Mittwoch, 22. Juli 2009

Stör auf die Welt in ihrem Dunkel

Virginia Woolf, die von mir, seit ich in schriftstellerischem Denken geschult bin, immer als die erste aller Dichterinnen bewundert gewesen ist

Draw a distinction. - mit diesem Satz beginnt das Formenkalkül des englischen Logikers und Mathematikers George Spencer Brown, ein Fanfarenstoß zur Attacke auf eine schlummernde amorphe Welt, der Niklas Luhmann so begeistert hat, daß er ihn in seinem Spätwerk kaum weniger als fünfhundertmal zitiert. Call me Ishmael. - die gleiche Kadenz, der gleiche Aufforderungsmodus, der bekanntlich von allen öden Aussage- und Beschreibungspflichten befreit – ein Augenblick absoluter Freiheit, der dann gleich vorüber und ständig zurückzuerobern ist - und zugleich der Satz, der unzählige Leser begeistert und mit den äußersten Erwartungen versehen hat, die von Melville dann samt und sonders erfüllt wurden.

Auf den Spuren von Paveses Festlegung, wonach ein Buch immer nur aus zwei Teilen besteht, dem ersten Satz und dann, als zweitem Teil, den Konsequenzen, die sich aus diesem ersten Satz ergeben, hatten wir den Eingangsatz von Thomas Bernhards Beton betrachtet, ein Satz so verschlungen in sich, als sollten alle Konsequenzen und Anforderungen aus diesem ersten Satz gleich schon im ersten Satz erledigt und zufriedengestellt werden, und nur weil das nicht möglich ist, dreht sich das Buch fort als kreisende Spirale um seinen Ausgangspunkt. Die aufgestörte Welt muß sich beruhigen und wird dabei sichtbar.

Mrs. Dalloway said she would buy the flowers herself. – im Duktus deutlich näher bei Melville als bei Bernhard. Ein Name, eine Person, Dalloway wie Ishmael, abgegrenzt von allen anderen Namen und Personen. Der Aufforderungsmodus fehlt, aber der schöne Glanz einer offensichtlichen Willkürentscheidung - hin zum vermeintlich Hellen, zu den Blumen, die Erzählung will sich ganz als Blumenmeer - versetzt in einen ähnlichen initialen Freiheitsrausch, the morning of narrative – fresh as if issued to children on a beach. Einiges wird ins Licht gehoben, damit mehr ins Dunkel abtauchen kann, Peter furious, Hugh not, some things were very beautiful, others sheer nonsense, die Blumen, die das Buch durch und durch schmücken, any number of flowers, roses, orchids, to celebrate, ladies with bright flowers on them, bought cheap flowers, half a dozen, die Blumen nicht nur hell auch dunkel: buds on the tree of life, flowers of darkness they are, she could feel nothing for the Armenians but she loved the roses, didn't that help the Armenians?

Mrs. Dalloways Gang durch London zum Blumenladen unterscheidet sich nicht in allem von Leopold Blooms Gang durch Dublin. Wahllose Eindrücke, die königliche Limousine, das Wolkenflugzeug, unbekannte Menschen, the difference between one man and another does not account to much, die gerade gewonnene Form will sich wieder im Chaos verlieren, losing discrimination, visions which ceaselessly float up, pace beside. But he would not go mad. He would shut his eyes. Im Chaos bilden sich neue Konturen, insbesondere die des kriegstraumatisierten Septimus - red flowers grew through his flesh; their stiff leaves rustle in his head – und seiner italienischen Frau Rezia, Hutmacherin. Das ganze Buch eine perfekte Balance aus Freiheit, Form und Chaos und Tod. Mit der bekannten Regelmäßigkeit aller Uhren schlägt die Glocke des Big Ben. Big Ben was beginning to strike, first the warning, musical; then the hour, irrevocable.

Für diejenigen, die die Intrige des Buches nicht kennen, ist sie schnell erzählt: Ähnlich wie das Ehepaar Auersberger in Wien in Thomas Bernhards Holzfällen einen Abendempfang veranstaltet (von jenem Ohrensessel aus), in dessen Verlauf die Rede unter anderem auch auf Virginia Woolf kommt, hatten die Eheleute Dalloway in Virginia Woolfs Mrs. Dalloway gut fünfzig Jahre zuvor einen Abendempfang in London veranstaltet (he was sitting on the sofa). What's the sense of your parties? They are an offering. Keine geringe Sache also, wie die Blumen eine schöne Opfergabe an die Götter, die wir selbst sind.

Bevor das Fest beginnt, am Abend des Dallowayday, am Ende des Buches, ist Septimus Warren Smith mit tödlichem Erfolg bereits aus dem Fenster gesprungen, like flying flowers over some tomb, kein Bekannter, so daß Mrs. Dalloway, wie es scheint, nicht in die Verlegenheit der Mme. Guermantes gerät, placée pour la première fois de sa vie entre deux devoirs aussi différents que monter dans sa voiture pour aller diner en ville, et témoigner de la pitié à un homme qui va mourir. Und weiter bei Proust: Vous avez gardé vos souliers noirs! Remontez vite mettre vos souliers rouges. Die Feste ähneln sich über die Landesgrenzen und Ozeane hinweg: He wore red socks, his black being in the laundry. Und dann holt der Tod Mrs. Dalloways Fest doch noch ein: The young man has thrown himself from a window. There he lay with a thud, thud, thud in the brain, and then a suffocation of blackness. So she saw it. And the Bradshaws talked of it at her party! She felt somehow very like the young man who had killed himself. She felt glad that he had done it, thrown it away, while they went on living. The clock was striking.

To whom the Big or small Ben tolls, sie, die Glocke, schlägt fortwährend unaufhaltsam für alle. How unbelievable death was! - that it must end. A point sometimes bothered her if she woke early in the morning and did not like to call her maid for a cup of tea: how it is certain we must die. - The other clock which always struck two minutes after Big Ben, volubly, troublously, the late clock sounded, coming in on the wake of Big Ben, with its lap full of trifles. Das gemeine Leben, Geschenk und Fluch einer nachhinkenden Uhr?

Adeline Virginia Stephen Woolf, so unglaublich schön und so herrlich mit den Worten im Morgenlicht und so todtraurig, als die Dunkelheit kam. I feel certain that I am going mad again. I can't fight any longer. I don't think two people could have been happier than we have been. V.

Thomas, W.G. (in Norfolk a soft wind blew back the petals, confused the water, ruffled the flowering grasses) & V. – das gleiche Alter, knapp unter sechzig, im Tod, Marcel noch deutlich jünger, nur knapp über fünfzig.

Dienstag, 21. Juli 2009

Damals

Lesend: Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt, Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts

Es muß gegen die Mitte meiner Schullaufbahn gewesen sein, als ein Radiomann, während er die neuesten Schlager vorstellte, einfließen ließ, die Menschheitsgeschichte sei doch wohl nichts anderes als ein sinnloses Gezerre und Gestürm – eine mir hochwillkommene Einschätzung, legitimierte sie doch den Unwillen und das Unvermögen, neben den lateinischen, englischen und französischen Vokabeln auch noch die diversen Friedriche, Wilhelme und Friedrich Wilhelme zu erlernen. Die Beschwichtigung durch den Radiomann hielt im wesentlichen vor, bis Niklas Luhmann ihn um einiges anspruchsvoller ablöste. Primär segmentäre, primär hierarchische, primär funktionale Gesellschaftsdifferenzierung und zusätzlich Semantik, die die Gesellschaftsstruktur umspielt, was braucht es mehr zum Verständnis des Geschehens? Was vielleicht noch fehlte, konnte den großen Romanen entnommen werden, die zu lesen so angenehm ist.

Wo im übrigen war Geschichte zu finden? Natürlich gab es im Altertum, im Mittelalter, in der frühen Neuzeit immer wieder den einen oder anderen Punkt, der zu vertiefen war. Die Idee andererseits, die von mir selbst gelebte Zeit sei, aus einem anderen Blickwinkel, auch bereits Geschichte, blieb und bleibt fremd. Unmittelbar im Rücken das große schwarze deutsche Loch, bei dem der Sinn, das Entsetzen ständig mit neuen Details zu irritieren, nicht ganz klar ist. Und das neunzehnte Jahrhundert? Waren das nicht einfach die Lebensumstände der Menschen, die ich vielleicht besser kannte als vielleicht alle anderen, mich selbst nicht ausgenommen, Natascha Rostowa, Aljoscha, Dimitri und Iwan Karamazow, Anna Karenina, der kleine Marcel in Combray samt seinen Eltern und Großeltern, Leutnant Glahn. Hamsun kam tief aus dem neunzehnten Jahrhundert und lebte noch, wo war da Geschichte. Freilich, wenn es wie in Krieg und Frieden oder Vor dem Sturm zurückging bis zu Napoleon und einige, wie der alte Knäs Bolkonski wohl noch Perücke trugen – aber auch diese Zeit wurde von Tolstoi und Fontane so nahe gebracht, als sei es die unsere.

Jetzt freilich schaut man sich um und muß ernstlich fragen, ob unsere Zeit noch die unsere ist. Darauf antwortet Ostermann mit einem wahrhaft bestechenden Ja und Nein, das sich über weit mehr als tausend Seiten erstreckt.

Von der Reihe der Herrschernamen, der bloßen Ereignisgeschichte ist das natürlich so weit entfernt wie die geballte Geographie von der schlichten Topographie, auch wenn auf die nicht ganz verzichtet werden kann. Der Untertitel Die Verwandlung der Welt ist ernstzunehmen, einerseits war das neunzehnte Jahrhundert wie kein anderes das Jahrhundert Europas, zugleich aber das erste Jahrhundert, das Anlaß gibt, die Welt als ganzes in den Blick zu nehmen. Im neunzehnten Jahrhundert haben die Vorgänge begonnen, die wir Globalisierung nennen, seitdem wir nicht mehr glauben können, ihrer noch Herr zu sein. Nordamerika und Australien werden in eins mit Europa behandelt, Osterhammel hat ein hervorragendes zweites Kenntnisstandbein in Ostasien, China zumal, und zieht auch Quellen zu Afrika, Südamerika und den restlichen Landstrichen heran. Achtzehn ausführliche Themenblicke wirft Osterhammel auf unsere Welt: Gedächtnis und Selbstbeobachtung; Zeit; Raum; Seßhafte und Mobile; Lebensstandards; Städte; Frontiers; Imperien und Nationalstaaten; Mächtesysteme, Kriege, Internationalismen; Revolutionen; Staat; Energie und Industrie; Arbeit; Netze; Hierarchien; Wissen; „Zivilisierung“ und Ausgrenzung; Religion – und dann sind tausenddreihundert Seiten auf das erhellendste in einer federleichten, aufwandlos prägnanten und kräftigen Prosa* gefüllt, zweihundertundfünfzig Seiten Anhang schließen sich an. Osterhammel untersagt sich jede Kritik an den historischen Vorgängen, lakonische Maßnahmen wie die, Vokabeln in der Art von "zivilisiert" und "unzivilisiert" grundsätzlich nur in Anführungszeichen auftreten zu lassen, machen aber deutlich, daß aus anderer Warte praktisch alles massiv kritisierbar wäre

Der Radiomann hat ausgedient. Andere, die ihm vielleicht auch zu sehr vertraut haben, sollten die Gelegenheit ergreifen und Abschied nehmen von ihm. Das neunzehnte Jahrhundert von Natascha Rostowa und dem kleinen Marcel in Combray wird uns nicht genommen, wir haben gelernt, zwischen dem Knochengerüst der Theorie und der Epidermis der Erzählprosa ist reichlich Platz.

*Beispiel: Seitdem entwickelten sich Fish & Chips zur identitätsstiftenden Lieblingsmahlzeit der britischen Arbeiterklasse und zum Emblem nationaler Deftigkeit auf dem Teller (Lebensstandards/Globalisierter Konsum/Warenhaus und Restaurant S.343).

Montag, 20. Juli 2009

Grand Prix

Für einen treuen Leser ist ein Schriftsteller eigentlich erst dann tot, wenn das endgültig letzte von ihm erschienene Buch zu Ende gelesen ist – nur gut, daß wir nicht wissen können, wann das sein wird. Von Thomas Bernhard ist jetzt im zwanzigsten Jahr seines Todes ein originales, wenn auch, zumindest in Teilen, dem Publikum bereits vor der Veröffentlichung nicht gänzlich unbekanntes autobiographisches Prosawerk erschienen: Meine Preise. Es handelt sich bei den Preisen im einzelnen um den Grillparzerpreis, die Ehrengabe des Kulturkreises des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, den Literaturpreis der Freien und Hansestadt Bremen, den Julius-Campe-Preis, den Österreichischen Staatspreis für Literatur, sicher der Höhepunkt und daher auch zentral plaziert im Buch, den Anton Wildgans-Preis, den Franz-Theodor-Csokor-Preis, den Literaturpreis der Bundeswirtschaftkammer und schließlich den Büchnerpreis, Deutschlands Bester. Die Tante, Hedwig Stavianicek, der vor allem es gilt eine Freude zu machen, ist so gut wie immer dabei bei den Festlichkeiten. Man kann sagen, es ist das bestaufgelegte Buch Bernhards bislang, bedauerlich nur in jeder Beziehung, daß der Nobelpreis in der Auflistung fehlt.

Die Verleihungsprozeduren gehen fast durchweg skurril bis grotesk vonstatten, auf Seiten des Dichters wird als Grund für die Preisannahme ausschließlich Geldgier genannt, der Grillparzerpreis war insofern eine besondere Enttäuschung als er, wie sich herausstellt, ohne Preissumme vergeben wird. Ansonsten sind die Preissummen immer zu klein und bringen auch nicht immer das reine Glück. Die fünftausend Mark des Julius-Campe-Preises werden umstandslos und vollständig in einen Triumph Herald umgesetzt, mit dem der Dichter nur wenig später in Jugoslawien einen Totalschaden erleidet, ein motorisiertes Wiederaufleben der unvergeßlichen Fahrradhavarie aus Ein Kind. Die Ehrengabe des Kulturkreises des Bundesverbandes der Deutschen Industrie darf er mit der Dichterin Elisabeth Borchers teilen und das Pärchen sieht sich auf dem Podium dann mit Frau Bernhard und Herr Borchers angeredet, ein Beleg für Benns Grundeinssicht, daß sich keine zwei Bereiche auf der Welt unversöhnlicher gegenüberstehen als Kunst und Kultur als Kulturbetrieb. Damit ist auch schon die Grundlage für den Österreichischen Staatspreis gelegt, bei dem es Bernhard gelingt, den Minister Piffl-Percevic, der direkt aus einer Stellung bei der steiermärkischen Landwirtschaftskammer ins Kulturressort berufen worden war, mit einer insgesamt vielleicht auf ca. vier Minuten bemessenen Ansprache bereits nach zwei Minuten als Wutschnaubenden aus dem Saal zu vertreiben. Die Ansprache ist metaphysisch-wild, weit mehr Rhythmus als Verstehbares: Es ist nichts zu loben, nichts zu verdammen, nichts anzuklagen, aber es ist vieles lächerlich; es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt. Man geht durch das Leben, beeindruckt, unbeeindruckt, durch die Szenen, alles ist austauschbar, im Requisitenstaat ... da war der Minister wohl schon entsprungen, man weiß nicht wieso und wohin. Die nur vierzehn Tage später angesetzte Verleihung des Anton Wildgans-Preises entfällt daraufhin, der Dichter erhält den Preisscheck wortlos per Post, aus seiner Sicht die optimale Vergabepraxis. Versöhnlich auch die Verleihung des Literaturpreises der Bundeswirtschaftskammer, denn hier versteht sich der Dichter nicht als Literat, sondern als vorbildlicher ehemaliger Kaufmannslehrling geehrt.

Für den Herbst 2009 ist eine weitere Bernhardpublikation Städtebeschimpfungen angekündigt, eine Blütenlese, nichts Originales. Ausgenommen von der Verdammung der Städte und gerettet sind jetzt schon Hamburg, wo die Alster entspringt und wo der Dichter als Stadt genau das gefunden hat, was der Volksmund die Liebe auf den ersten Blick nennt, sowie auch Warschau, die schöne und aufregende und unheimliche Stadt. Was Warschau anbelangt, so freut uns die unergründliche Gnadenwillkür des Dichters ganz besonders.

Sonntag, 19. Juli 2009

Gießtechniken

Wieder und wieder gelesen: Thomas Bernhard, Beton

If I can read this strange guy's mind aright

Wie sich entscheiden, wenn man sich nach längerer Abstinenz Thomas Bernhard erneut zuwendet? Das Theater beachten wir weiter nicht. Vielleicht nicht gerade den ersten Roman, Frost allein würde seinem Autor zweifelsohne einen bleibenden Platz sichern, es ist aber doch eine Art Protobernhard. Vielleicht auch nicht die späten und eleganten Alten Meister, vielleicht überhaupt eher eines der schmaleren Bücher. Die Verstörung? Gäbe man nach und würde den ersten Satz lesen, wäre sicher kein Aufhören vor dem letzten, Handke, eine seiner besten Taten, hatte das schon sofort erkannt. Das Kalkwerk mit dem Foltergefängnis der Hörstudie garniert mit Novalis und Kropotkin? Schwer zu widerstehen. Ja? Ja, wer könnte die Perserin vergessen und möchte sie nicht immer wieder treffen, nur solange wir von ihr lesen, kann der Selbstmord verhindert werden. Watten, Gehen, Billigesser, Untergeher, Korrektur? Eins der autobiographischen Bändchen? Das einzig Gerechte und Vernünftige und zu gleich das Vergnüglichste wäre naturgemäß, den ganzen Bernhard noch einmal von vorn bis hinten zu lesen.

Beton verspricht den besonderen Nervenkitzel extremer Konzentration, die notwendig ist, um nach achtzig Seiten über das Keimen der Reiseidee und weiteren neunzig Seiten über allem Anschein nach aussichtslose Reisevorbereitungen auf Seite hundertundsiebzig nicht wieder die komplette, in einen Satz gefaßte Reiseschilderung zu überlesen, um sich dann die restlichen vierzig Seiten zu wundern, wie und wann man aus Österreich auf die Baleareninsel gelangt ist: Hatte es in Peiskam, wo ich um zwei Uhr Mittag abgeholt worden bin, noch elf Grad minus gehabt, so zeigte bei meiner Ankunft in Palma, wo ich diese Notizen aufschreibe, das Thermometer schon achtzehn Grad plus. Eine Seite später erhält die Reisebeschreibung dann noch den naturgemäßen bernhardschen Feinschliff: Der Flug war, wie alle schon vorher überstandenen, auch wieder der fürchterlichste aller fürchterlichen gewesen. Staunend betrachtet man die verwegenen Proportionen des Buches: extrem ausgedehntes Vorspiel mit dem Entschluß zur Reise und den Reisevorbereitungen, die Reiseschilderung in ihrer Kürze noch weitaus extremer als das Vorspiel in seiner Länge und schließlich der nur kurze und, wenn man so will, dem Beton gewidmete Hauptteil.

Martin Mosebach läßt eine seiner Figuren beiläufig äußern, die Machtergreifung des Häßlichen habe begonnen mit der Technik des Gießens, alles Gegossene sei häßlich. Das ist sicher keine uneingeschränkt belastbare Aussage, das Fertigungsverfahren Gießen ist das vermutlich älteste Formgebungsverfahren überhaupt, älter als die Häßlichkeit, aber das bloße Wort Beton belegt, es ist etwas dran an dieser Überlegung. Vielfach entfacht Bernhard Haß und Empörung aus stilistischen Gründen für seine spezielle Darstellung von Liebe und Freude, bei der Architektur meint er es schlicht ernst. Aufkauf und Wiederherrichtung humaner Behausungen war sein zweites geistiges Standbein, den zeitgenössischen Siedlungsbau führt er auf eine insgesamt durchaus verbreitete, in diesem Zusammenhang aber doch spezielle Gießtechnik zurück: wie hingeschissen. So gesehen ist es kein Wunder, wenn Bernhard den Beton in einem eigenen Buch gefeiert hat.

Und andererseits, läßt sich Bernhards Prosa selbst nicht vorzüglich als eine besondere Technik des Gießens verstehen? Beton ließe sich einigermaßen akkurat als die Schilderung vom Packen (in Peiskam) und Auspacken (in Palma) zweier großer Reisekoffer in Form eines heftigen Sprachausgusses beschreiben. Die Gießtechnik ist freilich inversiv, es entsteht kein Gußstück durch Gießen einer Gußmasse in eine Form, vielmehr wird die Gußform selbst durch das Gießen erzeugt und sie, die Hohlform, ergibt die eigentliche Gestalt des Buches. Das Buch Beton entsteht aus der Schilderung der vergeblichen Bemühungen des Protagonisten, ein Buch über Mendelssohn zu schreiben, der Roman ist also die Hohlform eines anderen Buches, das nicht zustande kommt. Aus den fortwährenden wüsten Beschimpfungen der Schwester des Icherzählers entsteht als Hohlform die Gestalt einer lebenstüchtigen, kultivierten und warmherzigen Frau, die sich um das Wohl ihres Bruders sorgt &c.

Niemand als Bernhard ist vollständiger überzeugt worden von Paveses Mitteilung, ein Buch zu schreiben sei, wenn man so wolle, einfach und bestehe lediglich darin, den ersten Satz zu Papier zu bringen. Man müsse, so Pavese, anschließend dann aus diesem Satz nur noch die fälligen Konsequenzen ziehen. Es gibt schlagende Belege für diese These: Call me Ishmael. Punkt, kein Ausrufungszeichen, niemand zweifelt, daß es der genauen sechshundert Seiten des Moby Dick bedarf, um die unendlichen Verheißungen dieser drei Worte einzulösen. Auch der Protagonist des Betonbuches ist überzeugt, er müsse nur den ersten niederschreiben, und die Sätze seines Mendelssohnbuches würden sich zwangsläufig über Höhen und Täler ergießen.

Der Eingangsatz vom Beton unterscheidet sich kraß von dem des Moby Dick: Von März bis Dezember, schreibt Rudolf, während ich, was in diesem Zusammenhang gesagt sein muß, große Mengen Prednisolon einzunehmen hatte, um meinem zum dritten Mal akut gewordenen morbus boeck entgegenzuwirken, trug ich alle nur möglichen Bücher und Schriften über Mendelssohn Bartholdy zusammen, suchte alle möglichen und unmöglichen Bibliotheken auf, um meinen Lieblingskomponisten und sein Werk von Grund auf kennenzulernen und, so mein Anspruch, mit dem leidenschaftlichen Ernst für ein solches Unternehmen wie das Niederschreiben einer größeren wissenschaftlichen einwandfreien Arbeit, vor welcher ich tatsächlich schon den ganzen vorausgegangenen Winter die größte Angst gehabt habe, alle diese Bücher und Schriften auf das sorgfältigste zu studieren, war mein Vorsatz gewesen und erst darauf, endlich, nach diesem gründlichen, dem Gegenstand angemessenen Studium, genau am siebenundzwanzigsten Jänner um vier Uhr früh diese meine, wie ich glaubte, alles bisher von mir die Musikwissenschaft betreffende von mir aufgeschriebene Veröffentlichte sowie Nichtveröffentlichte weit zurück- und unter sich lassende, schon seit zehn Jahren geplante, aber immer wieder nicht zustande gekommene Arbeit angehen zu können nach der für den Sechsundzwanzigsten bestimmten Abreise meiner Schwester, deren wochenlange Anwesenheit in Peiskam selbst den geringsten Gedanken an eine Inangriffnahme meiner Arbeit über Mendelssohn Bartholdy in seinen Ansätzen zunichte gemacht hatte. - Es wird Zeit und Raum brauchen, bis alle in diesem erstaunlichen Eingangssatz angeschlagenen Rhythmen und Wellen sich ausgelaufen haben.

Die Durcharbeitung vollzieht sich im Rahmen einer typischen bernhardschen Erregung, die Peiskam ganz beherrscht und auch in Palma nicht eigentlich nachläßt. Und doch ist das alles in gewisser Weise nur die Hintergrundmusik zu der in der Art einer schlichten Volksweise vorgetragenen Geschichte der Anna Härdtl, die Geschichte von ihrem traurigen Scheitern am und auf dem Beton und ihr schließliches Verbleiben im Mallorquiner Friedhofsbeton. Wir verlassen für diese Geschichte nicht das Bewußtsein des Erzählers, der sie aus seiner Erinnerung schöpft, und doch wird der Wechsel in Thema, Melodie und Tonart ebenso abrupt verfügt, wie Seiten zuvor der Ortswechsel: Plötzlich hörten wir von der Anna Härdtl folgendes: Ende August sei sie mit ihrem Mann und einem dreijährigen Sohn .... In der gegenwärtigen Erzählzeit erfährt Rudolf dann von ihrem zwischenzeitigen Tod: Nachdem ich diese meine Frage ganz deutlich und wie ich sehen konnte, selbst auf spanisch sehr gut verständlich machen hatte können, sagte der Portier nur mehrere Male das Wort suicidio.

Die Geschichte der Anna Härdtl befreit den Erzähler für den Augenblick aus der Gefangenschaft seines Ichs, ihr Tod ist aber auch der eigene, dem der Kranke das Buch hindurch entgegenblickt und in seinen Tiraden und Wortergüssen zu versenken sucht. Nun steht der Tod kalt und häßlich wie erstarrter Beton vor ihm. Es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt, hatte Thomas Bernhard schon im Jahre Neunzehnhundertundsiebenundsechzig eine ihm zu Ehren versammelte gläubige Festgemeinde, Minister und andere, unterrichtet, der Minister der Kultur hatte die Wahrheit nicht ertragen können und war aus dem Festsaal entlaufen.

Der letzte Satz: Ich zog die Vorhänge meines Zimmers zu, schreibt Rudolf, nahm mehrere Schlaftabletten ein und erwachte erst sechsundzwanzig Stunden später in höchster Angst. - Ein Buch voller Gelächter, Schrecken und Angst, ein Buch von betörender Schönheit in Schrecken und Angst und Gelächter, das dann verstummt.

Samstag, 18. Juli 2009

Theaterkämpfe

In Abwehr einer Rede, die Daniel Kehlmann bei den 89. Salzburger Festspielen gehalten hat und in der er das Regietheater nicht über die Maßen preist, trägt Peter Michalzik in der FR das folgende Prosastück zusammen:

Diese Rede ist ein Musterbeispiel dumpf-reaktionären Denkens, ressentimentgeladen und argumentfrei zugleich. Sie wirkt in ihrem Bemühen, die Welt wieder zurechtzurücken, die Dinge wieder in ihre natürliche Ordnung zu bringen, herrlich harmlos, und doch laufen einem, wenn man genau hinhört, kalte Schauer den Rücken herunter. Kehlmann phantasiert sich, in zielvoller Selbstverniedlichung in die Rolle des Kleinbürgers als Kunstrichter. Der Applaus ist ihm gewiß. Vielleicht aber erschrickt auch Kehlmann einmal, wenn er aufwacht, darüber, woher der Applaus vor allem kommt.

Der ganze Text ist um einiges ausführlicher, aber es reicht. Jemandem, der unter keinen Umständen noch ein Theater betreten würde, ob nun eine werktreue oder eine regiebetonte Aufführung droht, kann die Auseinandersetzung in der Sache herzlich gleichgültig sein und ist es auch. Was fasziniert, ist das sprachliche Arsenal, das den Sieg gewährleisten soll.

Seitdem das Publikum vermehrt die Scholien Gómez Dávilas liest, der sich selbst frohen Herzens und völlig zurecht als reaktionär einordnet, hat die Vokabel ihre absolute Knockoutqualität eingebüßt. Da hilft es auch nicht, routinemäßig dumpf als Präfix einzusetzen, so als sei das eine feste Wortverbindung. Halten wir uns weiter an Dávila als Gewährsmann des Reaktionären, so muß man den Inhalten seiner Aphorismen nicht folgen und tut es in den meisten Fällen auch besser nicht, niemand kann sie aber in ihrer funkelnden Präzision als dumpf bezeichnen. Auch ressentimentgeladen ist wohl nur aus alter Gewohnheit und auf gut Glück hingeschrieben. Kehlmanns Rede wird als argumentfrei dargestellt, mit welchem Argument und welcher Beschreibung wird aber dann das gute Gehör eingeführt, das zu den Kälteschauern am Rücken führt? Nach einer flüchtigen Skizze der Heilen Welt, die wir aus nie verdeutlichten Gründen fürchten müssen wie je ein Teufel das Wasser, tritt er auf, der ewige und niemals versagende Kleinbürger, da müssen die Gegner doch wohl das Handtuch werfen. Und zur Sicherheit und für alle Fälle dann noch der Applaus von der falschen Seite. Wohin geht diese dunkle Drohung, sind es die harmlosen Inhaber von Theaterabonnements, die Michalzik ins Visier nimmt, ist es das debile Millionenpublikum sogenannter Volksmusiksendungen, das in einer einmaligen kulturellen Aufwallung Kehlmann zujubeln könnte, oder ist es in schrecklicher Konsequenz gar so - was wir nicht ahnen, Michalzik aber klar und deutlich sieht -, daß Zurückhaltung gegenüber dem Regietheater unmittelbar den Neonazis in die Hände spielt?

Im Zuge der sogenannten Wiedergutmachung ist man bei einer Bregenzer Nabucco-Inszenierung Mitte der neunziger Jahre auf den Gedanken gekommen, aus den Sklaven richtige Juden in Zebraanzügen zu machen. Ich habe, was mich heute noch reut, teilgenommen an einer Veranstaltung des Festspielrahmenprogramms und bin, bis die letzten Besucher in den Eingängen verschwunden waren, unschlüssig auf dem Vorplatz herumgestanden, unschlüssig, weil es mir mit jedem vergehenden Jahr unmöglicher wird, mich unter ein Publikum zu mischen; unschlüssig, weil ich den Chor der verkleideten KZ-Häftlinge nicht sehen wollte.

Kehlmann ist ein bekennender Parteigänger Sebalds, auch der ein dumpf-reaktionärer Kleinbürger voller Ressentiments? Ein gealterter und offenbar angeschlagener Boxer teilt reflexhaft aus, landet keinen Treffer und sieht sich selbst als Champion und Sieger im Ring.

Sonntag, 12. Juli 2009

Pupuseh

Allah razı olsun

Gelesen: Martin Mosebach, Die Türkin

Wenn in Deutschland bei einer Auseinandersetzung erst einmal der Vorwurf des Ästhetizismus gefallen ist, dann weiß man schon, welche Partei verloren hat, schreibt Martin Mosebach in einem seiner Aufsätze über Liturgie und Kirchenbau, Grund genug für die Verlierertruppe, auch Mosebach den Erzähler kennen zu lernen. Er, Mosebach, sei ein begnadeter Stilist, liest man auf dem Einbanddeckel der Türkin, ein reichlich unbestimmter Rechtsbegriff. Nicht gemeint sind offenbar die Extremstilisten in der Art von Kafka, Bernhard oder Sebald, gekennzeichnet dadurch, daß sie die Welt in eine neue ungeahnte Sprachform gießen und zwar so unwiderstehlich, daß für die Dauer der Lektüre jede andere Form als wenig lohnend erscheint. Eine solche Verwandlung findet bei Mosebach nicht statt, es bleibt die Normalwelt, diese aber in einem schönen Sonntagsstaat. Auch scheint die Gnade, die über seiner Prosa waltet, nicht völlig ausgeglichen und weist kleine Beschädigungen auf, so wenn er sich in die Sprachniederung (rumkriegen) begibt. Über Benns Gottesgabe, in einem Satz sieben Sprachebenen zu durchstoßen, um daraus eine funkelnde achte zu erzeugen, verfügt er nicht. Auch sprachlich Abgelegenes (murkelig) fließt nicht in gleich schöner Widerstandslosigkeit ein wie die Alemannismen bei Sebald. – Man würde nicht so hoch greifen im Vergleich, wäre nicht, ohne Verschulden des Autors, das hohe Wort der Gnade ins Spiel gebracht worden.

Krieg der Kulturen, interkulturelle Begegnung, Multikulturalismus – Brocken, die der Ochs Globalisierung aus dem Berg geschlagen hat, vor dem ersteht, um sie dann gleich zu zertreten und unbrauchbar zu machen. Mosebach baut sein eigenes erzählerisches Bild auf, heiter und ohne diese untauglichen Brocken auch nur zu beachten.

Frankfurt am Main ist Schauplatz einer amour en guise de passion zwischen einem deutschen Nachwuchskunstwissenschaftler und einer türkischen Wäscherin, in die er sich unverzüglich verliebt. Sie wird in die Türkei, genauer: nach Lykien verbracht, er folgt ihr. Die Balance der Welten ist herzustellen, immer empfindlich gestört dadurch, daß Europa seine bevorzugten Werte als universell deklariert und damit auch hinter den Linien plaziert, ein listige Re-Entry schon fast in dem Sinne, wie Luhmann den Begriff vom megalomanen Spencer-Brown entlehnt hat. Megalomanie und die Listen des Odysseus, unverzichtbare europäische Grundlagen, und anderswo sieht es keinesfalls besser aus.

Zum Opfer gebracht werden soll der Wert der Individualisierung. Wir westlichen Zivilisationsmenschen wissen, von mir aus auch nur im geheimen, daß uns diese Charakterkostüme in Wahrheit um den Leib herumschlottern, daß da noch Finger in den Kragen passen. Aber hier war es anders. Turhan war der Frauenfreund und Schürzenjäger von morgens bis abends, auch wenn er gar keine Frau zu Gesicht bekam, und Ünal war stets ernsthaft und machte keine Späße. Ohne diese klar ausgeprägte Form der Person würde ich in den Augen Pupusehs sehr unvorteilhaft, ja vielleicht überhaupt nicht wirken. Turhan und Ünal waren Vorbilder. Seine Form gewinnt er dann allerdings erst, nachdem er Pupuseh verloren hat: „Ich bin der Mann, der Pupuseh liebt“ – so war es richtig, es war eine Definition. - Die Definition klingt gerade so wie I am The man who shot Liberty Valance – und da wissen wir, daß es der andere war.

Pupuseh wird für den Icherzähler der Frauenname schlechthin. Es sei kein ursprünglich türkischer Name, wird angedeutet. Pupuseh hat den gleichen Konsonantenaufbau wie Papusza in der Romanisprache, in zwei Sprachen derselben Familie könnte es das gleiche Wort mit gleicher Bedeutung sein. Will Mosebach uns heimlich bis an die Schwelle Indiens führen? Aber niemand, niemand kann nach Indien führen, die Tore Indiens sind unerreichbar und die Entführung aus dem Serail findet nicht statt. Und so blieb denn auch die Ausbeute dieser Tage in Grenzen. Ich brachte eine kleine Narbe an der Stirn nach Deutschland mit, zurück ließ ich eine Zukunft. In Frankfurt holte mich Zeynab vom Flughafen ab.

Diese letzten Zeilen des Buches haben es in sich. Welche Zukunft hat er zurückgelassen, die unmögliche mit Pupuseh oder die mögliche beim Antiquar Hirsch in New York – aber den Verlust dieser Zukunft hatte er schon längst als Gewinn verbucht. Winners take nothing und schon gar nicht erhalten sie Zutritt zu den schönen Büchern, selbst diese Zeilen wurden bereits eingangs den Verlierern gewidmet. Wenn Pupuseh der Frauenname schlechthin ist, ist dann nicht auch Zeynab, die bislang als freundliche Kupplerin tätig war, Pupuseh? Über ihre erotischen Qualitäten war sich der Erzähler schon während der langen Telephonate zwischen Lykien und Hessen klar geworden.

Donnerstag, 9. Juli 2009

Treballo d'advocat

el per qué de cada cosa


Wir haben einen neuen Advokaten, den Dr. Bucephalus. In seinem Äußeren erinnert wenig an die Zeit, da er noch Streitroß Alexanders von Macedonien war. Wer allerdings mit dem Umständen vertraut ist, bemerkt einiges. Doch sah ich selbst einen ganz einfältigen Gerichtsdiener mit dem Fachblick des kleinen Stammgastes der Wettrennen den Advokaten bestaunen, als dieser, hoch die Schenkel hebend, mit auf dem Marmor aufklingenden Schritt von Stufe zu Stufe stieg.

Im allgemeinen billigt das Barreau die Aufnahme des Bucephalus. Mit erstaunlicher Einsicht sagt man sich, daß Bucephalus bei der heutigen Gesellschaftsordnung in einer schwierigen Lage ist und daß er deshalb, sowie auch wegen seiner weltgeschichtlichen Bedeutung, jedenfalls Entgegenkommen verdient. Heute – das kann niemand leugnen – gibt es keinen großen Alexander. Zu morden verstehen zwar manche; auch an Geschicklichkeit, mit der Lanze über den Bankettisch hinweg den Freund zu treffen, fehlt es nicht; und vielen ist Macedonien zu eng, so daß sie Philipp, den Vater verfluchen – aber niemand, niemand kann nach Indien führen. Schon damals waren Indiens Tore unerreichbar, aber ihre Richtung war durch das Königsschwert bezeichnet. Heute sind die Tore ganz anderswohin und weiter und höher vertragen; niemand zeigt die Richtung; viele halten die Schwerter, aber nur, um mit ihnen zu fuchteln; und der Blick, der ihnen folgen will, verirrt sich.
Vielleicht ist es deshalb wirklich das Beste, sich, wie es der Bucephalus getan hat, in die Gesetzesbücher zu versenken. Frei, unbedrückt die Seiten von den Lenden des Reiters, bei stiller Lampe, fern von dem Getöse der Aleksanderschlacht, liest und wendet er die Blätter unserer alten Bücher.

Kafkas Tiergeschichten, Der Bau, Ein Bericht für die Akademie, Josephine die Sängerin muß man nicht bevorzugen, wenn es aber darum ginge, die Geschichte der Welt, von der Barbarei über die Hochkulturen zur Neuzeit, in einem Absatz zu erfassen, sieht man nicht, wie Der neue Advokat zu übertreffen ist. Jürgen Osterhammel benötigt in seinem großartigen Geschichtsaufriß allein für das neunzehnte Jahrhundert an die tausendfünfhundert Seiten und macht keinen Hehl daraus, daß jeder Lichtstrahl nur die unermeßliche Weite des Dunkels verständiger erahnen läßt. Kafka zeichnet wie Picasso oder Matisse, wenige Striche nur, kaum etwas ist ausgeführt und alles ist vorhanden. Mit einem Strich, einer Verszeile, einem Prosaabsatz katapultiert sich die Kunst hinaus zu einem archimedischer Punkt, von dem aus beliebig viel gesehen und beliebig viel vernachlässigt werden kann, in jedem Fall die Begründung, el per qué de cada cosa – Augenblicksbewohner archimedischer Punkte fragen nicht nach dem Warum. Schon eine unmittelbare Hinwendung zum Thema kann alles verderben und den Dichter hart am Boden aufschlagen lassen. Kafkas jenseitiger Schritt ist trittfest, und wir wollen unser Bestes tun, ihn nicht aus der Balance zu bringen.

Der erste überaus kühne Strich, Alexanders Streitroß hat, wenn man so sagen darf, umgesattelt und ist neuerdings tätig als Rechtsanwalt, die Welt muß sich neu ordnen angesichts dieser aus jedem Rahmen fallenden Erscheinung und weiß nicht wie. Am besten, sie rührt sich nicht und schluckt das Unerhörte. In seinem Äußeren erinnere nur noch wenig an die alte Zeit, wird abgewiegelt, der einfältige Mann aber will dem unglaubliche Gesicht des Bucephalus auf der Marmortreppe mit seiner Rennbahnerfahrung beikommen. Die nicht weniger hilflose Erkenntniselite beruft sich auf die heutige Gesellschaftsordnung, von der sie kaum allzuviel weiß, und billigt die Aufnahme des Rosses in die Advokatenkammer. Das ist zwiespältig, schon Minimalkenntnisse des Werkes Kafkas stellen klar, daß er den Proceß der Verrechtlichung der Welt, dem sich auch das mythische Schlachtenroß einreihen muß, nicht mit voreiligem Jubel begleitet hat. Ebenso wenig hat er naturgemäß idyllische Vorstellungen vom vorrechtlichen Zustand der Menschengeschichte, Ein altes Blatt kann als Vorbild aller ungezählten Westernszenen gelten, in denen Desperados die Gewalt in einer Provinznest übernommen haben, und stellt sie alle in den Schatten: Sie beschäftigen sich mit dem Schärfen der Schwerter, dem Zuspitzen der Pfeile, mit Übungen zu Pferde. Was sie brauchen, nehmen sie. Man kann nicht sagen, daß sie Gewalt anwenden. Vor ihrem Zugriff tritt man beiseite und überläßt ihnen alles. Auch ihre Pferde fressen Fleisch; oft liegt ein Reiter neben seinem Pferd und beide nähren sich vom gleichen Fleischstück, jeder an seinem Ende.

Ein weiterer Strich: Zu morden verstehen zwar manche, und auch an Geschicklichkeit, mit der Lanze über den Bankettisch hinweg den Freund zu treffen, fehlt es nicht – aber niemand, niemand kann nach Indien führen. Das Übel ist nicht verschwunden aus der Welt, aber die Größe einer Zeit, als es noch in der Welt eine Welt jenseits der Welt gab, ist dahin. Natürlich war diese Welt schon damals unerreichbar, Indiens Tore verschlossen, aber heute sind die Tore ganz anderswohin und weiter und höher vertragen. Mehr als eindrücklich beschrieben hat Kafka die Türen des Gesetzes in alten und in neuem Tagen.

Die Richtung war durch das Königsschwert bezeichnet. Heute zeigt niemand die Richtung; viele halten die Schwerter, aber nur, um mit ihnen zu fuchteln; und der Blick, der ihnen folgen will, verirrt sich. Nicht nur nicht das Recht, auch die heilige Demokratie, das Land der vielen kleinen Schwerter, wird von Kafka offenbar nicht mit hellem Jubel begrüßt, der Blick ist zu fern und fremd, nicht zu beeindrucken nach unserem Willen. Oder ist Jubel spürbar im letzten Satz:

Bei stiller Lampe, fern von dem Getöse der Alexanderschlacht, liest und wendet er die Blätter unserer alten Bücher – sind die alten Bücher, die er im letzten Satz liest, überhaupt noch die Gesetzesbücher des vorletzten Satzes, oder kümmert ihn das Gesetz bereits nicht mehr so sehr, so wie es Jorge Francisco Isidoro Luis Borges Acevedo, Sohn eines Rechtsanwalts, wenig gekümmert hat, und er, Bucephalus, feilt inzwischen, ebenso wie Borges jenseits des Ozeans, in der stillen Muße eines Landhauses an der tastenden Übertragung eines alten Textes, die er, wie auch Kafka die meisten seiner Texte, nicht drucken zu lassen gedenkt? Auch feurigste Aktivisten haben bislang versäumt, Kafka dem Biedermeier zuzuschlagen.