Samstag, 22. Mai 2010

Ká kaákakaá kaákaá

Auf- und absteigend in Wellen wie ein lang anhaltender Schrei: AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA.




Die Kultur der Pirahās, insgesamt vielleicht vierhundert Leute, mit Wohngebiet am Maici, einem Nebenfluß des Marmelos, dieser wiederum ein Hauptnebenfluß des Madeira, der seinerseits in den Amazonas fließt, muß uns dem Bericht Daniel Everetts in seinem Buch Don’t Sleep, there are Snakes zufolge sowohl in ihren materiellen als auch in ihren geistigen Aspekten als äußerst karg erscheinen. Keine Bauwerke ernsthafter Art, nichts mit Außen- oder Innenwänden, bloße Dächer auf aufgestellten Ästen, nichts, was auch nur einem einzigen Sturm standhalten würde. Reine Gegenwart, kein Interesse an Vergangenheit und Zukunft, wenig Rituelles, keine aufwendigen Mythenerzählungen und eine Sprache, der es am Notwendigen zu mangeln scheint, keine Zahlworte, kaum Abstraktion und wenig Generalisierung und vor allem keine Rekursivität, keine Möglichkeit, in den laufenden Satz fremde Aspekte hypotaktisch einzuspiegeln und damit nicht die geringste Möglichkeit, Sebald, den Großmeister der Spiegelung, in die Sprache der Pirahās zu übersetzen. Das ist sicher ein Verlust, denn Sebald erzählt seinerseits beifällig von den kleinen kupfrig glänzenden Leuten in der grünen Wildnis am Amazonas, und vieles deutet darauf hin, daß er bei den Kupferleuten, deren Sprache fast nur aus Vokalen besteht und vor allem aus den in unendlichen Variationen betonten und akzentuierten Laut A, die Pirahās im Sinn hatte. Dabei hat das Pirahā zugegebenermaßen neben drei Vokal- acht Konsonantenphoneme, der Glottisverschluß mitgezählt, und unter den Vokalen weiß man nicht recht, ob das A oder doch eher das I den Ton angibt. Zum einen aber bleibt die phonologische Potenz der Konsonanten oft ungenutzt, wenn die Bedeutung bereits auf anderem Wege geklärt wurde, sie variieren dann weitgehend frei, K für P &c., und zum anderen gibt es neben der Sprechversion des Pirahā eine Schreiversion, in der das A in der von Sebald ausgeführten Art dominiert, aus Kó Xiáisoxái, Baósaí wird Ká, Kaákakaá, kaákaá, und in einen ganz ähnlichen Schrei mündet schließlich die fragliche Erzählpassage in Austerlitz. - Zu meinen, bei der Pirahāsprache würde es sich um ein Stammeln knapp oberhalb der Artikulation handeln, wäre ein völlige Verkennung der Wahrheit, die Sprache hat ihre intrikaten Seiten, zwar ist das Hauptwort ohne Numeruskategorie, aber jedes Verb hat ein Minimum von fünfundsechzigtausend möglichen Abwandlungsformen, da muß die Inogermanistik auf der ganzen Linie passen. Wie jede Sprache ist Pirahā ein Gebilde der Schönheit, und wohl alle haben wir uns schon das eine oder das andere Mal gewünscht, befreit vom Übel, das wir erleiden, und dem, das wir zufügen, als Geister nur in unserer Sprache und von ihrer Schönheit zu leben.



Everett war ursprünglich als christlicher Missionar zu den Pirahās gekommen, und es ist nicht auszuschließen, daß die Gleichnisse Christi in ihrer, nach der Einschätzung Wittgensteins, metastilistischen Unmittelbarkeit und Einfachheit, sich in die Pirahāsprache hätten übersetzen lassen. Gleichwohl ist der missionarische Schuß, wenn man so sagen darf, nach hinten losgegangen, Everett hat sich in gewissem Maße von den Pirahās bekehren lassen und ist vom Glauben abgefallen.

Sowenig wie das Werk Sebalds läßt sich aber das säkulare Evangelium von Gleichheit und Menschenrecht den Pirahās sprachlich nahebringen. Es hat denn auch nicht an Versuchen gefehlt, Everett das Etikett des Rassismus anzuhängen, eine ebenso grotesker wie hilfloser Abwehrreflex des radikalen Universalismus, der hier, im Stromgebiet des Amazonas, auf seine Begründungsparadoxie stößt, um sich als ein bloßer Partikularismus der europäisierten Welt zu erweisen, der den Anschein von Universalität allein der erfolgreichen Vernichtung anderer Partikularismen verdankt. Sie würden Wahrheiten vertreten, so die Annahme der Universalisten, zu denen durch Bildung und Aufklärung jedermann notwendig gelangen müsse, was aber ist zu tun im Angesicht monoglotter Sprecher eines Idioms, dessen Außenhaut alle Bemühung um Aufklärung souverän abtropfen läßt. Die Pirahās sind gänzlich bildungsverschlossen, das Zählen auch nur bis zur Zahl Zwei wollen sie nicht erlernen, es fehlt ihnen jede sprachliche Vorratskammer für die Zahlenvorstellung.

Die Versuchung ist da, aber es fehlt der Mut zu sagen, auf die paar Urwaldbewohner käme es, das Große und Ganze vor Augen, nicht an. Die Menschenwürde nämlich, so haben wir gelernt, erlaubt kein Aufrechnen und Zählen, und auf einem großen Umweg haben wir uns damit den zahlenlosen Pirahās angenähert.

Man kann versuchen, sich damit zu trösten, daß die Pirahās offenbar ohnehin schon nicht wenige unserer großen kulturellen Kontrastträume real leben, keine nennenswerte Machtausübung, wenig Zwang, kaum Gewalt, Gleichberechtigung der Frau alles in allem zufriedenstellend - allerdings haben die Frauen einen Kononanten weniger zur Verfügung , das S ist den Männern vorbehalten ebenso wie die neben der Sprech- und der Schreiversion existierende Pfeifversion, und die Singversion der Sprache schließlich verwenden sie nicht auf die gleiche Weise -, Rousseaus edler Wilder scheint in der völlig unsentimentalen und von allen Idealisierungen freien Schilderung Everetts so gut als überhaupt nur möglich auf den Plan zu treten. Die Pirahās sind, Everett kann es nicht anders bezeichnen: glücklich, sie lachen fortwährend und am liebsten über eigene Mißgeschicke; auch unsere Lebensweise, heißt es, stehe ganz im Dienst des Pursuit of Happiness. Gleichwohl treten bei den Pirahās in nicht geringer Menge Aspekte auf, bei denen Bewohner der Ersten Welt, die inzwischen beansprucht, die Eine zu sein, große Mühe haben, an sich zu halten: Kinderarbeit schon im Vorschulalter, hundertprozentiger Analphabetismus, unterlassene Hilfeleistung in Fällen, in denen der Tod auf einfache Weise vermeidbar wäre, latente Mordbereitschaft gegenüber Nichtpirahās und andere mehr.

Das Quellgebiet des Amazonas liegt in Peru, und dort soll auch der Indiojunge wohnen, der, dem Trällerliedchen zufolge, so leben will wie du. Die Idee hat ihre Berechtigung dort, wo Angehörige von uns zerstörter Kulturen die Slums und Favelas der Städte bevölkern, außerhalb diese Kontextes ist es die pure Anmaßung und Selbstgefälligkeit, wir müssen wissen und es soll uns Trost sein: kein Piranhājunge will auch nur im entferntesten so leben wie Du oder gar ich.



Samstag, 17. April 2010

Zivilgesellschaft

Wer wenig in den Zeitungen liest, ist immer in Gefahr, auf neue Begriffe im gesellschaftlichen Leben erst dann vollends aufmerksam zu werden, wenn sie bereits fest installiert sind, und ihre Anhänger den Eindruck erwecken, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres oder Schöneres. Ein erster ungeleiteter Versuch Zivilgesellschaft zu verstehen führt zu der Einschätzung, es müsse sich wohl um die gesamte Gesellschaft abzüglich Militär, Grenzschutz und Polizei handeln. Das ist, wie sich dann zeigt, nicht richtig, allerdings auch nicht falsch, denn in der Fluchtlinie des Begriffes steht sehr wohl die Erwartung, all das könne, vielleicht schon bald, verzichtbar werden.

Bei Zivilgesellschaft handelt es sich um das bislang letzte Kind der Umstellung vom Goldenen Zeitalter auf Zukunftsutopie. Am Ausgang der frühen naiven Utopieentwürfe der Neuzeit glaubte Hegel triumphal zu verspüren, der Geist habe sich nun genug gewälzt in seinem materiellen Uterus und sei entweder bereits am Ausgang zur Wirklichkeit angelangt oder kurz davor. Marx entdeckte die Regularien des Klassenkampfes und damit die, allerdings nur geringe, Voreiligkeit Hegels. Auch Marx zufolge würde die unterste aller denkbaren Klassen, das Proletariat, per revolutionem schon bald zur Oberfläche vorstoßen und, nach einem kurzen Intermezzo der proletarischen Diktatur, Zustände sich einstellen, die er nicht anders als paradiesisch zu beschreiben vermochte. Nachdem die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts für alle erkennbar nicht erwartungskonform verlaufen war, erlebte der Revolutionsgedanke in den sechziger Jahren seine bekannte merkwürdige Neuauflage. Nach Ende des Kalten Krieges dann hatte Fukuyama nichts Eiligeres zu tun, als ein weiteres Mal das Ende der Geschichte auszurufen und seither arbeitet sich die Zivilgesellschaft als die stillere und überlebende Schwester der Revolution beharrlich voran.

Luhmann hat Marx historisch in die Flegeljahre der Soziologie verwiesen, und in der Tat könnte es scheinen, als sei man seither Zeuge eines bizarren Wettlaufs zwischen Utopisten und Soziologen, so als könnten die letzteren dadurch daran gehindert werden, systemische Zwänge und weitere schreckliche Dinge zu entdecken, daß man diese Dinge eiligst abschafft und eine gesellschaftsfreie Gesellschaft herbeiführt. Begonnen hat das ganze vermutlich vor langen, langen Jahren mit der mutigen Umstellung von Ahnenkult auf Erlösung durch das Christentum. Dabei lag der Zukunftspol allerdings für lange Jahrhunderte wohlverwahrt im Transzendenten. Die Hoffnung der Zivilgesellschaft geht dahin, auch auf die Institutionen, die versuchen, den Gedanken der Transzendenz hochzuhalten, samt Militär, Grenzschutz und Polizei schon bald verzichten zu können.

Dienstag, 30. März 2010

La douce France

Mme Maigret vint s’asseoir à côté de lui en ayant soin de ne pas le déranger par des questions.

D’aller partout sur place, d'interroger les concièrges dans leur loge, les artisan dans leur atelier, les ménagères dans leur cuisine ou leur salle à manger …


Ähnlich wie bei Nero Wolfe beschränken sich die sogenannten Freuden des Lebens für Jules Maigret im wesentlichen auf das Essen und Trinken, das Bier nimmt bei beiden eine zentrale Stellung ein, bei Wolfe, der sein Haus nicht verläßt, als Flaschenbier, Pression in allen Pariser Brasserien bei Maigret. Im Falle Maigrets kommt natürlich die Pfeife hinzu, besser: sie geht allem vorweg, und obendrein ist er verheiratet.

Auch wer den Prozeß von Emanzipation und Frauenrecht alles in allem gelassen verfolgt, ist verstört von dem beklemmend niedrigen Niveau, das Mme Maigret erreicht hat. Den Vormittag über bereitet sie ein kompliziertes Mittagsmahl vor, das Jules in der Mehrzahl der Fälle dann arbeitsbedingt absagen muß. Am Nachmittag vermutlich Säuberungsarbeiten, und am Abend kann sie einem erschöpften Maigret nur noch die Pantoffeln bereitstellen. Im Sommer verbringt sie einige Wochen bei ihrer Schwester im Elsaß, kein Kinder. Wenn demnächst die Burka aus Gründen der Frauenwürde verboten wird, müßte auch Mme Maigret verboten und die entsprechenden Passagen müßten geschwärzt oder umgearbeitet werden. In der Verfilmung von Saint Fiacre mit Bruno Cremer in der Hauptrolle treffen wir, in der Darstellung von Anne Bellec, auf eine Mme Maigret, die schlecht und recht am rettenden frauenrechtlichen Ufer angelangt ist.

Rex Stout hat beim Detektieren Kopf- und Laufarbeit sauber zwischen Nero Wolfe und Archie Goodwin aufgeteilt, Kommissar Maigret leidet darunter, daß er überhaupt einiges delegieren muß an seine Inspektoren und nicht alles allein machen kann. Er läuft und denkt und vermeidet zielgerichtetes Denken und zielstrebiges Laufen, er brütet an seinem Schreibtisch am Quai des Ofévres und durchstreift die Quartiers. Die Pfeife wird wieder das, was sie bei den Indianern war, ein Kultgerät, die Gedanken werden zu Rauch und umgekehrt, wir erleben die Verwandlung des radikalen Kleinbürgers Maigret in den meditativen Heiligen der Enquête, und in Wahrheit ist es eine ähnliche spirituelle Verwandlung und nicht einige banale Schritte nur auf der breiten Straße der Befreiung, die wir aus Gründen der Gerechtigkeit auch Mme Maigret wünschen würden, eine Verwandlung, die ihr aber vorenthalten bleibt, es sei denn, sie würde alltäglich unbemerkt am Herd stattfinden. Viel spricht nicht dafür, die Heiligen sind von Haus aus einsam und notgedrungen wenige.


Simenons Maigretromane sind sich alle gleich, mehr als hundertundachtzig Seiten, weniger als hundertundneunzig, mehr als fünf Kapitel, weniger als zehn. Auf den ersten zwanzig Seiten scheint es oft, als könne es ein wirklich schönes Buch werden, aber ein wirklich schönes Buch wird es dann nicht. Als kostbares Filtrat aus den sechzig oder siebzig Romanen bleiben uns aber Bild und Flair des alten Paris und des traditionellen Frankreich, unvollkommen und schön, ähnlich dem, das Tati in seinen Filmen gefeiert und vehement verteidigt hat, und dessen Spuren wir auf Reisen auch noch finden, wenn wir nur zu den Augen Simenons herausschauen.

Samstag, 27. März 2010

Die Wahrheit im Kaukasus

Zu Tolstois letzter großer Erzählung, Hadschi Murat, findet man etwa das folgende:

Hadschi Murat erzählt einerseits von der Lage der kaukasischen Bergvölker und von ihrem Widerstand gegen den Zarismus und spielt andererseits am Hofe des Zaren und dem von Schamil, dem Anführer der aufständischen kaukasischen Bergvölker in den Jahren 1834 bis 1859 geführten Krieg. Mit grimmiger Satire wird das Lager Nikolaus' I. und seiner hohen Würdenträger geschildert, während das Lager Schamils zwar kritisch, aber ohne demaskierende Satire gezeigt wird. Mit offenkundiger (dem Leser nicht immer verständlicher) Sympathie ist die Gestalt des Hadschi Murat versehen, einem Stellvertreter Schamils, der zu den Russen überläuft. Wieviel Gutes könnte ein solches Leben, wie es die Person des Hadschi Murat symbolisiert, unter anderen Umständen bringen, würde es nicht sinnlos vernichtet wie jene Tatarendistel, die Metapher und Anregung der Erzählung bildet. Auch aus heutiger Sicht gewinnt diese Erzählung dadurch, daß so unterschiedliche Haltungen zum Krieg gezeigt werden, denn vielen davon begegnen wir in der Gegenwart: Heldenverehrung, Lust am Zerstören, lügnerische Berichte, Verschließen der Augen vor dem Unglück anderer, Verzweiflung, Hinnahme eines auferlegten Schicksals und Bereitschaft zum Opfertod.

Oder auch: Tolstoi beschreibt in Hadschi Murat die Problematik des Gegensatzes von Naturnähe und Zivilisation und gestaltete daraus ein wirkungsreiches Bild. Die blühende Distel, die mit ihrem Widerstand gegen die sie bedrohende Hand des Menschen an die historische Gestalt des kaukasischen Volkshelden Schamyl erinnert und an seinen Gegenspieler Hadschi Murat, wird zum Symbol für die Gegenwehr. Die Erzählung nimmt in einem kaukasischen Bergdorf ihren Anfang, von wo sich die Handlung mehr und mehr bis zum Höhepunkt, einer Szene bei Zar Nikolaus I. in Petersburg, entfernt und schließlich wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrt. Aus der farbenfrohen Darstellung im Schnittpunkt zwischen Morgen- und Abendland ragt Hadschi Murat als urwüchsige heroische Gestalt heraus.

Reicht das hin in seiner offenkundigen Belanglosigkeit, sind wir damit zufrieden? Tolstoi hat sein Leben lang nach Wahrheit gesucht. Als Истина, als Authentizität, als Wahrhaftigkeit eines Menschen, einer Situation, eines gelebten Augenblicks ist sie ihm immer sozusagen in den Schoß gefallen, und wie kein anderer hatte er die Fähigkeit sie vollständig und auf geradem Wege, ohne jede Umschweife in das literarische Werk zu übertragen. Damit allerdings hat die Истина ihren Status nicht eigentlich verändert, so wie an den lebendigen Lebensaugenblick ist sie jetzt an die literarische Umgebung gebunden. Sie muß, außerhalb des literarischen Werkes formuliert, nicht falsch werden, hat aber auch keinerlei Verpflichtung, auf aridem Theorieboden wahr zu bleiben. Ihren Glanz, ihren Zauber, ihre Anmut, ihre Freude wird die Истина im Zuge der Umpflanzung in jedem Fall einbüßen.

Vielleicht war es gerade seine Mühelosigkeit im Umgang mit der Истина, die Tolstoi veranlaßt hat, sich an der Правда, der allgemein formulierten Wahrheit, dem Kategorischen Imperativ festzubeißen, im fortgeschrittenen Alter immer heftiger. Aber schon in Krieg und Frieden und Anna Karenina wird die Истина der Liebe in die Истина und dann sogleich in die Правда des Familienlebens überführt, ihren Zauber, ihre Прелесть, müssen Natascha und Kitty unverzüglich auf dem Altar der Правда opfern.

Die Wahrheitssuche des späten Tolstois war an die Evangelien angelehnt, aber womöglich war er dabei an die falsche Adresse geraten. Es ist sehr die Frage, ob die Gleichnisse, die Jesus erzählt, auf Правда und nicht vielmehr auf Истина aus sind, ob Tolstoi es nicht, ohne es zu wissen, in dieser Beziehung sozusagen mit einem Confrère zu tun hatte. Jedenfalls hat sich Tolstoi bei seiner Wahrheitssuche gründlich verirrt. In einem Brief aus Oktober 1900 an Tschechow schreibt Gorki entsetzt von dem Pack, das er bei einem Besuch in Jasnaja Poljana angetroffen habe. Den ganzen Tag habe er damit verbracht, ungläubig, gleichsam mit offenem Munde diese schäbigen und verlogenen Leute anzustarren. Tolstois neuere Schriften wie Das Sklaventum unserer Zeit, Die Wurzel des Übels oder Töte nicht! kämen ihm vor wie die naiven Ausarbeitungen eines Gymnasiasten. – Gorkis Verehrung für Tolstoi hat das nicht den geringsten Abbruch getan, für ihn, wie auch für Tschechow und eigentlich für alle anderen war Tolstoi der unbestrittene Titan der russischen Erzählliteratur und ein Titan auch im Ringen mit der Wahrheit und dem Leben. Auch nachträglich und selbst heute will dem niemand widersprechen.

Dem Titanen selbst ist nicht verborgen geblieben, daß er sich verirrt hatte, auch wenn er es sich nicht eingestehen wollte. Hadschi Murat ist die heimliche Rückkehr von der Правда zur Истина und sie fällt titanengemäß radikal aus. Die Erzählung eröffnet mit dem ganz und gar heidnischen Bild der naturgemäß moralfreien, nur aus Schönheit und Lebenskraft bestehenden Tatarendistel. Die Erzählung steht dann ganz in der Faszination des ebenso fremden wie authentischen Lebens des Hadschi Murat. Die Authentizität eines Lebens erweist sich für Tolstoi immer in einer Klarheit gegenüber dem Tod, die er in allen denkbaren Spielarten akzeptiert. In Krieg und Frieden ist deutlich die diabolische Faszination zu spüren, die für Pierre Besuchow und damit auch für Tolstoi von Dolochow ausgeht, der mit dem Rücken nach außen im offenen Fenster eines hohen Stockwerks stehend eine Flasche Wodka leert und im Napoleonkrieg dann, degradiert, mit gleich großer Todesverachtung und Unverletzbarkeit kämpft. In Hadschi Murats Leben hat es nur einen Augenblick der Feigheit gegeben und fortan hatte die Scham den Tod besiegt und im Todesmut verschwinden lassen. Man möchte meinen, daß für Tolstoi, aufs Ganze gesehen, die Faszination durch den Opfertod des Gottessohnes die heroischen Formen der Todesbewältigung dann doch noch übertrumpft hat, und das wird auch schon richtig sein. Wie kaum ein anderer der greifbaren Realität verpflichtet, hatte Tolstoi allerdings wenig Gespür für das transzendente Terrain des Christentums. Seine Distel scheint sich wenig von einem Leben nach dem Tode zu versprechen und über Hadschi Murats Jenseitserwartung erfahren wir nichts Inhaltsreiches.

Montag, 1. März 2010

Mit den Händen

Egon Baschke steht, wie er leibt und lebt, mit seinem Mikrophon mitten in Concepción, Chile. Im Hintergrund Gebäudetrümmer, vorne huscht ein Plünderer mit einem wohlgefüllten Alditrolley durch, eine Ananas ganz obenan. Die Menschen nehmen sich, was sie brauchen, die Behörden sind noch weit entfernt, die Lage im Griff zu haben. Egon Baschke übergibt zurück an die Heimat, Petra Gerster kommt in HD-Qualität ins Bild in ihrer wunderschönen, tief dunkelblauen Bluse mit dem so apart gearbeiteten Halsausschnitt. Sie schaut noch eine Weile traurig und beklommen, verspricht zum Thema eine Sondersendung am Abend und leitet über zu Gesundheitsreform und Kopfpauschale.

Der Boden wankte unter den Füßen, alle Wände rissen, der ganze Bau neigte sich, nach der Straße zu einzustürzen, und nur der, seinem langsamen Fall begegnende, Fall des gegenüberstehenden Gebäudes verhinderte, durch eine zufällige Wölbung, die gänzliche Zubodenstreckung desselben. Kaum befand er sich im Freien, als die ganze, schon erschütterte Straße auf eine zweite Bewegung der Erde völlig zusammenfiel. Besinnungslos eilte er, über Schutt und Gebälk hinweg, indessen der Tod von allen Seiten Angriffe auf ihn machte, nach einem der nächsten Tore der Stadt. Hier stürzte noch ein Haus zusammen, und jagte ihn, die Trümmer weit umherschleudernd, in eine Nebenstraße; hier leckte die Flamme schon, in Dampfwolken blitzend, aus allen Giebeln, und trieb schreckensvoll eine andere; hier wälzte sich, aus seinem Gestade gehoben, der Mapochofluß auf ihn heran, und riß ihn brüllend in eine dritte. Hier lag ein Haufen Erschlagener, hier ächzte noch eine Stimme unter dem Schutte, hier schrieen Leute von brennenden Dächern herab, hier kämpften Menschen und Tiere mit den Wellen, hier war ein mutiger Retter bemüht, zu helfen. Hier stand ein anderer, bleich wie der Tod, und streckte sprachlos zitternde Hände zum Himmel.




Vor allem im Medienbereich ist der Fortschritt mit den Händen zu greifen.

Samstag, 27. Februar 2010

NYC

Where the NYC winters aren’t bleedin’ me

Wir waren unterwegs zu einem Kurzaufenthalt in New York, Chr., Fr. und ich. Bereits gelandet schlugen wir uns durch zu unserem Quartier. Geistesgegenwärtig tätigten wir bereits einige notwendige und auch überflüssige Einkäufe. Die Bauten und der Raum dazwischen, alles milchig grau.




Ziel der Reise war es, uns von der fortbestehenden kulturellen Dominanz der Weltmetropole zu überzeugen, im Gespräch ging es aber um Chr.s Darlegungen zum erzählenden Charakter der Evangelien in Übereinstimmung mit Wittgensteins Bemerkung zu ihrer betörenden Einfachheit in einem sprachlichen Raum jenseits allen Stils, in Übereinstimmung auch mit J.L. Borges’ Bewunderung ihrer Modernität und Zukunftsträchtigkeit, hart abgesetzt von Nietzsches strohtrockenen Zarathustraphantasien mit dem lachenen Löwen, dem Adler und all dem Plunder, ich bitte Euch, enfin.

Stieghorst, damals so leer wie Manhattan zur Zeit der Indianer. Erste Siedler, die schwarze Nadel des Kirchturms auf der Höhe, der Fahrweg den Hang hinab, das Haus des Onkels auf halber Höhe, weiter unten das Gehöft der Urgroßmutter, noch weiter hinab und dann an der Biegung links das Haus der Tanten. Jetzt längst alles lückenlos vollgepackt mit Wohneinheiten.





Mittwoch, 24. Februar 2010

Im Roggen

Der Autor ist völlig trittfest und tonsicher, die vielen immer wiederkehrenden Kurzmelodien wird man bis zum Schluß nicht leid; that killed me, ist eine dieser Melodien und wäre sie wahr, dann wäre Holden Caulfield schon bald tausend Tode gestorben. Holdens untrügliches moralisch-ästethisches Gespür für das Falsche, für das, was phony ist, steht der Sprachsicherheit des Autors nicht nach. Das Gegenteil von phony ist eben what kills, was geradezu lebensbedrohlich entzückt. Kinder killen sehr oft, fast immer, Frauen und Mädchen, darunter auch Nonnen, nicht selten, Männer so gut wie nie.

Hat man das Buch lange nicht gelesen, setzt sich in der Erinnerung das Roggenfeldbild in seiner poetischen Absurdität als das Schlußbild fest. Das Bild beruht auf einem Mißverständnis, gin a body meet a body, heißt es bei Robert Burns, if a body catch a body hat Holden sich gemerkt und davon ausgehend seine so sehr verquere und schöne Vision vom Fänger im Roggen entworfen. Holdens verssichere kleine Schwester Phoebe weist ihn auf den Fehler hin, aber es gibt nun einmal kein wahres Verstehen ohne ein geringes Mißverstehen. Wäre alles immer richtig verstanden worden, so wären alles Verstehen und mit ihm alle Literatur längst erstorben.

Nach dem Roggenbild folgen aber noch gut zwanzig Seiten, und es gibt natürlich einen letzten Satz: Don’t ever tell anybody anything. If you do, you start missing everybody. Gewohnt ist man an das Gegenteil, man erzählt, um die Dinge festzuhalten, die sich verlieren wollen. I sort of miss everybody I told about. Even old Stradlater and Ackley. I think I even miss that goddam Maurice. Erzählen kann man nur von der unreinen Welt, in der auch Stradlater und Ackley und der gottverfluchte Maurice leben. Bestünde die Welt nur aus dem what kills, was geradezu lebensbedrohlich entzückt, bliebe allenfalls der lyrische Seufzer. Wer aber könnte den, endlos in die Länge gezogen, ertragen.