Montag, 21. Juni 2010

Klangfarbe


Peter Weiss’ Ästhetik des Widerstands ist ein in jeder Hinsicht eigenartiges Werk. Wer nur den Titel kennt, ohne sich dem Buch zu nähern, wird dahinter sein Leben lang eine kunsttheoretische Schrift vermuten. Bei der konturlosen Weite, die diese literarische Gattungsbezeichnung sich erobert hat, mag man das Buch einen Roman nennen. Auf wiederum eigenartige Weise scheint dem Werk allerdings zu fehlen, was die Liebhaber des Romangenres vor allem schätzen: die runde Fülle des Lebens.

Das Buch beginnt mit einem langen Blick auf den Pergamonaltar - später sind es dann die Sagrada Família und Angkor Wat - und gewinnt bei der Betrachtung der steinernen Kunstwerke selbst eine steinerne Prägung. Die Figuren scheinen nach Art des Flachreliefs einer riesigen Steinwand aufgesetzt, sie unterscheiden sich nicht nach jung und alt, die Söhne sind wie die Väter, Konfliktlinien jedenfalls verlaufen nicht entlang dieser Grenze. Die Figuren unterscheiden sich ferner kaum nach Mann und Frau, alle werden immer nur beim Nachnamen genannt, Lindbaek, Bischoff und Marcauer, das klingt kein bißchen anders als Heilmann oder Durruti; Hodanns sexualtheoretische Einsichten stellen die unerläßliche Verbindung her zwischen den beiden Abteilungen der Gattung Homo Sapiens. Kafka und Neukrantz werden auf einer Ebene behandelt, obwohl Weiss, der vielleicht nur eine Halbetage unterhalb von Kafka im Turm der Dichter wohnt, der Blick kaum reichen dürfte bis in Neukrantz’ Souterrain. Das Textbild ist so riesig wie monoton, als Satzzeichen sind nur Punkt und Komma zugelassen, alle Sätze scheinen sich auf einer Linie zu bewegen, keine Dialoge, keine direkte Rede, ein Absatz nur alle zehn Seiten: was wir lieben; der Vortrieb aber ist enorm. Das Gerücht, die Lektüre des Buches falle schwer, ist fern von der Wahrheit, man wird befördert fast ohne eigenes Zutun.

Eine Klangfarbe hatte sich eingestellt, berichtet der Icherzähler, die es mir möglich erscheinen ließ, allen Gedanken und Erfahrungen Ausdruck zu geben. Das scheint die übliche Vorstellung auf den Kopf gestellter Verhältnisse zu nähren, der Dichter habe etwas zu sagen und halte Ausschau nach einem geeigneten Wie. In Wahrheit steht am Anfang der künstlerischen Genesis die Klangfarbe oder wie sonst man es nennen will, und es ist die Frage, was dann noch gesagt werden kann. Weiss ist kein lächelnder Dichter, die Klangfarbe der Ästhetik des Widerstands ist unter anderem die des strengen Ernstes, Scherz, Satire, Ironie und in gewissem Sinne auch tiefere Bedeutung sind nicht zugelassen. Die Klangfarbe und nicht das Denkvermögen des Dichters bestimmt die Limitationen der Dichtung.


Weiss verkoppelt auf nicht dagewesene Art die denkbar größten Gegensätze: Kunst und Politik. Der größte Gegensatz ist vielleicht nicht einmal ein fundamentaler, beiden Seiten scheint es um die Verbesserung der Lebensumstände des Homo Sapiens zu gehen. Der Gegensatz ergibt sich aus der falschen Rangordnung, dem Anspruch der Politik auf den Primat. Politik gibt ein eingängiges Orientierungssystem vor, innerhalb dessen sich jeder mit mittlerem Bildungsabschluß leicht bewegen kann. Gerade dadurch werden aber die meisten gehindert, dann noch das weitaus anforderungsreichere Terrain der autonomen Kunst zu betreten.

Die Polis, das Miteianderauskommen, monoton erklärt nach dem Prinzip von oben und unten, ist die große Steinmauer des Buches. Immer wieder versucht sich der Blick zu lösen aus den engen Verhältnissen: Wir sprachen über Geschehnisse, die ein paar Jahrtausende früher über diese Küste hingegangen waren. Immer lag vor uns das Meer, blaugrau, diesig mit dem Rand des Himmels verfließend, zwischen Hainen von Eukalyptus, Zypressen ... – wird aber umgehend zurückgerufen zur Ordnung des Klassenkampfes: Oben entstand der Gedanke der Demokratie, unten war die geschundene Arbeitskraft, abgetrennt von allen Rechten. Und versucht es aufs neue: Tiefebene, Erntende in den Reisfeldern, schmaler Landstreifen zwischen Meer und Binnensee, aufwirbelnder Staub, Bücken über Kanälen und Schleusen, Pinienwälder, Apfelsinenhaine, die Mündung des Jucar, Ketten von Hügeln und Bergen, einbrechende Dunkelheit.

Die Kargheit, die steinerne Wand ist kein Manko des Buches, sondern sein Gegenstand, das Buch weiß von einer Welt hinter der Wand: Der Melancholie, untrennbar von allem Nachdenken ist im Reich des Geistes der Erste Platz angewiesen. Und: Für das, was das Offenkundige überstieg, besaßen wir nur noch kleine Register. Und: Kunst sei gleichbedeutend mit Humanität, denn ohne diese Anteilnahme am Leben, an diesem ständigen Kampf gegen die Selbstaufgabe, ohne diesen Drang, die Situation von immer wieder neuen Gesichtspunkten aus zu erhellen, ließe sich die weitreichende Wirkung der Kunst nicht verstehn. Und: Etwas ungeheuer Aufgeblähtes, worin die Politik willkürlich herrschte. Und: Da war diese Wörterwelt aus Hochgestimmtheit, wie die Politik sie gebrauchte, und die alles aufgezehrt hatte, was einst menschliche Hingabe war.

Die Kunst hat die Politik so eng an die Brust gezogen, und diese jene, daß der Erstickungstod droht. Die Häme der Marxisten, denen sich der Dichter ja ganz offenbar zugehörig sieht, belegt aber beredter als alles andere: Nicht die Kunst ist zu endgültigem Schaden gekommen bei dieser Umklammerung. Ein Kunstwerk nach dem anderen faltet sich auf hinter dem großen Steinwall, Picasso, Goya, Géricault, Menzel, Munch, muß und kann sich rechtfertigen. Daß tiefe Mißtrauen gegen eine Welt aber, die Mühsal und Ekel durch Formen und Farben bezwingt, ist nicht aufzuheben. Wenig nur mindert es dabei den Eindruck, den das Werk hinterläßt, daß ihm die traditionelle Industriearbeiter- und Bauernschaft als Ausgangs- und Endpunkt dient, die uns inzwischen weitgehend aus dem Blickfeld gekommen ist.

Naturgemäß ist das gewaltige Werk mit seinen tausenzweihundert Seiten Umfang von diesen Worten nicht mehr als angetupft. Wer gegen Ende liest von der Hinrichtung Coppis und Heilmanns und eines Dutzend anderer, Männer und Frauen, wird es nicht wieder vergessen. Vor dem Tode gewinnen sie ein volles Leben, die Vornamen werden genannt, das Buch wird zum Mahnmal ihres Lebens, Handels und Sterbens im Widerstand. Charlotte Bischoff überlebt. Sie würde den Schülern erklären, was damals gewesen war. Die Schüler würden vor der großen Gedenktafel aus Marmor stehen, und sie würde versuchen, ihnen etwas von dem deutlich zu machen, was sich hinter den goldenen Namen verbarg. Sie hat es Peter Weiss erklärt für seine Gedenktafel aus schwarzen Lettern, hat ihn, den Jüngeren, deutlich überlebt und ist im hohen Alter von dreiundneunzig Jahren gestorben. Dem grimmigen, sprachgewaltigen Ernst des Autors, seiner rücksichtlosen Reinheit kann sich auch der nicht verschließen, der den politischen Einsichten, denen er sich offenbar verschrieben hatte, nicht vertraut.


Dienstag, 8. Juni 2010

Thinking Hard and Having Fun


Remember?
No.
Me neither.


Kants Aufforderung, von der eigenen Vernunft Gebrauch zu machen, ist prekär. Die meisten von uns, das muß man eingestehen, können nicht wirklich denken. Die Vorstellung, ein jeder würde mit seinem ureigenen Hämmerchen und zugehörigem Meißel unmittelbar auf die Welt einschlagen, um sich so - der eine vielleicht etwas gröber und die andere vielleicht etwas feiner - sein unverwechselbares Bild von ihr zurechtzuklopfen, ist falsch. Was unsere Köpfe bevölkert, sind vagabundierende Bruchstücke aus den Gedankensystemen der wenigen wirklich Denkenden, nicht selten über zwölf Ecken vermittelt und zur Unkenntlichkeit verstümmelt, Gerümpel, Treibgut angeschwemmt nach den Prinzipien des Zufalls und der eigenen Lebenslage, das ist dann unser Eigenes.


Wer denkend immerhin bis zu diesem Punkt vordringt, zählt schon zur Avantgarde, und er mag auf die Idee verfallen, sich an einen besseren Denker als seinen Leitdenker anzuhängen. Wählt man Luhmann, so hat das gewisse Vorteile. Sein Theoriegebäude ist hinreichend weit zurückgezogen hinterm Damm errichtet, um nicht vom Tagesgeschehen ständig in Gefahr gebracht zu werden. Die ihn nicht verstehen, und das ist die überwältigende Mehrheit, und obendrein gern aus dem Wege haben möchten, behaupten allerdings ständig das Gegenteil. Er gilt als Garant des Funktionierens und seine Theorie als gescheitert, wenn etwas nicht funktioniert. So soll etwa auch die jüngste Finanzkrise seine Arbeiten ein weiteres Mal und endgültig in den Archivkeller verbannt haben, es habe sich gezeigt, daß die uns nährenden Systeme nicht zuverlässig arbeiten. Dabei hatte Luhmann noch zu Lebzeiten – anschließend hatte er dazu dann leider keine Gelegenheit mehr – wiederholt auf die überaus reale Gefahr hingewiesen, daß das Wirtschaftssystem, das primär nicht ein System der Güterproduktion, sondern ein System ununterbrochener Zahlungen ist, schlicht zum Stillstand kommen kann und zwar aufgrund der Unmasse global flottierender Gelder.

Die meisten von uns sind keine Denker und ebensowenig Dichter, ein eigenständiger künstlerischer Blick auf die Welt ist uns versagt. Zur Vorhut gehört schon, wer die Dichter zuverlässig von den Denkern unterscheiden kann und nicht glaubt, die Dichter würden als Lyriker vorgefaßte Gedanken nur noch am Zeilenende mit einem Reim versehen oder, als Epiker, erdachten Figuren in den Mund legen. Wer nach Erkenntnissen zu Peter Weiss’ Ästhetik des Widerstands guggelt, stößt sogleich auf die Seite eines Vereins zur Förderung des marxistischen Pressewesens e.V. aus dem Jahre 1982, die offenbar immer noch als netzwürdig angesehen wird. Dem Dichter wird neben vielem anderen vorgeworfen, daß er sich für Klangfarben interessiert. Daß Musiker nicht ganz ohne Klang und Maler nicht ganz ohne Farbe auskommen, wird man notgedrungen durchgehen lassen, aber ein Wortkünstler, der im gleichen Medium arbeitet, in dem auch die Begriffe entstehen - Begriffe überdies, die, soweit sie als wesentlich gelten können, von Marx bereits sämtlich geklärt wurden – wieso kann einem Wortkünstler noch an Klangfarben gelegen sein?


Wie wird der den Unterschied zwischen Denker und Dichter erläutern, der sich an Sebald als Leitdichter anhängt? Seine Antwort wird darin bestehen, daß er unaufhörlich Kleine Sebaldstücke verfaßt. Er schreibt und schreibt, um für Augenblicke zu glauben, er könne die Welt mit den Augen eines Dichters sehen und wisse, was ein Dichter ist.


Samstag, 22. Mai 2010

Ká kaákakaá kaákaá

Auf- und absteigend in Wellen wie ein lang anhaltender Schrei: AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA.




Die Kultur der Pirahās, insgesamt vielleicht vierhundert Leute, mit Wohngebiet am Maici, einem Nebenfluß des Marmelos, dieser wiederum ein Hauptnebenfluß des Madeira, der seinerseits in den Amazonas fließt, muß uns dem Bericht Daniel Everetts in seinem Buch Don’t Sleep, there are Snakes zufolge sowohl in ihren materiellen als auch in ihren geistigen Aspekten als äußerst karg erscheinen. Keine Bauwerke ernsthafter Art, nichts mit Außen- oder Innenwänden, bloße Dächer auf aufgestellten Ästen, nichts, was auch nur einem einzigen Sturm standhalten würde. Reine Gegenwart, kein Interesse an Vergangenheit und Zukunft, wenig Rituelles, keine aufwendigen Mythenerzählungen und eine Sprache, der es am Notwendigen zu mangeln scheint, keine Zahlworte, kaum Abstraktion und wenig Generalisierung und vor allem keine Rekursivität, keine Möglichkeit, in den laufenden Satz fremde Aspekte hypotaktisch einzuspiegeln und damit nicht die geringste Möglichkeit, Sebald, den Großmeister der Spiegelung, in die Sprache der Pirahās zu übersetzen. Das ist sicher ein Verlust, denn Sebald erzählt seinerseits beifällig von den kleinen kupfrig glänzenden Leuten in der grünen Wildnis am Amazonas, und vieles deutet darauf hin, daß er bei den Kupferleuten, deren Sprache fast nur aus Vokalen besteht und vor allem aus den in unendlichen Variationen betonten und akzentuierten Laut A, die Pirahās im Sinn hatte. Dabei hat das Pirahā zugegebenermaßen neben drei Vokal- acht Konsonantenphoneme, der Glottisverschluß mitgezählt, und unter den Vokalen weiß man nicht recht, ob das A oder doch eher das I den Ton angibt. Zum einen aber bleibt die phonologische Potenz der Konsonanten oft ungenutzt, wenn die Bedeutung bereits auf anderem Wege geklärt wurde, sie variieren dann weitgehend frei, K für P &c., und zum anderen gibt es neben der Sprechversion des Pirahā eine Schreiversion, in der das A in der von Sebald ausgeführten Art dominiert, aus Kó Xiáisoxái, Baósaí wird Ká, Kaákakaá, kaákaá, und in einen ganz ähnlichen Schrei mündet schließlich die fragliche Erzählpassage in Austerlitz. - Zu meinen, bei der Pirahāsprache würde es sich um ein Stammeln knapp oberhalb der Artikulation handeln, wäre ein völlige Verkennung der Wahrheit, die Sprache hat ihre intrikaten Seiten, zwar ist das Hauptwort ohne Numeruskategorie, aber jedes Verb hat ein Minimum von fünfundsechzigtausend möglichen Abwandlungsformen, da muß die Inogermanistik auf der ganzen Linie passen. Wie jede Sprache ist Pirahā ein Gebilde der Schönheit, und wohl alle haben wir uns schon das eine oder das andere Mal gewünscht, befreit vom Übel, das wir erleiden, und dem, das wir zufügen, als Geister nur in unserer Sprache und von ihrer Schönheit zu leben.



Everett war ursprünglich als christlicher Missionar zu den Pirahās gekommen, und es ist nicht auszuschließen, daß die Gleichnisse Christi in ihrer, nach der Einschätzung Wittgensteins, metastilistischen Unmittelbarkeit und Einfachheit, sich in die Pirahāsprache hätten übersetzen lassen. Gleichwohl ist der missionarische Schuß, wenn man so sagen darf, nach hinten losgegangen, Everett hat sich in gewissem Maße von den Pirahās bekehren lassen und ist vom Glauben abgefallen.

Sowenig wie das Werk Sebalds läßt sich aber das säkulare Evangelium von Gleichheit und Menschenrecht den Pirahās sprachlich nahebringen. Es hat denn auch nicht an Versuchen gefehlt, Everett das Etikett des Rassismus anzuhängen, eine ebenso grotesker wie hilfloser Abwehrreflex des radikalen Universalismus, der hier, im Stromgebiet des Amazonas, auf seine Begründungsparadoxie stößt, um sich als ein bloßer Partikularismus der europäisierten Welt zu erweisen, der den Anschein von Universalität allein der erfolgreichen Vernichtung anderer Partikularismen verdankt. Sie würden Wahrheiten vertreten, so die Annahme der Universalisten, zu denen durch Bildung und Aufklärung jedermann notwendig gelangen müsse, was aber ist zu tun im Angesicht monoglotter Sprecher eines Idioms, dessen Außenhaut alle Bemühung um Aufklärung souverän abtropfen läßt. Die Pirahās sind gänzlich bildungsverschlossen, das Zählen auch nur bis zur Zahl Zwei wollen sie nicht erlernen, es fehlt ihnen jede sprachliche Vorratskammer für die Zahlenvorstellung.

Die Versuchung ist da, aber es fehlt der Mut zu sagen, auf die paar Urwaldbewohner käme es, das Große und Ganze vor Augen, nicht an. Die Menschenwürde nämlich, so haben wir gelernt, erlaubt kein Aufrechnen und Zählen, und auf einem großen Umweg haben wir uns damit den zahlenlosen Pirahās angenähert.

Man kann versuchen, sich damit zu trösten, daß die Pirahās offenbar ohnehin schon nicht wenige unserer großen kulturellen Kontrastträume real leben, keine nennenswerte Machtausübung, wenig Zwang, kaum Gewalt, Gleichberechtigung der Frau alles in allem zufriedenstellend - allerdings haben die Frauen einen Kononanten weniger zur Verfügung , das S ist den Männern vorbehalten ebenso wie die neben der Sprech- und der Schreiversion existierende Pfeifversion, und die Singversion der Sprache schließlich verwenden sie nicht auf die gleiche Weise -, Rousseaus edler Wilder scheint in der völlig unsentimentalen und von allen Idealisierungen freien Schilderung Everetts so gut als überhaupt nur möglich auf den Plan zu treten. Die Pirahās sind, Everett kann es nicht anders bezeichnen: glücklich, sie lachen fortwährend und am liebsten über eigene Mißgeschicke; auch unsere Lebensweise, heißt es, stehe ganz im Dienst des Pursuit of Happiness. Gleichwohl treten bei den Pirahās in nicht geringer Menge Aspekte auf, bei denen Bewohner der Ersten Welt, die inzwischen beansprucht, die Eine zu sein, große Mühe haben, an sich zu halten: Kinderarbeit schon im Vorschulalter, hundertprozentiger Analphabetismus, unterlassene Hilfeleistung in Fällen, in denen der Tod auf einfache Weise vermeidbar wäre, latente Mordbereitschaft gegenüber Nichtpirahās und andere mehr.

Das Quellgebiet des Amazonas liegt in Peru, und dort soll auch der Indiojunge wohnen, der, dem Trällerliedchen zufolge, so leben will wie du. Die Idee hat ihre Berechtigung dort, wo Angehörige von uns zerstörter Kulturen die Slums und Favelas der Städte bevölkern, außerhalb diese Kontextes ist es die pure Anmaßung und Selbstgefälligkeit, wir müssen wissen und es soll uns Trost sein: kein Piranhājunge will auch nur im entferntesten so leben wie Du oder gar ich.



Samstag, 17. April 2010

Zivilgesellschaft

Wer wenig in den Zeitungen liest, ist immer in Gefahr, auf neue Begriffe im gesellschaftlichen Leben erst dann vollends aufmerksam zu werden, wenn sie bereits fest installiert sind, und ihre Anhänger den Eindruck erwecken, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres oder Schöneres. Ein erster ungeleiteter Versuch Zivilgesellschaft zu verstehen führt zu der Einschätzung, es müsse sich wohl um die gesamte Gesellschaft abzüglich Militär, Grenzschutz und Polizei handeln. Das ist, wie sich dann zeigt, nicht richtig, allerdings auch nicht falsch, denn in der Fluchtlinie des Begriffes steht sehr wohl die Erwartung, all das könne, vielleicht schon bald, verzichtbar werden.

Bei Zivilgesellschaft handelt es sich um das bislang letzte Kind der Umstellung vom Goldenen Zeitalter auf Zukunftsutopie. Am Ausgang der frühen naiven Utopieentwürfe der Neuzeit glaubte Hegel triumphal zu verspüren, der Geist habe sich nun genug gewälzt in seinem materiellen Uterus und sei entweder bereits am Ausgang zur Wirklichkeit angelangt oder kurz davor. Marx entdeckte die Regularien des Klassenkampfes und damit die, allerdings nur geringe, Voreiligkeit Hegels. Auch Marx zufolge würde die unterste aller denkbaren Klassen, das Proletariat, per revolutionem schon bald zur Oberfläche vorstoßen und, nach einem kurzen Intermezzo der proletarischen Diktatur, Zustände sich einstellen, die er nicht anders als paradiesisch zu beschreiben vermochte. Nachdem die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts für alle erkennbar nicht erwartungskonform verlaufen war, erlebte der Revolutionsgedanke in den sechziger Jahren seine bekannte merkwürdige Neuauflage. Nach Ende des Kalten Krieges dann hatte Fukuyama nichts Eiligeres zu tun, als ein weiteres Mal das Ende der Geschichte auszurufen und seither arbeitet sich die Zivilgesellschaft als die stillere und überlebende Schwester der Revolution beharrlich voran.

Luhmann hat Marx historisch in die Flegeljahre der Soziologie verwiesen, und in der Tat könnte es scheinen, als sei man seither Zeuge eines bizarren Wettlaufs zwischen Utopisten und Soziologen, so als könnten die letzteren dadurch daran gehindert werden, systemische Zwänge und weitere schreckliche Dinge zu entdecken, daß man diese Dinge eiligst abschafft und eine gesellschaftsfreie Gesellschaft herbeiführt. Begonnen hat das ganze vermutlich vor langen, langen Jahren mit der mutigen Umstellung von Ahnenkult auf Erlösung durch das Christentum. Dabei lag der Zukunftspol allerdings für lange Jahrhunderte wohlverwahrt im Transzendenten. Die Hoffnung der Zivilgesellschaft geht dahin, auch auf die Institutionen, die versuchen, den Gedanken der Transzendenz hochzuhalten, samt Militär, Grenzschutz und Polizei schon bald verzichten zu können.

Dienstag, 30. März 2010

La douce France

Mme Maigret vint s’asseoir à côté de lui en ayant soin de ne pas le déranger par des questions.

D’aller partout sur place, d'interroger les concièrges dans leur loge, les artisan dans leur atelier, les ménagères dans leur cuisine ou leur salle à manger …


Ähnlich wie bei Nero Wolfe beschränken sich die sogenannten Freuden des Lebens für Jules Maigret im wesentlichen auf das Essen und Trinken, das Bier nimmt bei beiden eine zentrale Stellung ein, bei Wolfe, der sein Haus nicht verläßt, als Flaschenbier, Pression in allen Pariser Brasserien bei Maigret. Im Falle Maigrets kommt natürlich die Pfeife hinzu, besser: sie geht allem vorweg, und obendrein ist er verheiratet.

Auch wer den Prozeß von Emanzipation und Frauenrecht alles in allem gelassen verfolgt, ist verstört von dem beklemmend niedrigen Niveau, das Mme Maigret erreicht hat. Den Vormittag über bereitet sie ein kompliziertes Mittagsmahl vor, das Jules in der Mehrzahl der Fälle dann arbeitsbedingt absagen muß. Am Nachmittag vermutlich Säuberungsarbeiten, und am Abend kann sie einem erschöpften Maigret nur noch die Pantoffeln bereitstellen. Im Sommer verbringt sie einige Wochen bei ihrer Schwester im Elsaß, kein Kinder. Wenn demnächst die Burka aus Gründen der Frauenwürde verboten wird, müßte auch Mme Maigret verboten und die entsprechenden Passagen müßten geschwärzt oder umgearbeitet werden. In der Verfilmung von Saint Fiacre mit Bruno Cremer in der Hauptrolle treffen wir, in der Darstellung von Anne Bellec, auf eine Mme Maigret, die schlecht und recht am rettenden frauenrechtlichen Ufer angelangt ist.

Rex Stout hat beim Detektieren Kopf- und Laufarbeit sauber zwischen Nero Wolfe und Archie Goodwin aufgeteilt, Kommissar Maigret leidet darunter, daß er überhaupt einiges delegieren muß an seine Inspektoren und nicht alles allein machen kann. Er läuft und denkt und vermeidet zielgerichtetes Denken und zielstrebiges Laufen, er brütet an seinem Schreibtisch am Quai des Ofévres und durchstreift die Quartiers. Die Pfeife wird wieder das, was sie bei den Indianern war, ein Kultgerät, die Gedanken werden zu Rauch und umgekehrt, wir erleben die Verwandlung des radikalen Kleinbürgers Maigret in den meditativen Heiligen der Enquête, und in Wahrheit ist es eine ähnliche spirituelle Verwandlung und nicht einige banale Schritte nur auf der breiten Straße der Befreiung, die wir aus Gründen der Gerechtigkeit auch Mme Maigret wünschen würden, eine Verwandlung, die ihr aber vorenthalten bleibt, es sei denn, sie würde alltäglich unbemerkt am Herd stattfinden. Viel spricht nicht dafür, die Heiligen sind von Haus aus einsam und notgedrungen wenige.


Simenons Maigretromane sind sich alle gleich, mehr als hundertundachtzig Seiten, weniger als hundertundneunzig, mehr als fünf Kapitel, weniger als zehn. Auf den ersten zwanzig Seiten scheint es oft, als könne es ein wirklich schönes Buch werden, aber ein wirklich schönes Buch wird es dann nicht. Als kostbares Filtrat aus den sechzig oder siebzig Romanen bleiben uns aber Bild und Flair des alten Paris und des traditionellen Frankreich, unvollkommen und schön, ähnlich dem, das Tati in seinen Filmen gefeiert und vehement verteidigt hat, und dessen Spuren wir auf Reisen auch noch finden, wenn wir nur zu den Augen Simenons herausschauen.

Samstag, 27. März 2010

Die Wahrheit im Kaukasus

Zu Tolstois letzter großer Erzählung, Hadschi Murat, findet man etwa das folgende:

Hadschi Murat erzählt einerseits von der Lage der kaukasischen Bergvölker und von ihrem Widerstand gegen den Zarismus und spielt andererseits am Hofe des Zaren und dem von Schamil, dem Anführer der aufständischen kaukasischen Bergvölker in den Jahren 1834 bis 1859 geführten Krieg. Mit grimmiger Satire wird das Lager Nikolaus' I. und seiner hohen Würdenträger geschildert, während das Lager Schamils zwar kritisch, aber ohne demaskierende Satire gezeigt wird. Mit offenkundiger (dem Leser nicht immer verständlicher) Sympathie ist die Gestalt des Hadschi Murat versehen, einem Stellvertreter Schamils, der zu den Russen überläuft. Wieviel Gutes könnte ein solches Leben, wie es die Person des Hadschi Murat symbolisiert, unter anderen Umständen bringen, würde es nicht sinnlos vernichtet wie jene Tatarendistel, die Metapher und Anregung der Erzählung bildet. Auch aus heutiger Sicht gewinnt diese Erzählung dadurch, daß so unterschiedliche Haltungen zum Krieg gezeigt werden, denn vielen davon begegnen wir in der Gegenwart: Heldenverehrung, Lust am Zerstören, lügnerische Berichte, Verschließen der Augen vor dem Unglück anderer, Verzweiflung, Hinnahme eines auferlegten Schicksals und Bereitschaft zum Opfertod.

Oder auch: Tolstoi beschreibt in Hadschi Murat die Problematik des Gegensatzes von Naturnähe und Zivilisation und gestaltete daraus ein wirkungsreiches Bild. Die blühende Distel, die mit ihrem Widerstand gegen die sie bedrohende Hand des Menschen an die historische Gestalt des kaukasischen Volkshelden Schamyl erinnert und an seinen Gegenspieler Hadschi Murat, wird zum Symbol für die Gegenwehr. Die Erzählung nimmt in einem kaukasischen Bergdorf ihren Anfang, von wo sich die Handlung mehr und mehr bis zum Höhepunkt, einer Szene bei Zar Nikolaus I. in Petersburg, entfernt und schließlich wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrt. Aus der farbenfrohen Darstellung im Schnittpunkt zwischen Morgen- und Abendland ragt Hadschi Murat als urwüchsige heroische Gestalt heraus.

Reicht das hin in seiner offenkundigen Belanglosigkeit, sind wir damit zufrieden? Tolstoi hat sein Leben lang nach Wahrheit gesucht. Als Истина, als Authentizität, als Wahrhaftigkeit eines Menschen, einer Situation, eines gelebten Augenblicks ist sie ihm immer sozusagen in den Schoß gefallen, und wie kein anderer hatte er die Fähigkeit sie vollständig und auf geradem Wege, ohne jede Umschweife in das literarische Werk zu übertragen. Damit allerdings hat die Истина ihren Status nicht eigentlich verändert, so wie an den lebendigen Lebensaugenblick ist sie jetzt an die literarische Umgebung gebunden. Sie muß, außerhalb des literarischen Werkes formuliert, nicht falsch werden, hat aber auch keinerlei Verpflichtung, auf aridem Theorieboden wahr zu bleiben. Ihren Glanz, ihren Zauber, ihre Anmut, ihre Freude wird die Истина im Zuge der Umpflanzung in jedem Fall einbüßen.

Vielleicht war es gerade seine Mühelosigkeit im Umgang mit der Истина, die Tolstoi veranlaßt hat, sich an der Правда, der allgemein formulierten Wahrheit, dem Kategorischen Imperativ festzubeißen, im fortgeschrittenen Alter immer heftiger. Aber schon in Krieg und Frieden und Anna Karenina wird die Истина der Liebe in die Истина und dann sogleich in die Правда des Familienlebens überführt, ihren Zauber, ihre Прелесть, müssen Natascha und Kitty unverzüglich auf dem Altar der Правда opfern.

Die Wahrheitssuche des späten Tolstois war an die Evangelien angelehnt, aber womöglich war er dabei an die falsche Adresse geraten. Es ist sehr die Frage, ob die Gleichnisse, die Jesus erzählt, auf Правда und nicht vielmehr auf Истина aus sind, ob Tolstoi es nicht, ohne es zu wissen, in dieser Beziehung sozusagen mit einem Confrère zu tun hatte. Jedenfalls hat sich Tolstoi bei seiner Wahrheitssuche gründlich verirrt. In einem Brief aus Oktober 1900 an Tschechow schreibt Gorki entsetzt von dem Pack, das er bei einem Besuch in Jasnaja Poljana angetroffen habe. Den ganzen Tag habe er damit verbracht, ungläubig, gleichsam mit offenem Munde diese schäbigen und verlogenen Leute anzustarren. Tolstois neuere Schriften wie Das Sklaventum unserer Zeit, Die Wurzel des Übels oder Töte nicht! kämen ihm vor wie die naiven Ausarbeitungen eines Gymnasiasten. – Gorkis Verehrung für Tolstoi hat das nicht den geringsten Abbruch getan, für ihn, wie auch für Tschechow und eigentlich für alle anderen war Tolstoi der unbestrittene Titan der russischen Erzählliteratur und ein Titan auch im Ringen mit der Wahrheit und dem Leben. Auch nachträglich und selbst heute will dem niemand widersprechen.

Dem Titanen selbst ist nicht verborgen geblieben, daß er sich verirrt hatte, auch wenn er es sich nicht eingestehen wollte. Hadschi Murat ist die heimliche Rückkehr von der Правда zur Истина und sie fällt titanengemäß radikal aus. Die Erzählung eröffnet mit dem ganz und gar heidnischen Bild der naturgemäß moralfreien, nur aus Schönheit und Lebenskraft bestehenden Tatarendistel. Die Erzählung steht dann ganz in der Faszination des ebenso fremden wie authentischen Lebens des Hadschi Murat. Die Authentizität eines Lebens erweist sich für Tolstoi immer in einer Klarheit gegenüber dem Tod, die er in allen denkbaren Spielarten akzeptiert. In Krieg und Frieden ist deutlich die diabolische Faszination zu spüren, die für Pierre Besuchow und damit auch für Tolstoi von Dolochow ausgeht, der mit dem Rücken nach außen im offenen Fenster eines hohen Stockwerks stehend eine Flasche Wodka leert und im Napoleonkrieg dann, degradiert, mit gleich großer Todesverachtung und Unverletzbarkeit kämpft. In Hadschi Murats Leben hat es nur einen Augenblick der Feigheit gegeben und fortan hatte die Scham den Tod besiegt und im Todesmut verschwinden lassen. Man möchte meinen, daß für Tolstoi, aufs Ganze gesehen, die Faszination durch den Opfertod des Gottessohnes die heroischen Formen der Todesbewältigung dann doch noch übertrumpft hat, und das wird auch schon richtig sein. Wie kaum ein anderer der greifbaren Realität verpflichtet, hatte Tolstoi allerdings wenig Gespür für das transzendente Terrain des Christentums. Seine Distel scheint sich wenig von einem Leben nach dem Tode zu versprechen und über Hadschi Murats Jenseitserwartung erfahren wir nichts Inhaltsreiches.

Montag, 1. März 2010

Mit den Händen

Egon Baschke steht, wie er leibt und lebt, mit seinem Mikrophon mitten in Concepción, Chile. Im Hintergrund Gebäudetrümmer, vorne huscht ein Plünderer mit einem wohlgefüllten Alditrolley durch, eine Ananas ganz obenan. Die Menschen nehmen sich, was sie brauchen, die Behörden sind noch weit entfernt, die Lage im Griff zu haben. Egon Baschke übergibt zurück an die Heimat, Petra Gerster kommt in HD-Qualität ins Bild in ihrer wunderschönen, tief dunkelblauen Bluse mit dem so apart gearbeiteten Halsausschnitt. Sie schaut noch eine Weile traurig und beklommen, verspricht zum Thema eine Sondersendung am Abend und leitet über zu Gesundheitsreform und Kopfpauschale.

Der Boden wankte unter den Füßen, alle Wände rissen, der ganze Bau neigte sich, nach der Straße zu einzustürzen, und nur der, seinem langsamen Fall begegnende, Fall des gegenüberstehenden Gebäudes verhinderte, durch eine zufällige Wölbung, die gänzliche Zubodenstreckung desselben. Kaum befand er sich im Freien, als die ganze, schon erschütterte Straße auf eine zweite Bewegung der Erde völlig zusammenfiel. Besinnungslos eilte er, über Schutt und Gebälk hinweg, indessen der Tod von allen Seiten Angriffe auf ihn machte, nach einem der nächsten Tore der Stadt. Hier stürzte noch ein Haus zusammen, und jagte ihn, die Trümmer weit umherschleudernd, in eine Nebenstraße; hier leckte die Flamme schon, in Dampfwolken blitzend, aus allen Giebeln, und trieb schreckensvoll eine andere; hier wälzte sich, aus seinem Gestade gehoben, der Mapochofluß auf ihn heran, und riß ihn brüllend in eine dritte. Hier lag ein Haufen Erschlagener, hier ächzte noch eine Stimme unter dem Schutte, hier schrieen Leute von brennenden Dächern herab, hier kämpften Menschen und Tiere mit den Wellen, hier war ein mutiger Retter bemüht, zu helfen. Hier stand ein anderer, bleich wie der Tod, und streckte sprachlos zitternde Hände zum Himmel.




Vor allem im Medienbereich ist der Fortschritt mit den Händen zu greifen.