Montag, 20. Juli 2009

Grand Prix

Für einen treuen Leser ist ein Schriftsteller eigentlich erst dann tot, wenn das endgültig letzte von ihm erschienene Buch zu Ende gelesen ist – nur gut, daß wir nicht wissen können, wann das sein wird. Von Thomas Bernhard ist jetzt im zwanzigsten Jahr seines Todes ein originales, wenn auch, zumindest in Teilen, dem Publikum bereits vor der Veröffentlichung nicht gänzlich unbekanntes autobiographisches Prosawerk erschienen: Meine Preise. Es handelt sich bei den Preisen im einzelnen um den Grillparzerpreis, die Ehrengabe des Kulturkreises des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, den Literaturpreis der Freien und Hansestadt Bremen, den Julius-Campe-Preis, den Österreichischen Staatspreis für Literatur, sicher der Höhepunkt und daher auch zentral plaziert im Buch, den Anton Wildgans-Preis, den Franz-Theodor-Csokor-Preis, den Literaturpreis der Bundeswirtschaftkammer und schließlich den Büchnerpreis, Deutschlands Bester. Die Tante, Hedwig Stavianicek, der vor allem es gilt eine Freude zu machen, ist so gut wie immer dabei bei den Festlichkeiten. Man kann sagen, es ist das bestaufgelegte Buch Bernhards bislang, bedauerlich nur in jeder Beziehung, daß der Nobelpreis in der Auflistung fehlt.

Die Verleihungsprozeduren gehen fast durchweg skurril bis grotesk vonstatten, auf Seiten des Dichters wird als Grund für die Preisannahme ausschließlich Geldgier genannt, der Grillparzerpreis war insofern eine besondere Enttäuschung als er, wie sich herausstellt, ohne Preissumme vergeben wird. Ansonsten sind die Preissummen immer zu klein und bringen auch nicht immer das reine Glück. Die fünftausend Mark des Julius-Campe-Preises werden umstandslos und vollständig in einen Triumph Herald umgesetzt, mit dem der Dichter nur wenig später in Jugoslawien einen Totalschaden erleidet, ein motorisiertes Wiederaufleben der unvergeßlichen Fahrradhavarie aus Ein Kind. Die Ehrengabe des Kulturkreises des Bundesverbandes der Deutschen Industrie darf er mit der Dichterin Elisabeth Borchers teilen und das Pärchen sieht sich auf dem Podium dann mit Frau Bernhard und Herr Borchers angeredet, ein Beleg für Benns Grundeinssicht, daß sich keine zwei Bereiche auf der Welt unversöhnlicher gegenüberstehen als Kunst und Kultur als Kulturbetrieb. Damit ist auch schon die Grundlage für den Österreichischen Staatspreis gelegt, bei dem es Bernhard gelingt, den Minister Piffl-Percevic, der direkt aus einer Stellung bei der steiermärkischen Landwirtschaftskammer ins Kulturressort berufen worden war, mit einer insgesamt vielleicht auf ca. vier Minuten bemessenen Ansprache bereits nach zwei Minuten als Wutschnaubenden aus dem Saal zu vertreiben. Die Ansprache ist metaphysisch-wild, weit mehr Rhythmus als Verstehbares: Es ist nichts zu loben, nichts zu verdammen, nichts anzuklagen, aber es ist vieles lächerlich; es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt. Man geht durch das Leben, beeindruckt, unbeeindruckt, durch die Szenen, alles ist austauschbar, im Requisitenstaat ... da war der Minister wohl schon entsprungen, man weiß nicht wieso und wohin. Die nur vierzehn Tage später angesetzte Verleihung des Anton Wildgans-Preises entfällt daraufhin, der Dichter erhält den Preisscheck wortlos per Post, aus seiner Sicht die optimale Vergabepraxis. Versöhnlich auch die Verleihung des Literaturpreises der Bundeswirtschaftskammer, denn hier versteht sich der Dichter nicht als Literat, sondern als vorbildlicher ehemaliger Kaufmannslehrling geehrt.

Für den Herbst 2009 ist eine weitere Bernhardpublikation Städtebeschimpfungen angekündigt, eine Blütenlese, nichts Originales. Ausgenommen von der Verdammung der Städte und gerettet sind jetzt schon Hamburg, wo die Alster entspringt und wo der Dichter als Stadt genau das gefunden hat, was der Volksmund die Liebe auf den ersten Blick nennt, sowie auch Warschau, die schöne und aufregende und unheimliche Stadt. Was Warschau anbelangt, so freut uns die unergründliche Gnadenwillkür des Dichters ganz besonders.

Sonntag, 19. Juli 2009

Gießtechniken

Wieder und wieder gelesen: Thomas Bernhard, Beton

If I can read this strange guy's mind aright

Wie sich entscheiden, wenn man sich nach längerer Abstinenz Thomas Bernhard erneut zuwendet? Das Theater beachten wir weiter nicht. Vielleicht nicht gerade den ersten Roman, Frost allein würde seinem Autor zweifelsohne einen bleibenden Platz sichern, es ist aber doch eine Art Protobernhard. Vielleicht auch nicht die späten und eleganten Alten Meister, vielleicht überhaupt eher eines der schmaleren Bücher. Die Verstörung? Gäbe man nach und würde den ersten Satz lesen, wäre sicher kein Aufhören vor dem letzten, Handke, eine seiner besten Taten, hatte das schon sofort erkannt. Das Kalkwerk mit dem Foltergefängnis der Hörstudie garniert mit Novalis und Kropotkin? Schwer zu widerstehen. Ja? Ja, wer könnte die Perserin vergessen und möchte sie nicht immer wieder treffen, nur solange wir von ihr lesen, kann der Selbstmord verhindert werden. Watten, Gehen, Billigesser, Untergeher, Korrektur? Eins der autobiographischen Bändchen? Das einzig Gerechte und Vernünftige und zu gleich das Vergnüglichste wäre naturgemäß, den ganzen Bernhard noch einmal von vorn bis hinten zu lesen.

Beton verspricht den besonderen Nervenkitzel extremer Konzentration, die notwendig ist, um nach achtzig Seiten über das Keimen der Reiseidee und weiteren neunzig Seiten über allem Anschein nach aussichtslose Reisevorbereitungen auf Seite hundertundsiebzig nicht wieder die komplette, in einen Satz gefaßte Reiseschilderung zu überlesen, um sich dann die restlichen vierzig Seiten zu wundern, wie und wann man aus Österreich auf die Baleareninsel gelangt ist: Hatte es in Peiskam, wo ich um zwei Uhr Mittag abgeholt worden bin, noch elf Grad minus gehabt, so zeigte bei meiner Ankunft in Palma, wo ich diese Notizen aufschreibe, das Thermometer schon achtzehn Grad plus. Eine Seite später erhält die Reisebeschreibung dann noch den naturgemäßen bernhardschen Feinschliff: Der Flug war, wie alle schon vorher überstandenen, auch wieder der fürchterlichste aller fürchterlichen gewesen. Staunend betrachtet man die verwegenen Proportionen des Buches: extrem ausgedehntes Vorspiel mit dem Entschluß zur Reise und den Reisevorbereitungen, die Reiseschilderung in ihrer Kürze noch weitaus extremer als das Vorspiel in seiner Länge und schließlich der nur kurze und, wenn man so will, dem Beton gewidmete Hauptteil.

Martin Mosebach läßt eine seiner Figuren beiläufig äußern, die Machtergreifung des Häßlichen habe begonnen mit der Technik des Gießens, alles Gegossene sei häßlich. Das ist sicher keine uneingeschränkt belastbare Aussage, das Fertigungsverfahren Gießen ist das vermutlich älteste Formgebungsverfahren überhaupt, älter als die Häßlichkeit, aber das bloße Wort Beton belegt, es ist etwas dran an dieser Überlegung. Vielfach entfacht Bernhard Haß und Empörung aus stilistischen Gründen für seine spezielle Darstellung von Liebe und Freude, bei der Architektur meint er es schlicht ernst. Aufkauf und Wiederherrichtung humaner Behausungen war sein zweites geistiges Standbein, den zeitgenössischen Siedlungsbau führt er auf eine insgesamt durchaus verbreitete, in diesem Zusammenhang aber doch spezielle Gießtechnik zurück: wie hingeschissen. So gesehen ist es kein Wunder, wenn Bernhard den Beton in einem eigenen Buch gefeiert hat.

Und andererseits, läßt sich Bernhards Prosa selbst nicht vorzüglich als eine besondere Technik des Gießens verstehen? Beton ließe sich einigermaßen akkurat als die Schilderung vom Packen (in Peiskam) und Auspacken (in Palma) zweier großer Reisekoffer in Form eines heftigen Sprachausgusses beschreiben. Die Gießtechnik ist freilich inversiv, es entsteht kein Gußstück durch Gießen einer Gußmasse in eine Form, vielmehr wird die Gußform selbst durch das Gießen erzeugt und sie, die Hohlform, ergibt die eigentliche Gestalt des Buches. Das Buch Beton entsteht aus der Schilderung der vergeblichen Bemühungen des Protagonisten, ein Buch über Mendelssohn zu schreiben, der Roman ist also die Hohlform eines anderen Buches, das nicht zustande kommt. Aus den fortwährenden wüsten Beschimpfungen der Schwester des Icherzählers entsteht als Hohlform die Gestalt einer lebenstüchtigen, kultivierten und warmherzigen Frau, die sich um das Wohl ihres Bruders sorgt &c.

Niemand als Bernhard ist vollständiger überzeugt worden von Paveses Mitteilung, ein Buch zu schreiben sei, wenn man so wolle, einfach und bestehe lediglich darin, den ersten Satz zu Papier zu bringen. Man müsse, so Pavese, anschließend dann aus diesem Satz nur noch die fälligen Konsequenzen ziehen. Es gibt schlagende Belege für diese These: Call me Ishmael. Punkt, kein Ausrufungszeichen, niemand zweifelt, daß es der genauen sechshundert Seiten des Moby Dick bedarf, um die unendlichen Verheißungen dieser drei Worte einzulösen. Auch der Protagonist des Betonbuches ist überzeugt, er müsse nur den ersten niederschreiben, und die Sätze seines Mendelssohnbuches würden sich zwangsläufig über Höhen und Täler ergießen.

Der Eingangsatz vom Beton unterscheidet sich kraß von dem des Moby Dick: Von März bis Dezember, schreibt Rudolf, während ich, was in diesem Zusammenhang gesagt sein muß, große Mengen Prednisolon einzunehmen hatte, um meinem zum dritten Mal akut gewordenen morbus boeck entgegenzuwirken, trug ich alle nur möglichen Bücher und Schriften über Mendelssohn Bartholdy zusammen, suchte alle möglichen und unmöglichen Bibliotheken auf, um meinen Lieblingskomponisten und sein Werk von Grund auf kennenzulernen und, so mein Anspruch, mit dem leidenschaftlichen Ernst für ein solches Unternehmen wie das Niederschreiben einer größeren wissenschaftlichen einwandfreien Arbeit, vor welcher ich tatsächlich schon den ganzen vorausgegangenen Winter die größte Angst gehabt habe, alle diese Bücher und Schriften auf das sorgfältigste zu studieren, war mein Vorsatz gewesen und erst darauf, endlich, nach diesem gründlichen, dem Gegenstand angemessenen Studium, genau am siebenundzwanzigsten Jänner um vier Uhr früh diese meine, wie ich glaubte, alles bisher von mir die Musikwissenschaft betreffende von mir aufgeschriebene Veröffentlichte sowie Nichtveröffentlichte weit zurück- und unter sich lassende, schon seit zehn Jahren geplante, aber immer wieder nicht zustande gekommene Arbeit angehen zu können nach der für den Sechsundzwanzigsten bestimmten Abreise meiner Schwester, deren wochenlange Anwesenheit in Peiskam selbst den geringsten Gedanken an eine Inangriffnahme meiner Arbeit über Mendelssohn Bartholdy in seinen Ansätzen zunichte gemacht hatte. - Es wird Zeit und Raum brauchen, bis alle in diesem erstaunlichen Eingangssatz angeschlagenen Rhythmen und Wellen sich ausgelaufen haben.

Die Durcharbeitung vollzieht sich im Rahmen einer typischen bernhardschen Erregung, die Peiskam ganz beherrscht und auch in Palma nicht eigentlich nachläßt. Und doch ist das alles in gewisser Weise nur die Hintergrundmusik zu der in der Art einer schlichten Volksweise vorgetragenen Geschichte der Anna Härdtl, die Geschichte von ihrem traurigen Scheitern am und auf dem Beton und ihr schließliches Verbleiben im Mallorquiner Friedhofsbeton. Wir verlassen für diese Geschichte nicht das Bewußtsein des Erzählers, der sie aus seiner Erinnerung schöpft, und doch wird der Wechsel in Thema, Melodie und Tonart ebenso abrupt verfügt, wie Seiten zuvor der Ortswechsel: Plötzlich hörten wir von der Anna Härdtl folgendes: Ende August sei sie mit ihrem Mann und einem dreijährigen Sohn .... In der gegenwärtigen Erzählzeit erfährt Rudolf dann von ihrem zwischenzeitigen Tod: Nachdem ich diese meine Frage ganz deutlich und wie ich sehen konnte, selbst auf spanisch sehr gut verständlich machen hatte können, sagte der Portier nur mehrere Male das Wort suicidio.

Die Geschichte der Anna Härdtl befreit den Erzähler für den Augenblick aus der Gefangenschaft seines Ichs, ihr Tod ist aber auch der eigene, dem der Kranke das Buch hindurch entgegenblickt und in seinen Tiraden und Wortergüssen zu versenken sucht. Nun steht der Tod kalt und häßlich wie erstarrter Beton vor ihm. Es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt, hatte Thomas Bernhard schon im Jahre Neunzehnhundertundsiebenundsechzig eine ihm zu Ehren versammelte gläubige Festgemeinde, Minister und andere, unterrichtet, der Minister der Kultur hatte die Wahrheit nicht ertragen können und war aus dem Festsaal entlaufen.

Der letzte Satz: Ich zog die Vorhänge meines Zimmers zu, schreibt Rudolf, nahm mehrere Schlaftabletten ein und erwachte erst sechsundzwanzig Stunden später in höchster Angst. - Ein Buch voller Gelächter, Schrecken und Angst, ein Buch von betörender Schönheit in Schrecken und Angst und Gelächter, das dann verstummt.

Samstag, 18. Juli 2009

Theaterkämpfe

In Abwehr einer Rede, die Daniel Kehlmann bei den 89. Salzburger Festspielen gehalten hat und in der er das Regietheater nicht über die Maßen preist, trägt Peter Michalzik in der FR das folgende Prosastück zusammen:

Diese Rede ist ein Musterbeispiel dumpf-reaktionären Denkens, ressentimentgeladen und argumentfrei zugleich. Sie wirkt in ihrem Bemühen, die Welt wieder zurechtzurücken, die Dinge wieder in ihre natürliche Ordnung zu bringen, herrlich harmlos, und doch laufen einem, wenn man genau hinhört, kalte Schauer den Rücken herunter. Kehlmann phantasiert sich, in zielvoller Selbstverniedlichung in die Rolle des Kleinbürgers als Kunstrichter. Der Applaus ist ihm gewiß. Vielleicht aber erschrickt auch Kehlmann einmal, wenn er aufwacht, darüber, woher der Applaus vor allem kommt.

Der ganze Text ist um einiges ausführlicher, aber es reicht. Jemandem, der unter keinen Umständen noch ein Theater betreten würde, ob nun eine werktreue oder eine regiebetonte Aufführung droht, kann die Auseinandersetzung in der Sache herzlich gleichgültig sein und ist es auch. Was fasziniert, ist das sprachliche Arsenal, das den Sieg gewährleisten soll.

Seitdem das Publikum vermehrt die Scholien Gómez Dávilas liest, der sich selbst frohen Herzens und völlig zurecht als reaktionär einordnet, hat die Vokabel ihre absolute Knockoutqualität eingebüßt. Da hilft es auch nicht, routinemäßig dumpf als Präfix einzusetzen, so als sei das eine feste Wortverbindung. Halten wir uns weiter an Dávila als Gewährsmann des Reaktionären, so muß man den Inhalten seiner Aphorismen nicht folgen und tut es in den meisten Fällen auch besser nicht, niemand kann sie aber in ihrer funkelnden Präzision als dumpf bezeichnen. Auch ressentimentgeladen ist wohl nur aus alter Gewohnheit und auf gut Glück hingeschrieben. Kehlmanns Rede wird als argumentfrei dargestellt, mit welchem Argument und welcher Beschreibung wird aber dann das gute Gehör eingeführt, das zu den Kälteschauern am Rücken führt? Nach einer flüchtigen Skizze der Heilen Welt, die wir aus nie verdeutlichten Gründen fürchten müssen wie je ein Teufel das Wasser, tritt er auf, der ewige und niemals versagende Kleinbürger, da müssen die Gegner doch wohl das Handtuch werfen. Und zur Sicherheit und für alle Fälle dann noch der Applaus von der falschen Seite. Wohin geht diese dunkle Drohung, sind es die harmlosen Inhaber von Theaterabonnements, die Michalzik ins Visier nimmt, ist es das debile Millionenpublikum sogenannter Volksmusiksendungen, das in einer einmaligen kulturellen Aufwallung Kehlmann zujubeln könnte, oder ist es in schrecklicher Konsequenz gar so - was wir nicht ahnen, Michalzik aber klar und deutlich sieht -, daß Zurückhaltung gegenüber dem Regietheater unmittelbar den Neonazis in die Hände spielt?

Im Zuge der sogenannten Wiedergutmachung ist man bei einer Bregenzer Nabucco-Inszenierung Mitte der neunziger Jahre auf den Gedanken gekommen, aus den Sklaven richtige Juden in Zebraanzügen zu machen. Ich habe, was mich heute noch reut, teilgenommen an einer Veranstaltung des Festspielrahmenprogramms und bin, bis die letzten Besucher in den Eingängen verschwunden waren, unschlüssig auf dem Vorplatz herumgestanden, unschlüssig, weil es mir mit jedem vergehenden Jahr unmöglicher wird, mich unter ein Publikum zu mischen; unschlüssig, weil ich den Chor der verkleideten KZ-Häftlinge nicht sehen wollte.

Kehlmann ist ein bekennender Parteigänger Sebalds, auch der ein dumpf-reaktionärer Kleinbürger voller Ressentiments? Ein gealterter und offenbar angeschlagener Boxer teilt reflexhaft aus, landet keinen Treffer und sieht sich selbst als Champion und Sieger im Ring.

Sonntag, 12. Juli 2009

Pupuseh

Allah razı olsun

Gelesen: Martin Mosebach, Die Türkin

Wenn in Deutschland bei einer Auseinandersetzung erst einmal der Vorwurf des Ästhetizismus gefallen ist, dann weiß man schon, welche Partei verloren hat, schreibt Martin Mosebach in einem seiner Aufsätze über Liturgie und Kirchenbau, Grund genug für die Verlierertruppe, auch Mosebach den Erzähler kennen zu lernen. Er, Mosebach, sei ein begnadeter Stilist, liest man auf dem Einbanddeckel der Türkin, ein reichlich unbestimmter Rechtsbegriff. Nicht gemeint sind offenbar die Extremstilisten in der Art von Kafka, Bernhard oder Sebald, gekennzeichnet dadurch, daß sie die Welt in eine neue ungeahnte Sprachform gießen und zwar so unwiderstehlich, daß für die Dauer der Lektüre jede andere Form als wenig lohnend erscheint. Eine solche Verwandlung findet bei Mosebach nicht statt, es bleibt die Normalwelt, diese aber in einem schönen Sonntagsstaat. Auch scheint die Gnade, die über seiner Prosa waltet, nicht völlig ausgeglichen und weist kleine Beschädigungen auf, so wenn er sich in die Sprachniederung (rumkriegen) begibt. Über Benns Gottesgabe, in einem Satz sieben Sprachebenen zu durchstoßen, um daraus eine funkelnde achte zu erzeugen, verfügt er nicht. Auch sprachlich Abgelegenes (murkelig) fließt nicht in gleich schöner Widerstandslosigkeit ein wie die Alemannismen bei Sebald. – Man würde nicht so hoch greifen im Vergleich, wäre nicht, ohne Verschulden des Autors, das hohe Wort der Gnade ins Spiel gebracht worden.

Krieg der Kulturen, interkulturelle Begegnung, Multikulturalismus – Brocken, die der Ochs Globalisierung aus dem Berg geschlagen hat, vor dem ersteht, um sie dann gleich zu zertreten und unbrauchbar zu machen. Mosebach baut sein eigenes erzählerisches Bild auf, heiter und ohne diese untauglichen Brocken auch nur zu beachten.

Frankfurt am Main ist Schauplatz einer amour en guise de passion zwischen einem deutschen Nachwuchskunstwissenschaftler und einer türkischen Wäscherin, in die er sich unverzüglich verliebt. Sie wird in die Türkei, genauer: nach Lykien verbracht, er folgt ihr. Die Balance der Welten ist herzustellen, immer empfindlich gestört dadurch, daß Europa seine bevorzugten Werte als universell deklariert und damit auch hinter den Linien plaziert, ein listige Re-Entry schon fast in dem Sinne, wie Luhmann den Begriff vom megalomanen Spencer-Brown entlehnt hat. Megalomanie und die Listen des Odysseus, unverzichtbare europäische Grundlagen, und anderswo sieht es keinesfalls besser aus.

Zum Opfer gebracht werden soll der Wert der Individualisierung. Wir westlichen Zivilisationsmenschen wissen, von mir aus auch nur im geheimen, daß uns diese Charakterkostüme in Wahrheit um den Leib herumschlottern, daß da noch Finger in den Kragen passen. Aber hier war es anders. Turhan war der Frauenfreund und Schürzenjäger von morgens bis abends, auch wenn er gar keine Frau zu Gesicht bekam, und Ünal war stets ernsthaft und machte keine Späße. Ohne diese klar ausgeprägte Form der Person würde ich in den Augen Pupusehs sehr unvorteilhaft, ja vielleicht überhaupt nicht wirken. Turhan und Ünal waren Vorbilder. Seine Form gewinnt er dann allerdings erst, nachdem er Pupuseh verloren hat: „Ich bin der Mann, der Pupuseh liebt“ – so war es richtig, es war eine Definition. - Die Definition klingt gerade so wie I am The man who shot Liberty Valance – und da wissen wir, daß es der andere war.

Pupuseh wird für den Icherzähler der Frauenname schlechthin. Es sei kein ursprünglich türkischer Name, wird angedeutet. Pupuseh hat den gleichen Konsonantenaufbau wie Papusza in der Romanisprache, in zwei Sprachen derselben Familie könnte es das gleiche Wort mit gleicher Bedeutung sein. Will Mosebach uns heimlich bis an die Schwelle Indiens führen? Aber niemand, niemand kann nach Indien führen, die Tore Indiens sind unerreichbar und die Entführung aus dem Serail findet nicht statt. Und so blieb denn auch die Ausbeute dieser Tage in Grenzen. Ich brachte eine kleine Narbe an der Stirn nach Deutschland mit, zurück ließ ich eine Zukunft. In Frankfurt holte mich Zeynab vom Flughafen ab.

Diese letzten Zeilen des Buches haben es in sich. Welche Zukunft hat er zurückgelassen, die unmögliche mit Pupuseh oder die mögliche beim Antiquar Hirsch in New York – aber den Verlust dieser Zukunft hatte er schon längst als Gewinn verbucht. Winners take nothing und schon gar nicht erhalten sie Zutritt zu den schönen Büchern, selbst diese Zeilen wurden bereits eingangs den Verlierern gewidmet. Wenn Pupuseh der Frauenname schlechthin ist, ist dann nicht auch Zeynab, die bislang als freundliche Kupplerin tätig war, Pupuseh? Über ihre erotischen Qualitäten war sich der Erzähler schon während der langen Telephonate zwischen Lykien und Hessen klar geworden.

Donnerstag, 9. Juli 2009

Treballo d'advocat

el per qué de cada cosa


Wir haben einen neuen Advokaten, den Dr. Bucephalus. In seinem Äußeren erinnert wenig an die Zeit, da er noch Streitroß Alexanders von Macedonien war. Wer allerdings mit dem Umständen vertraut ist, bemerkt einiges. Doch sah ich selbst einen ganz einfältigen Gerichtsdiener mit dem Fachblick des kleinen Stammgastes der Wettrennen den Advokaten bestaunen, als dieser, hoch die Schenkel hebend, mit auf dem Marmor aufklingenden Schritt von Stufe zu Stufe stieg.

Im allgemeinen billigt das Barreau die Aufnahme des Bucephalus. Mit erstaunlicher Einsicht sagt man sich, daß Bucephalus bei der heutigen Gesellschaftsordnung in einer schwierigen Lage ist und daß er deshalb, sowie auch wegen seiner weltgeschichtlichen Bedeutung, jedenfalls Entgegenkommen verdient. Heute – das kann niemand leugnen – gibt es keinen großen Alexander. Zu morden verstehen zwar manche; auch an Geschicklichkeit, mit der Lanze über den Bankettisch hinweg den Freund zu treffen, fehlt es nicht; und vielen ist Macedonien zu eng, so daß sie Philipp, den Vater verfluchen – aber niemand, niemand kann nach Indien führen. Schon damals waren Indiens Tore unerreichbar, aber ihre Richtung war durch das Königsschwert bezeichnet. Heute sind die Tore ganz anderswohin und weiter und höher vertragen; niemand zeigt die Richtung; viele halten die Schwerter, aber nur, um mit ihnen zu fuchteln; und der Blick, der ihnen folgen will, verirrt sich.
Vielleicht ist es deshalb wirklich das Beste, sich, wie es der Bucephalus getan hat, in die Gesetzesbücher zu versenken. Frei, unbedrückt die Seiten von den Lenden des Reiters, bei stiller Lampe, fern von dem Getöse der Aleksanderschlacht, liest und wendet er die Blätter unserer alten Bücher.

Kafkas Tiergeschichten, Der Bau, Ein Bericht für die Akademie, Josephine die Sängerin muß man nicht bevorzugen, wenn es aber darum ginge, die Geschichte der Welt, von der Barbarei über die Hochkulturen zur Neuzeit, in einem Absatz zu erfassen, sieht man nicht, wie Der neue Advokat zu übertreffen ist. Jürgen Osterhammel benötigt in seinem großartigen Geschichtsaufriß allein für das neunzehnte Jahrhundert an die tausendfünfhundert Seiten und macht keinen Hehl daraus, daß jeder Lichtstrahl nur die unermeßliche Weite des Dunkels verständiger erahnen läßt. Kafka zeichnet wie Picasso oder Matisse, wenige Striche nur, kaum etwas ist ausgeführt und alles ist vorhanden. Mit einem Strich, einer Verszeile, einem Prosaabsatz katapultiert sich die Kunst hinaus zu einem archimedischer Punkt, von dem aus beliebig viel gesehen und beliebig viel vernachlässigt werden kann, in jedem Fall die Begründung, el per qué de cada cosa – Augenblicksbewohner archimedischer Punkte fragen nicht nach dem Warum. Schon eine unmittelbare Hinwendung zum Thema kann alles verderben und den Dichter hart am Boden aufschlagen lassen. Kafkas jenseitiger Schritt ist trittfest, und wir wollen unser Bestes tun, ihn nicht aus der Balance zu bringen.

Der erste überaus kühne Strich, Alexanders Streitroß hat, wenn man so sagen darf, umgesattelt und ist neuerdings tätig als Rechtsanwalt, die Welt muß sich neu ordnen angesichts dieser aus jedem Rahmen fallenden Erscheinung und weiß nicht wie. Am besten, sie rührt sich nicht und schluckt das Unerhörte. In seinem Äußeren erinnere nur noch wenig an die alte Zeit, wird abgewiegelt, der einfältige Mann aber will dem unglaubliche Gesicht des Bucephalus auf der Marmortreppe mit seiner Rennbahnerfahrung beikommen. Die nicht weniger hilflose Erkenntniselite beruft sich auf die heutige Gesellschaftsordnung, von der sie kaum allzuviel weiß, und billigt die Aufnahme des Rosses in die Advokatenkammer. Das ist zwiespältig, schon Minimalkenntnisse des Werkes Kafkas stellen klar, daß er den Proceß der Verrechtlichung der Welt, dem sich auch das mythische Schlachtenroß einreihen muß, nicht mit voreiligem Jubel begleitet hat. Ebenso wenig hat er naturgemäß idyllische Vorstellungen vom vorrechtlichen Zustand der Menschengeschichte, Ein altes Blatt kann als Vorbild aller ungezählten Westernszenen gelten, in denen Desperados die Gewalt in einer Provinznest übernommen haben, und stellt sie alle in den Schatten: Sie beschäftigen sich mit dem Schärfen der Schwerter, dem Zuspitzen der Pfeile, mit Übungen zu Pferde. Was sie brauchen, nehmen sie. Man kann nicht sagen, daß sie Gewalt anwenden. Vor ihrem Zugriff tritt man beiseite und überläßt ihnen alles. Auch ihre Pferde fressen Fleisch; oft liegt ein Reiter neben seinem Pferd und beide nähren sich vom gleichen Fleischstück, jeder an seinem Ende.

Ein weiterer Strich: Zu morden verstehen zwar manche, und auch an Geschicklichkeit, mit der Lanze über den Bankettisch hinweg den Freund zu treffen, fehlt es nicht – aber niemand, niemand kann nach Indien führen. Das Übel ist nicht verschwunden aus der Welt, aber die Größe einer Zeit, als es noch in der Welt eine Welt jenseits der Welt gab, ist dahin. Natürlich war diese Welt schon damals unerreichbar, Indiens Tore verschlossen, aber heute sind die Tore ganz anderswohin und weiter und höher vertragen. Mehr als eindrücklich beschrieben hat Kafka die Türen des Gesetzes in alten und in neuem Tagen.

Die Richtung war durch das Königsschwert bezeichnet. Heute zeigt niemand die Richtung; viele halten die Schwerter, aber nur, um mit ihnen zu fuchteln; und der Blick, der ihnen folgen will, verirrt sich. Nicht nur nicht das Recht, auch die heilige Demokratie, das Land der vielen kleinen Schwerter, wird von Kafka offenbar nicht mit hellem Jubel begrüßt, der Blick ist zu fern und fremd, nicht zu beeindrucken nach unserem Willen. Oder ist Jubel spürbar im letzten Satz:

Bei stiller Lampe, fern von dem Getöse der Alexanderschlacht, liest und wendet er die Blätter unserer alten Bücher – sind die alten Bücher, die er im letzten Satz liest, überhaupt noch die Gesetzesbücher des vorletzten Satzes, oder kümmert ihn das Gesetz bereits nicht mehr so sehr, so wie es Jorge Francisco Isidoro Luis Borges Acevedo, Sohn eines Rechtsanwalts, wenig gekümmert hat, und er, Bucephalus, feilt inzwischen, ebenso wie Borges jenseits des Ozeans, in der stillen Muße eines Landhauses an der tastenden Übertragung eines alten Textes, die er, wie auch Kafka die meisten seiner Texte, nicht drucken zu lassen gedenkt? Auch feurigste Aktivisten haben bislang versäumt, Kafka dem Biedermeier zuzuschlagen.

Sonntag, 5. Juli 2009

Migration

Wiedergelesen: Kafka, Amerika

Das Leben ist erstaunlich kurz. Ich begreife kaum, wie ein junger Mensch sich entschließen kann ins nächste Dorf zu reiten, ohne zu fürchten, daß - von unglücklichen Zufallen ganz abgesehen - schon die Zeit des gewöhnlichen, glücklich ablaufenden Lebens für einen solchen Ritt bei weitem nicht ausreicht: so, mit solchen Worten, zaubert man die Ewigkeit herbei. Kafka hat die Ewigkeit nicht beansprucht, und sich um seine zeitgeschichtliche Gegenwart kaum gekümmert, das ist wohl die Voraussetzung dafür, daß uns seine Bilder, nun auch schon fast hundert Jahre alt, so direkt und tief und völlig unverbraucht ergreifen. Sie ragen wie neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehen die freien Lüfte.

Von den drei Romanfragmenten hat Amerika nicht in vergleichbarem Maße den Status einer Vorstellungskonstante erreicht, wie das für das Schloß und den Proceß gilt, mit einem Wort, Amerika ist um einiges weniger kafkaesk. Bereits Max Brod hat das Romanfragment als chaplinesk qualifiziert, das gilt in gemindertem Maße aber auch für Proceß und Schloß, auch hier sind die Protagonisten von munterer Unverzagtheit, das wäre doch gelacht, und nur für den Proceß wurde das letzte, die Grundlosigkeit des guten Mutes bescheinigende Kapitel in nicht zu übertreffender Härte niedergeschrieben: Aber an K.’s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Wie ein Hund sagte K. mit brechenden Augen, es war als sollte die Scham ihn überleben.

Das letzte, vom Naturtheater in Oklahoma handelnde Kapitel des Amerikafragments scheint auf den ersten Blick einen günstigeres Buchschluß zu versprechen, der Talmicharakter der Veranstaltung ist aber kaum zu übersehen, und am Ende dürfte sich das phantasierte Theater in Oklahoma vom wahren Leben in Amerika so wenig unterscheiden wie Onettis Santa María von Buenos Aires oder Montevideo.

Karl Roßmann ist nicht nur chaplinesk, sondern darüber hinaus parzivalesk, von unbeirrbarer Reinheit. Einerseits möchte man, wie der Junge in Il Ritorno in Patria, ständig mahnen und warnen und in die Handlung eingreifen und den Karl mit einem einzigen Wort darüber aufklären wollen, daß er, um sich aus dem staubigen Kerker, etwa des Dienstes bei Brunelda, in das Paradies zu versetzen, wie er es sich doch wünschte, bloß die Hand hätte ausstrecken müssen, andererseits weiß man hier aber nicht, wohin die Hand sich strecken sollte und ist auch bald schon fasziniert und auch erleichtert, wie wenig selbst schwerstes Unbill den Karl Roßmann anficht.

Jürgen Osterhammel hat das IV. Kapitel seiner erstaunlichen Durchleuchtung des neunzehnten Jahrhunderts dem Thema der Migration gewidmet, nicht zuletzt der Emigration nach Amerika als schwarzer Sklave, als asiatischer Kontraktarbeiter oder als weißer Europaflüchtling. Mit dem Amerikabuch hat Kafka, entgegen des für ihn Üblichen, also in gewisser Weise ein zeitgeschichtliches Thema aufgegriffen, denn so sehr wir Kafka dem zwanzigsten Jahrhundert zurechnen oder in ihm sogar unseren Zeitgenossen sehen wollen – welche auch nur geringsten Alterungsspuren wären denn auch am Neuen Advokaten, an den Elf Söhnen, in der Strafkolonie festzustellen? – seine Biographie fällt in das neunzehnte Jahrhundert, das in seinen wesentlichsten Bezügen, so wiederum Osterhammel, erst zur ungefähren Zeit von Kafkas Tod in das zwanzigste übergeht.

Nach Mitternacht soll Karl ein Brief des Onkels übergeben werden, er verschiebt seinen Aufbruch und „verliegt“, wäre er aufgebrochen, hätte er den Brief nicht erhalten und es wäre nicht zum Bruch mit dem Onkel gekommen. Kafkas Welt ist immer eine Welt der Mißverständnisse, der Verleumdungen und Irreführungen, der falsch verstandenen Situationen und unwiderruflich verpassten Möglichkeiten, mit einem Wort, eine Welt voller Kommunikationen nicht im von Habermas erwünschten Sinn. Gleichzeitig wird die Bedeutung der neuen Kommunikationswege für die Neue Welt hervorgehoben. Der Saal der Telegraphen im Bürohaus des Onkels war nicht kleiner, sondern größer als das Telegraphenamt der Vaterstadt Karls. Im Saal der Telephone gingen, wohin man schaute, die Türen der Telephonzellen auf und zu. Keiner grüßte, das Grüßen war abgeschafft. Auskunftserteilung und Gesprächsvermittlung scheint die wichtigste Obliegenheit überhaupt im Hotel Occidental. Zur Unterstützung der auskunfterteilenden Unterportiers war jedem ein Laufbursche beigegeben, der in gestrecktem Lauf von einem Bücherregal und aus verschiedenen Kasten alles herbeizubringen hatte, was der Unterportier gerade benötigte. Brachten sie einmal etwas Unrichtiges herbei, so warf er einfach das, was sie ihm auf den Tisch legten, mit einem Ruck vom Tisch herunter. Da waren ferner sechs Unterportiers mit sechs Telephonen, und wieder stand neben jedem der Sprecher ein Junge zur Hilfeleistung.

Kafka hat nicht nur und nicht vor allem die Neue Welt als dichterisches Migrationsziel, sondern mit China in herausragenden Erzählungen wie Die Kaiserliche Botschaft, Ein altes Blatt oder Beim Bau der chinesischen Mauer auch die uralte Welt. Spärliche Botschaften eilen durch den unübersehbaren Raum des Reiches und erreichen kaum je ihr Ziel. Man hörte zwar viel, konnte aber dem vielen nichts entnehmen. So groß ist unser Land, kein Märchen reicht an seine Größe. Ganze Dynastien sinken nieder und veratmen durch ein einziges Röcheln. Von diesen Kämpfen und Leiden wird das Volk nie erfahren, wie Zuspätgekommene, wie Stadtfremde stehen wir am Ende der dichtgedrängten Seitengassen. In diese Welt nun drang die Nachricht vom Mauerbau. Eine Barke hielt vor uns, der Schiffer winkte meinem Vater zu, er möge die Böschung herabkommen, er selbst stieg ihm entgegen. In der Mitte trafen sie einander, der Schiffer flüsterte meinem Vater etwas ins Ohr. Ich sah, wie der Vater die Nachricht nicht zu glauben schien, der Schiffer die Nachricht zu bekräftigen suchte, der Vater noch immer nicht glauben konnte, der Schiffer mit der Leiden schaftlichkeit des Schiffervolkes zum Beweis der Wahrheit fast sein Kleid auf der Brust zerriß, der Vater stiller wurde und der Schiffer polternd in die Barke sprang und wegfuhr. Schon auf der Schwelle begann mein Vater zu berichten, was er gehört hatte. Mein Vater sagte also etwa: ... was er sagte, erfahren wir nicht. - Man kommt kaum umhin, in Kafka einen Luhmann im poetischen Status nascendi zu sehen mit dessen in ganz anderer Weise vorgetragenen großen Erzählung von der Kommunikation und ihren endlosen Tücken.

Auch bei Kafka sind versperrte Türen und Tore, denen bei Luhmann die sich verschließenden Systeme als Signum der Moderne entsprechen, in der Neuen Welt nicht weniger prägend als in der alten : Mir unterstehen alle Tore im Hotel, also dieses Haupttor, die drei Mittel- und die zehn Nebentore, von den unzähligen Türchen und türlosen Ausgängen gar nicht zu reden – kaum leichter ist es für Karl Roßmann, das Hotel zu verlassen, als für den Mann vom Lande das Gesetz zu betreten.

Die Türen verschlossen, das Land zu weit, niemand dringt hier durch und gar mit der Botschaft eines Toten. Du aber sitzt an Deinem Fenster und erträumst sie Dir, wenn der Abend kommt. - Das Sitzen wider das Laufen, das Fenster wider die Tür, die erträumte Botschaft wider die überbrachte – im Traum werden die Botschaften der Dichter und Götter übermittelt. Hat Kafka je ernstlich vorgehabt, einen Roman zuende zu schreiben? Vom Proceß hat er nur die drei Seiten Vor dem Gesetz veröffentlicht, aus dem Bau der chinesischen Mauer, deren geplanter Umfang nicht bekannt ist, nur die ebenso knappe Kaiserliche Botschaft, auf das äußerste verdichtete Mitteilungen, wie sie die Götter den Dichtern zuflüstern, hier unten nicht zu verstehen.

Donnerstag, 2. Juli 2009

Ná beidh ár leithéidi arís ann

Erneut durchgeblättert: Brian Ó Nualláin, An Béal Bocht

Name: Brian Ó Nualláin, anglisierter Name: Brian O'Nolan, Pseudonym für die englischsprachige Produktion: Flann O'Brien, Pseudonym für die Produktion in irischer Sprache: Myles na gCopaleen, Myles, ist der Großvater Spartas gemeint? Myles na gCapaillín, Myles von den Pferdchen, wieso das nun wieder? Brian Ó Nualláin also, neben Joyce und Beckett ein weiterer großer Meister der irischen klassischen Moderne, vor Joyce hat er keinen übertriebenen Respekt gehabt, im Dalkey Archive läßt er ihn, gereift und geläutert, die Unterhosen der Jesuiten stopfen.

An Béal Bocht, der arme Mund, ist Ó Nualláins einziger Roman in irischer Sprache. An béal bocht a chur ort, den armen Mund aufsetzen, eine Redewendung, die besagt, daß man Leid und Unbill in ostentativer Weise vorträgt und damit in einer Manier, die, wenn man es so sehen will, die irische Volksliteratur des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts prägt, die aufgeschriebenen Lebensberichte einfacher Menschen, also Tomás Ó Criomthains An t-Oileánach (Der Inselmann), Peig Sayers‘ Peig, Muiris Ó Súilleabháins Fiche Bliain ag Fás (Zwanzig Jahre des Reifens) u.a. Ó Nualláins Buch gilt als Parodie insbesondere des Inselmanns mit der ständig wiederkehrenden Formel Ná beidh ár leithéidi arís ann: unseresgleichen wird es nimmer mehr geben.

Über den Begriff der Parodie müßte man sich allerdings verständigen. Es ist nicht gut vorstellbar, daß der Literaturprofi Ó Nualláin in vernichtender Absicht über den schlichten Ó Criomthain hergefallen ist, er hat ihn vielmehr geschätzt, wie sollte es auch anders sein. Andererseits konnte Ó Nualláin, Autor unter anderem des modernistischen Romans At Swim-Two-Birds, sich des armen Irlands – niemand auf der Insel hatte An Gorta Mór, die große Hungersnot zwischen 1845 und 1851 mit mehr als einer Million Toten vergessen – schlecht in der abstandslosen und zugleich formelhaften Weise der Volkserzähler annehmen. Ó Nualláins Ausweg war das Aufgreifen der volkstümlichen Erzählformeln und ihre Bewahrung in satirische Übersteigerung und Übertreibungskunst, an der Thomas Bernhard, wenn er das Buch gelesen haben sollte, nur Freude hätte haben können.

Bei der Einschulung bekommen alle Irenkinder den Einheitsnamen Jams O’Donnell verpaßt und eingebläut mit einem Holzprügel, so daß, wie es im lakonischen Fazit heißt, an diesem Tag kein junger Irenschädel in der Gegend ungespalten bleib, ní raibh aon chloigeann óg sa dúiche gan scoilteadh an lá sin. Der Spott ist da, aber die Klage bleibt, viel anders ist es bei der edukativen Zivilisierung der Iren nicht zugegangen.

Die Gaeilgeoirí, die Freunde der irischen Sprache, sind entzückt, als sie im Dorf des kleinen Jams O’Donnell auf das reinste Irisch stoßen, daß sie je gehört haben, denn wenn Irisch an sich schon schwer ist, so ist das reinste Irisch so gut wie unverständlich, thuig sé go mbíonn an dea-Ghaeilge deacair agus an Ghaeilge is fearr beagnach dothuigthe. So entgeht ihnen, daß sie mit ihrem Grammophon das Grunzen eines streunenden Schweins aufgenommen haben, das sich im Dunkel der Nacht unter die Dorfbewohner gemischt hatte, gurb an mhuc sheachráin sin againne a dúirt pé focail a bhi ráite an oíche sin. Der Spott ist da, aber die Klage bleibt, denn was ist trauriger als eine Sprache mit reicher Tradition tief in die Jahrtausende hinein, die spezielle Enthusiasten braucht, um notdürftig am Leben erhalten zu werden.

Die Elegie in der Obhut der Satire. Ná beidh a leithéid arís ann, desgleichen wird es nicht mehr geben – ist es nicht eine der Quellen alles Erzählens, das unwiederbringlich Verlorene für einen Augenblick wenigstens noch festzuhalten? Gerade heute, wo täglich Tierarten, Pflanzenarten, Lebensarten, Sprachen vor unseren Augen wegglobalisiert werden, müßte das einleuchten. Weg mit Schaden, werden andere sagen, an die Stelle des Alten tritt auch immer wieder Neues: Wind- und Sonnenenergieparks, quadratmeilengroße Treibhäuser für unsere Paprikaschoten, Klonschafe, Gärtner mit lärmendem Höllengerät und Gebläse, Wunderwerke der Architektur, Regietheater, Systemtheorie, immer neue Wunderwerke der Literatur.