Freitag, 25. Februar 2011

Archimedes

Kafka, der angreifbarste aller Menschen, durch eine rätselhafte Wandlung aber immer gänzlich unangreifbar in seinen Sätzen, notiert: Er hat den Archimedischen Punkt gefunden, hat ihn aber gegen sich ausgenützt, offenbar hat er ihn nur unter dieser Bedingung finden dürfen.
Den Archimedischen Punkt haben wir 1789 gefunden, Liberté, Égalité, Sororité, kurz: Menschenrecht, wie kann das sich gegen uns wenden. Mancher, der sich in seinem näheren Umfeld umschaut, wird die biologische Reproduktionsrate europäischer Frauen auf Nullkommaeins veranschlagen und sich dann über den offiziellen Wert Einskommadrei freuen, in Rußland allerdings nur knapp Eins noch und in der Ukraine schon darunter, Populationen, die dahinschmelzen wie Joghurtbutter in der Julisonne. Ohne Belang wird man rufen, wir haben den Archimedischen Punkt gefunden, und der liebe Gott, an den wir naturgemäß nicht glauben, muß ihn besetzt halten und reihum weiterreichen. Der liebe Gott aber, von dem einige meinen, er habe nur wenig Liebes an sich, wird, seine eigene Existenz für den Augenblick postulierend, darauf verweisen, daß Er der einzige logisch unangreifbare und Kafkas Diktum nicht unterworfene Archimedische Punkt ist, und er wird sein allermüdestes Lächeln lächeln.

Sonntag, 23. Januar 2011

Säulenheilige

Nicht, daß sie dauerhafte Säulenheilige werden wollten, die beiden, er und seine Tochter, wollten lediglich die Möglichkeit der Säulenheiligkeit erkunden. Die Säulen ragten nicht allzu sehr empor, kurze stämmige Säulen mit einer anständigen Standplatte. Er hatte auch bereits einen Plan, die Säulenheiligkeit zu entschärfen, ihr den Mythos, ja recht eigentlich die Heiligkeit zu nehmen und sie als möglichen Teil einer jeglichen bürgerlichen Existenz zu erweisen. Gleich zu Beginn gab es eine kleine Schwierigkeit, die Aufzugwinde, mit der ich die Nahrung auffahren sollte, versagte den Dienst. Das kühlte den Säulenheiligkeitsmut kein bißchen. Es war ein Scherz und die Tiefe der Bedeutung schwer zu ermessen.

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Les jours et les plaisirs

Die Freude des Lesens, das Wohlgefühl und die Sicherheit, die es verschafft, werden vielleicht nirgends deutlicher als in der kaum zwei Seiten langen Erzählung Continuidad de los parques, der ersten in Julio Cortázars Band Final del juego. Jemand, so wird erzählt – sein Name bleibt ungenannt -, findet Gefallen an einem Roman, er muß die Lektüre aber zunächst wegen negocios urgentes zurückstellen. Dann aber am Abend, in seinem sillón favorito, überläßt er sich ganz dem erzählten Geschehen. Offenbar ist es ein Roman mit kriminalistischen Einschlag, ein Mensch mit einem puñal, einem Dolch, tritt auf, und irgendwann sieht es so aus, als habe er den vorgesehenen Rahmen der Geschichte verlassen und nähere sich in gefährlicher Weise dem Lesenden an, schon sieht er durch eine Tür la cabeza del hombre en el sillón leyendo su novela. Aber was kann dem Lesenden geschehen, im Nu kann er das Buch schließen, und der Messerheld ist hilflos und bewegungsunfähig eingeklemmt zwischen den Buchdeckeln oder doch von seiner Atemluft abgeschnitten. Und was gar könnte uns geschehen, die wir in unserem Lieblingssessel sitzen und die Geschichte lesen von dem Mann, der in seinem bevorzugten Lesesessel sitzt und die Geschichte vom Messerhelden liest. Daß der Meuchler mit seinem gezückten Dolch auch uns erreichen könnte, müssen wir in keiner Weise fürchten, für eine derartige Verkettung von unglücklichen Zufällen reicht die Zeit einer in gewöhnlicher Weise ablaufenden Ewigkeit bei weitem nicht hin. Sicherer als in unserem Lesesessel können wir unseres Lebens gar nicht sein.

Sonntag, 7. November 2010

Versandcouvert



Die Frage, ob der Jazz Kunstcharakter hat, ist müßig für den, der Miles Davis lauscht. Die Minister Pofalla und Röttgen planten einen Aufstand gegen Kanzlerin Merkel, ich sollte helfen. Zuvor aber mußte Pofalla aus dem Erdloch, das er bewohnte, umziehen in eine bürgerliche Bleibe. Über dem dachähnlichen Vorbau des Erdlochs ragte ein gefüttertes Versandcouvert hervor, an die drei Meter breit und vier Meter lang. Leider war es an der einen Ecke beschädigt und im Inneren nicht ganz sauber. Nicht weit entfernt aber lag ein gleichartiges und makelloses Exemplar, Pofallas gesamte Habe ließ sich darin unterbringen. Alles war bereit.

Montag, 18. Oktober 2010

Blick ins Wasser


Sie lief die Landstraße entlang, ich sah sie nicht, ich merkte nur, wie sie im Laufen schwang, wie ihr Schleier flog, wie ihr Fuß sich hob, ich saß am Feldrand und blickte in das Wasser des kleinen Baches. Sie durchlief die Dörfer, Kinder standen in den Türen, sahen ihr entgegen und sahen ihr nach.


Wir möchten mehr wissen, ist die Schöne auf der Flucht und vor wem? - denn schön stellen wir sie uns unweigerlich vor hinter ihrem Schleier. Die Szene wirkt bedrohlich, aber vielleicht täuschen wir uns, und es ist kein Fliehen, sondern Kurzweil, ein Spiel, ein Haschen. An eine bloße körperliche Laufertüchtigung, wie sie in dieser Art seither beträchtlich um sich gegriffen hat, können wir nicht glauben. Kafka schaut in das Wasser des kleinen Baches, sieht nicht viel von der Umgebung und verrät noch weniger. Wir schauen daraufhin hilfesuchend in die Schwindel.Gefühle, die wir immer mehr als einen Kommentar zu Kafkas Werken verstehen, und stoßen bei den Recherchen auf eine nicht veröffentlichte, im Schattenreich verbliebene Episode, die vieles erklärt. Offenbar konnte Beyle die Flüchtige trotz seiner Beleibtheit erhaschen, vielleicht mit einfachen Mitteln der Telepathie, denn bald sehen wir die zwei schon wieder einträchtig in den Bergen, wo es kühler und grüner wurde um sie herum, worüber sich Mme Gherardi, die so oft unter den staubigen Sommern ihrer Heimat zu leiden hatte, aufs äußerste entzückt zeigte.

Sonntag, 17. Oktober 2010

Tauromachie

Kafka hat das Land Spanien geliebt. Die zunächst recht konventionelle Theorie zum Don Quijote, dessen Unglück sei nicht seine Phantasie, sondern Sancho Pansa, hat er alsbald verfeinert und auf den Kopf gestellt: Sancho Pansa gelang es, einen Teufel, dem er später den Namen Don Quijote gab, derart von sich abzulenken, daß dieser dann haltlos die verrücktesten Taten aufführte, die aber mangels eines vorbestimmten Gegenstandes, der eben Sancho Pansa hätte sein sollen, niemanden schadeten. – Vor allem aber hat er sich intensiv mit Spaniens maßgeblicher Berufsgruppe befaßt, den Stierkämpfern:

Manchmal geschieht es, die Gründe dessen sind oft kaum zu ahnen, daß der größte Stierkämpfer zu seinem Kampfplatz die verfallene Arena eines abseits gelegenen Städtchens wählt, dessen Namen bisher das Madrider Publikum kaum gekannt hat. Eine Arena, vernachlässigt seit Jahrhunderten, hier wuchernd von Rasen, Spielplatz der Kinder, dort glühend mit kahlen Steinen, Ruheplatz der Schlangen und Eidechsen. Oben an den Rändern längst abgetragen, Steinbruch für alle Häuser in der Runde, jetzt nur ein kleiner Kessel, der kaum fünfhundert Menschen faßt. Keine Nebengebäude, keine Ställe vor allem, aber das Schlimmste, die Eisenbahn ist noch nicht bis hierher ausgebaut, drei Stunden Wagenfahrt, sieben Stunden Fußweg von der nächsten Station.

In Kafkas Tagebüchern, Heften und Blättern sind zahllose Edelsteine zu finden, nicht selten haben sie den Glanz des Staubs, das Leuchten verlassener und heruntergekommener Orte. Zwei davon, die Barke des Jägers Gracchus und den Dachboden des Jägers Hans Schlag, hat Sebald hervorgezogen und ihren Glanz in den Schwindel.Gefühlen leuchten lassen. Man fragt sich, was aus der verlassenen Stierkampfarena geworden wäre unter seinen Händen.

Man kann sich des weiteren fragen, ob überhaupt jemand den Austragungsort der Corrida erreicht. Auch dem glühendsten Aficionado dürften drei Stunden Wagenfahrt, sieben Stunden Fußweg im Anschluß an die Bahnfahrt zu denken geben, und gar der Stier, wo sollte er sich aufhalten, wenn keine Nebengebäude, keine Ställe zu finden sind. Wir sehen lediglich den von ungefähr eingetroffenen Matador inmitten der Kinder, die hier grad so spielen wie auf der Kaimauer in Riva bei der Einfahrt der Barke des Jägers Gracchus, und inmitten der Schlangen und Eidechsen, die ihn umschwärmen wie den Major Le Strange das Federvieh; der aber war zuvor Georg Miles gewesen und hatte die große Echse zur Strecke gebracht. Wir nennen den bis dahin namenlosen Matador Jordi und erleben ihn in der seiner Herkunft angemessenen Einsiedelei. Dem blutigen Treiben hat er den Rücken gekehrt.

Freitag, 20. August 2010

Europäische Neuordnung

Im


ist zu lesen:

Selon cette théorie l’ancestre de la langue basque aurait été parlé dans toute L’Europe occcidentale avant la venue par vagues successives des peuplades indo-européennes. Cette hypothèse a été plus récemment élaborée à partir des données de l’étude génétique des populations européennes actuelles. On y observe une concentration décroissante et régulière à partir du Pays basque vers le reste de ‘Europe d’un certain type d’AND. Or, l’on sait que la population européenne durant la dernière glaciation s’est réfugiée dans le Bassin aquitain ainsi que les Pyrénées, seules zones encore habitables. Chose que la topomymie tendrait à démontrer.



À partir du Pays basque vers le reste de ‘Europe. - Falls es der Toponymie gelingen sollte, zu den Ergebnissen der DNA-Analyse aufzuschießen, wären Europa und das Christliche Abendland in der jetzigen Form nicht mehr zu halten. Der ETA wäre die Stoßrichtung genommen, und allenfalls bliebe die Frage, ob die Basken bereit wären, den Rest Spaniens weiterhin als Teil von Euskal Herria zu dulden. Alle europäischen Institutionen wären umgehend von Brüssel und Straßburg nach Bilbo zu verlagern, Baskisch, als die einzig wahrhaft europäische Sprache der einzig wahren Europäer, würde obligatorisch an allen Schulen von Lissabon bis zum Ural, die Ungarn, Finnen, Esten und, horribile dictu, die Türken, die alle bereits die längste Zeit behende agglutinieren, hätten einen enormen Startvorteil. Europa hätte sein Herz und seine Mitte, hätte zu sich gefunden.