen. Dávila, ferventer Christ und Katholik von einer Ungerührtheit, die auch den Papst das Fürchten lehren kann, Cioran, Sohn des Metropoliten von Hermannstadt, fast immer auf nicht ganz übersichtlichen Feldzügen gegen die Religionen und bevorzugt das Christentum. Angriffe werden gegen das Alte Testament gefahren: L’injonction criminelle de la Genèse: Croissez et multipliez – n’a pu sortir de la bouche du dieu bon. Soyez rares, aurait-il plutôt suggéré, s’il avait eu voix au chapitre. Jamais non plus il n’a pu ajouter les paroles funestes : Et remplissez la terre. On devrait, toute affaire cessante, les effacer pour laver la Bible de la honte de les avoir recuellies. Nicht weniger heftig fährt er gegen das Neue Testament : L’incarnation est la flatterie la plus dangereuse dont nous avons été l’objet. Elle nous aura dispensé un statut démesuré hors de proportion avec ce que nous sommes. En haussant l’anecdote humaine à la dignité de drame cosmique, le christianisme nous a trompé sur notre insignifiance. - Nicht der verbreitetste Vorwurf gegen das Dreigespann der Christengötter, der eher darauf zielt, daß der gute Initialeinfall des Paradieses schon bald drangegeben wurde, aber eine Vorwurfshaltung, die durchaus auch ihre Jünger hat, der in diesen Tagen versotrbene Claude Lévi-Strauss, um nur einen zu nennen, hätte wohl unterschrieben. Und noch der kleine vergiftete Leckerbissen für alle Christen, die Bach lieben: Wenn es einen gibt, der Bach alles verdankt, dann ist es Gott. Hätte Blumenberg das als sogenanntes Abstract seiner Matthäuspassion akzeptieren können ? - Wenn Cioran allerdings festhält: C’est parce qu’il ne peut plus détester les autres religions, c’est parce qu’il les comprend, que le christianisme est fini: la vitalité dont procède l’intolérance lui fait de plus en plus défaut. Or, l’intolérance était sa raison d’être. Pour son malheur, il a cessé d’être monstrueux – mag er den alten Boden beschreiben, den Dávila mit gutem Grund nicht verlassen will, auch wenn er ihn natürlich ganz anders beschreibt.

Updike hat Cioran einen frustrierten Mönch genannt, ohne sich allerdings im Romanwerk unmißverständlich als Kenner des Mönchischen auszuweisen. Cioran selbst bezeichnet sich als Mönch ohne Gottes-Hypothesen und ohne den Hochmut dessen, der einsam dem Laster frönt. Der Mönch ist also unbestritten, das Epitheton aber vielleicht nicht besonders treffend, eher der vergessene, der verlassene Mönch, der Mönch daneben. Der Mönch hat seinen Platz nicht verlassen, aber Gott und die Welt haben sich weggedreht. Aus dem guten Gott ist der mauvais démiurge geworden, les horreurs dont l’univers regorge font partie intégrante de la substance, sans elles il cesserait physiquement d’exister.

The turn of the screw zum Nihilismus, aber im letzten Augenblick stockt die Drehung: Comment concevoir qu’une prière soit autre chose qu’un monologue, qu’une extase ait une valeur au-delà d’elle-même, que notre salut ou notre perte importe à un dieu ? Et cependant c’est ce qu’il faudrait pouvoir admettre, ne fut-ce qu’une seconde par jour. In diesem schmalen Raum vor der Vollendung der Drehung verbringt Cioran sein Leben, rasend, und nicht immer ist klar, in welche Richtung er dreht. Nous sommes tous au fond d’un enfer dont chaque instant est un miracle. Der Mönch ist kein Menschenfreund, eher ein unangenehmer Zeitgenosse: Quand je passe des jours et des jours au milieu des textes où il n’est question de sérénité, de contemplation, l’envie me prend de sortir dans la rue et de casser la gueule au premier passant. Und von der Zeitgenossenschaft hat er auch eine eigene Meinung: Qu’est-ce qu’un contemporain? Quelqu’un qu’on aimerait tuer, sans trop savoir comment.

Ciorans Gedanken sind von der Art, wie sie die Werke der Dichter tragen, ausgesprochen aber die Textur der Dichtung verletzten würden. Genau an dieser Stelle, knapp unter der Oberfläche der Dichtung, übernimmt Cioran die Angelegenheit zur weiteren philosophischen Bearbeitung, wen kann es dann wundern, wenn Paul Celan den Précis de décomposition als Lehre vom Zerfall ins Deutsche übertragen hat. Sebalds Werk etwa ist, wenn man so will, voller verdeckter Cioranismen, mit Beckett, jeder auf seiner Seite, hat Cioran sich unmittelbar verstanden, in Valéry hat er einen illegitimen Grenzgänger zwischen Dichtung und Philosophie gesehen.

Dávilas Scholien werfen ungerührt Steine in den Weg, Tausende, oft hat man nichts als einen Schmerz im Fuß, nicht weniger oft aber blitzt es auf im Kopf, Cioran schüttelt jeden Kragen, dessen er habhaft werden kann, und anschließend findet der Geschüttelte die alte Blickrichtung nicht wieder.

Seine ersten sechs Bücher hat Cioran in rumänischer Sprache verfaßt: Pe culmine disperarii. De ce nu putem ramine inchisi noi insine? De ce umblam ... Jede Menge für die Tastatur schwer aufzufindender diakritischer Zeichen müßten ergänzt werden, romanisch, alles scheint zum Greifen nah, und verschwindet doch im Nebel, wenn man diese Sprache nicht ausdrücklich erlernt hat. Weit und breit sehe ich nichts als lauter von Idealen durchdrungenes Vieh, das sich zusammenrottet, um seine Ideale herauszublöken. Auf der Suche nach einem wahrhaft Einsamen schreite ich die Jahrhunderte ab - und finde nur den Teufel, kann nur auf ihn eifersüchtig sein. Alles, was wir über die Welt wissen, wissen wir aus den Medien, die Erfahrung des Nichts aber ist unsere eigene.


Montag, 5. Oktober 2009

Philosophieren


Die junge, in New York ansässige Philosophin, bisheriger Vorzugsbereich Philosophie der Architektur in der Nelson Goodman-Nachfolge – als ehemalige königliche Stipendiatin verfügt sie im königlichen Eislaufpalast zu Madrid über ein uneingeschränktes philosophisches Rederecht – hatte sich für einen Besuch angemeldet zu einer Zeit, als ich mich gerade ganz und gar in die Schriften Emil Ciorans versenkt hatte. Goodman und Cioran, da konnte ich beim besten Willen und bei aller Anstrengung einen Berührungspunkt nicht feststellen, aber es war mir gelungen, in der Fachwelt jemanden aufzutreiben, dem es, wie er angab, ein Leichtes war, hier die Einheit der Differenz mit feinem Strich nachzuzeichnen. Zu diesem nicht ganz geringfügigen Ereignis waren kurzerhand auch die Eltern der jungen Philosophin eingeflogen, eine große Freude und keineswegs eingetrübt dadurch, daß die Handwerker entgegen ihrer Zusage nicht fertig geworden waren und das Haus nach wie vor besetzt hielten. In einem großzügigen Landschaftspark vertrieben wir uns paarweise oder in kleinen Gruppen - weitere hatten sich hinzugesellt – mit gefällig leichtem Philosophieren, jeder ein Platon, jede ein Aristoteles oder einer der anderen, wie Raffael Santi sie uns im Bild überliefert hat, anmutig die Zeit wie schon letztes Jahr in Marienbad. Ich kann mich nicht entsinnen, den Vortrag dann noch gehört zu haben, die Brücke von Goodman zu Cioran ist nach wie vor ein unbekanntes Gelände.




Bridge over Troubled Water