Samstag, 18. Juli 2009

Theaterkämpfe

In Abwehr einer Rede, die Daniel Kehlmann bei den 89. Salzburger Festspielen gehalten hat und in der er das Regietheater nicht über die Maßen preist, trägt Peter Michalzik in der FR das folgende Prosastück zusammen:

Diese Rede ist ein Musterbeispiel dumpf-reaktionären Denkens, ressentimentgeladen und argumentfrei zugleich. Sie wirkt in ihrem Bemühen, die Welt wieder zurechtzurücken, die Dinge wieder in ihre natürliche Ordnung zu bringen, herrlich harmlos, und doch laufen einem, wenn man genau hinhört, kalte Schauer den Rücken herunter. Kehlmann phantasiert sich, in zielvoller Selbstverniedlichung in die Rolle des Kleinbürgers als Kunstrichter. Der Applaus ist ihm gewiß. Vielleicht aber erschrickt auch Kehlmann einmal, wenn er aufwacht, darüber, woher der Applaus vor allem kommt.

Der ganze Text ist um einiges ausführlicher, aber es reicht. Jemandem, der unter keinen Umständen noch ein Theater betreten würde, ob nun eine werktreue oder eine regiebetonte Aufführung droht, kann die Auseinandersetzung in der Sache herzlich gleichgültig sein und ist es auch. Was fasziniert, ist das sprachliche Arsenal, das den Sieg gewährleisten soll.

Seitdem das Publikum vermehrt die Scholien Gómez Dávilas liest, der sich selbst frohen Herzens und völlig zurecht als reaktionär einordnet, hat die Vokabel ihre absolute Knockoutqualität eingebüßt. Da hilft es auch nicht, routinemäßig dumpf als Präfix einzusetzen, so als sei das eine feste Wortverbindung. Halten wir uns weiter an Dávila als Gewährsmann des Reaktionären, so muß man den Inhalten seiner Aphorismen nicht folgen und tut es in den meisten Fällen auch besser nicht, niemand kann sie aber in ihrer funkelnden Präzision als dumpf bezeichnen. Auch ressentimentgeladen ist wohl nur aus alter Gewohnheit und auf gut Glück hingeschrieben. Kehlmanns Rede wird als argumentfrei dargestellt, mit welchem Argument und welcher Beschreibung wird aber dann das gute Gehör eingeführt, das zu den Kälteschauern am Rücken führt? Nach einer flüchtigen Skizze der Heilen Welt, die wir aus nie verdeutlichten Gründen fürchten müssen wie je ein Teufel das Wasser, tritt er auf, der ewige und niemals versagende Kleinbürger, da müssen die Gegner doch wohl das Handtuch werfen. Und zur Sicherheit und für alle Fälle dann noch der Applaus von der falschen Seite. Wohin geht diese dunkle Drohung, sind es die harmlosen Inhaber von Theaterabonnements, die Michalzik ins Visier nimmt, ist es das debile Millionenpublikum sogenannter Volksmusiksendungen, das in einer einmaligen kulturellen Aufwallung Kehlmann zujubeln könnte, oder ist es in schrecklicher Konsequenz gar so - was wir nicht ahnen, Michalzik aber klar und deutlich sieht -, daß Zurückhaltung gegenüber dem Regietheater unmittelbar den Neonazis in die Hände spielt?

Im Zuge der sogenannten Wiedergutmachung ist man bei einer Bregenzer Nabucco-Inszenierung Mitte der neunziger Jahre auf den Gedanken gekommen, aus den Sklaven richtige Juden in Zebraanzügen zu machen. Ich habe, was mich heute noch reut, teilgenommen an einer Veranstaltung des Festspielrahmenprogramms und bin, bis die letzten Besucher in den Eingängen verschwunden waren, unschlüssig auf dem Vorplatz herumgestanden, unschlüssig, weil es mir mit jedem vergehenden Jahr unmöglicher wird, mich unter ein Publikum zu mischen; unschlüssig, weil ich den Chor der verkleideten KZ-Häftlinge nicht sehen wollte.

Kehlmann ist ein bekennender Parteigänger Sebalds, auch der ein dumpf-reaktionärer Kleinbürger voller Ressentiments? Ein gealterter und offenbar angeschlagener Boxer teilt reflexhaft aus, landet keinen Treffer und sieht sich selbst als Champion und Sieger im Ring.

Sonntag, 12. Juli 2009

Pupuseh

Allah razı olsun

Gelesen: Martin Mosebach, Die Türkin

Wenn in Deutschland bei einer Auseinandersetzung erst einmal der Vorwurf des Ästhetizismus gefallen ist, dann weiß man schon, welche Partei verloren hat, schreibt Martin Mosebach in einem seiner Aufsätze über Liturgie und Kirchenbau, Grund genug für die Verlierertruppe, auch Mosebach den Erzähler kennen zu lernen. Er, Mosebach, sei ein begnadeter Stilist, liest man auf dem Einbanddeckel der Türkin, ein reichlich unbestimmter Rechtsbegriff. Nicht gemeint sind offenbar die Extremstilisten in der Art von Kafka, Bernhard oder Sebald, gekennzeichnet dadurch, daß sie die Welt in eine neue ungeahnte Sprachform gießen und zwar so unwiderstehlich, daß für die Dauer der Lektüre jede andere Form als wenig lohnend erscheint. Eine solche Verwandlung findet bei Mosebach nicht statt, es bleibt die Normalwelt, diese aber in einem schönen Sonntagsstaat. Auch scheint die Gnade, die über seiner Prosa waltet, nicht völlig ausgeglichen und weist kleine Beschädigungen auf, so wenn er sich in die Sprachniederung (rumkriegen) begibt. Über Benns Gottesgabe, in einem Satz sieben Sprachebenen zu durchstoßen, um daraus eine funkelnde achte zu erzeugen, verfügt er nicht. Auch sprachlich Abgelegenes (murkelig) fließt nicht in gleich schöner Widerstandslosigkeit ein wie die Alemannismen bei Sebald. – Man würde nicht so hoch greifen im Vergleich, wäre nicht, ohne Verschulden des Autors, das hohe Wort der Gnade ins Spiel gebracht worden.

Krieg der Kulturen, interkulturelle Begegnung, Multikulturalismus – Brocken, die der Ochs Globalisierung aus dem Berg geschlagen hat, vor dem ersteht, um sie dann gleich zu zertreten und unbrauchbar zu machen. Mosebach baut sein eigenes erzählerisches Bild auf, heiter und ohne diese untauglichen Brocken auch nur zu beachten.

Frankfurt am Main ist Schauplatz einer amour en guise de passion zwischen einem deutschen Nachwuchskunstwissenschaftler und einer türkischen Wäscherin, in die er sich unverzüglich verliebt. Sie wird in die Türkei, genauer: nach Lykien verbracht, er folgt ihr. Die Balance der Welten ist herzustellen, immer empfindlich gestört dadurch, daß Europa seine bevorzugten Werte als universell deklariert und damit auch hinter den Linien plaziert, ein listige Re-Entry schon fast in dem Sinne, wie Luhmann den Begriff vom megalomanen Spencer-Brown entlehnt hat. Megalomanie und die Listen des Odysseus, unverzichtbare europäische Grundlagen, und anderswo sieht es keinesfalls besser aus.

Zum Opfer gebracht werden soll der Wert der Individualisierung. Wir westlichen Zivilisationsmenschen wissen, von mir aus auch nur im geheimen, daß uns diese Charakterkostüme in Wahrheit um den Leib herumschlottern, daß da noch Finger in den Kragen passen. Aber hier war es anders. Turhan war der Frauenfreund und Schürzenjäger von morgens bis abends, auch wenn er gar keine Frau zu Gesicht bekam, und Ünal war stets ernsthaft und machte keine Späße. Ohne diese klar ausgeprägte Form der Person würde ich in den Augen Pupusehs sehr unvorteilhaft, ja vielleicht überhaupt nicht wirken. Turhan und Ünal waren Vorbilder. Seine Form gewinnt er dann allerdings erst, nachdem er Pupuseh verloren hat: „Ich bin der Mann, der Pupuseh liebt“ – so war es richtig, es war eine Definition. - Die Definition klingt gerade so wie I am The man who shot Liberty Valance – und da wissen wir, daß es der andere war.

Pupuseh wird für den Icherzähler der Frauenname schlechthin. Es sei kein ursprünglich türkischer Name, wird angedeutet. Pupuseh hat den gleichen Konsonantenaufbau wie Papusza in der Romanisprache, in zwei Sprachen derselben Familie könnte es das gleiche Wort mit gleicher Bedeutung sein. Will Mosebach uns heimlich bis an die Schwelle Indiens führen? Aber niemand, niemand kann nach Indien führen, die Tore Indiens sind unerreichbar und die Entführung aus dem Serail findet nicht statt. Und so blieb denn auch die Ausbeute dieser Tage in Grenzen. Ich brachte eine kleine Narbe an der Stirn nach Deutschland mit, zurück ließ ich eine Zukunft. In Frankfurt holte mich Zeynab vom Flughafen ab.

Diese letzten Zeilen des Buches haben es in sich. Welche Zukunft hat er zurückgelassen, die unmögliche mit Pupuseh oder die mögliche beim Antiquar Hirsch in New York – aber den Verlust dieser Zukunft hatte er schon längst als Gewinn verbucht. Winners take nothing und schon gar nicht erhalten sie Zutritt zu den schönen Büchern, selbst diese Zeilen wurden bereits eingangs den Verlierern gewidmet. Wenn Pupuseh der Frauenname schlechthin ist, ist dann nicht auch Zeynab, die bislang als freundliche Kupplerin tätig war, Pupuseh? Über ihre erotischen Qualitäten war sich der Erzähler schon während der langen Telephonate zwischen Lykien und Hessen klar geworden.

Donnerstag, 9. Juli 2009

Treballo d'advocat

el per qué de cada cosa


Wir haben einen neuen Advokaten, den Dr. Bucephalus. In seinem Äußeren erinnert wenig an die Zeit, da er noch Streitroß Alexanders von Macedonien war. Wer allerdings mit dem Umständen vertraut ist, bemerkt einiges. Doch sah ich selbst einen ganz einfältigen Gerichtsdiener mit dem Fachblick des kleinen Stammgastes der Wettrennen den Advokaten bestaunen, als dieser, hoch die Schenkel hebend, mit auf dem Marmor aufklingenden Schritt von Stufe zu Stufe stieg.

Im allgemeinen billigt das Barreau die Aufnahme des Bucephalus. Mit erstaunlicher Einsicht sagt man sich, daß Bucephalus bei der heutigen Gesellschaftsordnung in einer schwierigen Lage ist und daß er deshalb, sowie auch wegen seiner weltgeschichtlichen Bedeutung, jedenfalls Entgegenkommen verdient. Heute – das kann niemand leugnen – gibt es keinen großen Alexander. Zu morden verstehen zwar manche; auch an Geschicklichkeit, mit der Lanze über den Bankettisch hinweg den Freund zu treffen, fehlt es nicht; und vielen ist Macedonien zu eng, so daß sie Philipp, den Vater verfluchen – aber niemand, niemand kann nach Indien führen. Schon damals waren Indiens Tore unerreichbar, aber ihre Richtung war durch das Königsschwert bezeichnet. Heute sind die Tore ganz anderswohin und weiter und höher vertragen; niemand zeigt die Richtung; viele halten die Schwerter, aber nur, um mit ihnen zu fuchteln; und der Blick, der ihnen folgen will, verirrt sich.
Vielleicht ist es deshalb wirklich das Beste, sich, wie es der Bucephalus getan hat, in die Gesetzesbücher zu versenken. Frei, unbedrückt die Seiten von den Lenden des Reiters, bei stiller Lampe, fern von dem Getöse der Aleksanderschlacht, liest und wendet er die Blätter unserer alten Bücher.

Kafkas Tiergeschichten, Der Bau, Ein Bericht für die Akademie, Josephine die Sängerin muß man nicht bevorzugen, wenn es aber darum ginge, die Geschichte der Welt, von der Barbarei über die Hochkulturen zur Neuzeit, in einem Absatz zu erfassen, sieht man nicht, wie Der neue Advokat zu übertreffen ist. Jürgen Osterhammel benötigt in seinem großartigen Geschichtsaufriß allein für das neunzehnte Jahrhundert an die tausendfünfhundert Seiten und macht keinen Hehl daraus, daß jeder Lichtstrahl nur die unermeßliche Weite des Dunkels verständiger erahnen läßt. Kafka zeichnet wie Picasso oder Matisse, wenige Striche nur, kaum etwas ist ausgeführt und alles ist vorhanden. Mit einem Strich, einer Verszeile, einem Prosaabsatz katapultiert sich die Kunst hinaus zu einem archimedischer Punkt, von dem aus beliebig viel gesehen und beliebig viel vernachlässigt werden kann, in jedem Fall die Begründung, el per qué de cada cosa – Augenblicksbewohner archimedischer Punkte fragen nicht nach dem Warum. Schon eine unmittelbare Hinwendung zum Thema kann alles verderben und den Dichter hart am Boden aufschlagen lassen. Kafkas jenseitiger Schritt ist trittfest, und wir wollen unser Bestes tun, ihn nicht aus der Balance zu bringen.

Der erste überaus kühne Strich, Alexanders Streitroß hat, wenn man so sagen darf, umgesattelt und ist neuerdings tätig als Rechtsanwalt, die Welt muß sich neu ordnen angesichts dieser aus jedem Rahmen fallenden Erscheinung und weiß nicht wie. Am besten, sie rührt sich nicht und schluckt das Unerhörte. In seinem Äußeren erinnere nur noch wenig an die alte Zeit, wird abgewiegelt, der einfältige Mann aber will dem unglaubliche Gesicht des Bucephalus auf der Marmortreppe mit seiner Rennbahnerfahrung beikommen. Die nicht weniger hilflose Erkenntniselite beruft sich auf die heutige Gesellschaftsordnung, von der sie kaum allzuviel weiß, und billigt die Aufnahme des Rosses in die Advokatenkammer. Das ist zwiespältig, schon Minimalkenntnisse des Werkes Kafkas stellen klar, daß er den Proceß der Verrechtlichung der Welt, dem sich auch das mythische Schlachtenroß einreihen muß, nicht mit voreiligem Jubel begleitet hat. Ebenso wenig hat er naturgemäß idyllische Vorstellungen vom vorrechtlichen Zustand der Menschengeschichte, Ein altes Blatt kann als Vorbild aller ungezählten Westernszenen gelten, in denen Desperados die Gewalt in einer Provinznest übernommen haben, und stellt sie alle in den Schatten: Sie beschäftigen sich mit dem Schärfen der Schwerter, dem Zuspitzen der Pfeile, mit Übungen zu Pferde. Was sie brauchen, nehmen sie. Man kann nicht sagen, daß sie Gewalt anwenden. Vor ihrem Zugriff tritt man beiseite und überläßt ihnen alles. Auch ihre Pferde fressen Fleisch; oft liegt ein Reiter neben seinem Pferd und beide nähren sich vom gleichen Fleischstück, jeder an seinem Ende.

Ein weiterer Strich: Zu morden verstehen zwar manche, und auch an Geschicklichkeit, mit der Lanze über den Bankettisch hinweg den Freund zu treffen, fehlt es nicht – aber niemand, niemand kann nach Indien führen. Das Übel ist nicht verschwunden aus der Welt, aber die Größe einer Zeit, als es noch in der Welt eine Welt jenseits der Welt gab, ist dahin. Natürlich war diese Welt schon damals unerreichbar, Indiens Tore verschlossen, aber heute sind die Tore ganz anderswohin und weiter und höher vertragen. Mehr als eindrücklich beschrieben hat Kafka die Türen des Gesetzes in alten und in neuem Tagen.

Die Richtung war durch das Königsschwert bezeichnet. Heute zeigt niemand die Richtung; viele halten die Schwerter, aber nur, um mit ihnen zu fuchteln; und der Blick, der ihnen folgen will, verirrt sich. Nicht nur nicht das Recht, auch die heilige Demokratie, das Land der vielen kleinen Schwerter, wird von Kafka offenbar nicht mit hellem Jubel begrüßt, der Blick ist zu fern und fremd, nicht zu beeindrucken nach unserem Willen. Oder ist Jubel spürbar im letzten Satz:

Bei stiller Lampe, fern von dem Getöse der Alexanderschlacht, liest und wendet er die Blätter unserer alten Bücher – sind die alten Bücher, die er im letzten Satz liest, überhaupt noch die Gesetzesbücher des vorletzten Satzes, oder kümmert ihn das Gesetz bereits nicht mehr so sehr, so wie es Jorge Francisco Isidoro Luis Borges Acevedo, Sohn eines Rechtsanwalts, wenig gekümmert hat, und er, Bucephalus, feilt inzwischen, ebenso wie Borges jenseits des Ozeans, in der stillen Muße eines Landhauses an der tastenden Übertragung eines alten Textes, die er, wie auch Kafka die meisten seiner Texte, nicht drucken zu lassen gedenkt? Auch feurigste Aktivisten haben bislang versäumt, Kafka dem Biedermeier zuzuschlagen.

Sonntag, 5. Juli 2009

Migration

Wiedergelesen: Kafka, Amerika

Das Leben ist erstaunlich kurz. Ich begreife kaum, wie ein junger Mensch sich entschließen kann ins nächste Dorf zu reiten, ohne zu fürchten, daß - von unglücklichen Zufallen ganz abgesehen - schon die Zeit des gewöhnlichen, glücklich ablaufenden Lebens für einen solchen Ritt bei weitem nicht ausreicht: so, mit solchen Worten, zaubert man die Ewigkeit herbei. Kafka hat die Ewigkeit nicht beansprucht, und sich um seine zeitgeschichtliche Gegenwart kaum gekümmert, das ist wohl die Voraussetzung dafür, daß uns seine Bilder, nun auch schon fast hundert Jahre alt, so direkt und tief und völlig unverbraucht ergreifen. Sie ragen wie neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehen die freien Lüfte.

Von den drei Romanfragmenten hat Amerika nicht in vergleichbarem Maße den Status einer Vorstellungskonstante erreicht, wie das für das Schloß und den Proceß gilt, mit einem Wort, Amerika ist um einiges weniger kafkaesk. Bereits Max Brod hat das Romanfragment als chaplinesk qualifiziert, das gilt in gemindertem Maße aber auch für Proceß und Schloß, auch hier sind die Protagonisten von munterer Unverzagtheit, das wäre doch gelacht, und nur für den Proceß wurde das letzte, die Grundlosigkeit des guten Mutes bescheinigende Kapitel in nicht zu übertreffender Härte niedergeschrieben: Aber an K.’s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Wie ein Hund sagte K. mit brechenden Augen, es war als sollte die Scham ihn überleben.

Das letzte, vom Naturtheater in Oklahoma handelnde Kapitel des Amerikafragments scheint auf den ersten Blick einen günstigeres Buchschluß zu versprechen, der Talmicharakter der Veranstaltung ist aber kaum zu übersehen, und am Ende dürfte sich das phantasierte Theater in Oklahoma vom wahren Leben in Amerika so wenig unterscheiden wie Onettis Santa María von Buenos Aires oder Montevideo.

Karl Roßmann ist nicht nur chaplinesk, sondern darüber hinaus parzivalesk, von unbeirrbarer Reinheit. Einerseits möchte man, wie der Junge in Il Ritorno in Patria, ständig mahnen und warnen und in die Handlung eingreifen und den Karl mit einem einzigen Wort darüber aufklären wollen, daß er, um sich aus dem staubigen Kerker, etwa des Dienstes bei Brunelda, in das Paradies zu versetzen, wie er es sich doch wünschte, bloß die Hand hätte ausstrecken müssen, andererseits weiß man hier aber nicht, wohin die Hand sich strecken sollte und ist auch bald schon fasziniert und auch erleichtert, wie wenig selbst schwerstes Unbill den Karl Roßmann anficht.

Jürgen Osterhammel hat das IV. Kapitel seiner erstaunlichen Durchleuchtung des neunzehnten Jahrhunderts dem Thema der Migration gewidmet, nicht zuletzt der Emigration nach Amerika als schwarzer Sklave, als asiatischer Kontraktarbeiter oder als weißer Europaflüchtling. Mit dem Amerikabuch hat Kafka, entgegen des für ihn Üblichen, also in gewisser Weise ein zeitgeschichtliches Thema aufgegriffen, denn so sehr wir Kafka dem zwanzigsten Jahrhundert zurechnen oder in ihm sogar unseren Zeitgenossen sehen wollen – welche auch nur geringsten Alterungsspuren wären denn auch am Neuen Advokaten, an den Elf Söhnen, in der Strafkolonie festzustellen? – seine Biographie fällt in das neunzehnte Jahrhundert, das in seinen wesentlichsten Bezügen, so wiederum Osterhammel, erst zur ungefähren Zeit von Kafkas Tod in das zwanzigste übergeht.

Nach Mitternacht soll Karl ein Brief des Onkels übergeben werden, er verschiebt seinen Aufbruch und „verliegt“, wäre er aufgebrochen, hätte er den Brief nicht erhalten und es wäre nicht zum Bruch mit dem Onkel gekommen. Kafkas Welt ist immer eine Welt der Mißverständnisse, der Verleumdungen und Irreführungen, der falsch verstandenen Situationen und unwiderruflich verpassten Möglichkeiten, mit einem Wort, eine Welt voller Kommunikationen nicht im von Habermas erwünschten Sinn. Gleichzeitig wird die Bedeutung der neuen Kommunikationswege für die Neue Welt hervorgehoben. Der Saal der Telegraphen im Bürohaus des Onkels war nicht kleiner, sondern größer als das Telegraphenamt der Vaterstadt Karls. Im Saal der Telephone gingen, wohin man schaute, die Türen der Telephonzellen auf und zu. Keiner grüßte, das Grüßen war abgeschafft. Auskunftserteilung und Gesprächsvermittlung scheint die wichtigste Obliegenheit überhaupt im Hotel Occidental. Zur Unterstützung der auskunfterteilenden Unterportiers war jedem ein Laufbursche beigegeben, der in gestrecktem Lauf von einem Bücherregal und aus verschiedenen Kasten alles herbeizubringen hatte, was der Unterportier gerade benötigte. Brachten sie einmal etwas Unrichtiges herbei, so warf er einfach das, was sie ihm auf den Tisch legten, mit einem Ruck vom Tisch herunter. Da waren ferner sechs Unterportiers mit sechs Telephonen, und wieder stand neben jedem der Sprecher ein Junge zur Hilfeleistung.

Kafka hat nicht nur und nicht vor allem die Neue Welt als dichterisches Migrationsziel, sondern mit China in herausragenden Erzählungen wie Die Kaiserliche Botschaft, Ein altes Blatt oder Beim Bau der chinesischen Mauer auch die uralte Welt. Spärliche Botschaften eilen durch den unübersehbaren Raum des Reiches und erreichen kaum je ihr Ziel. Man hörte zwar viel, konnte aber dem vielen nichts entnehmen. So groß ist unser Land, kein Märchen reicht an seine Größe. Ganze Dynastien sinken nieder und veratmen durch ein einziges Röcheln. Von diesen Kämpfen und Leiden wird das Volk nie erfahren, wie Zuspätgekommene, wie Stadtfremde stehen wir am Ende der dichtgedrängten Seitengassen. In diese Welt nun drang die Nachricht vom Mauerbau. Eine Barke hielt vor uns, der Schiffer winkte meinem Vater zu, er möge die Böschung herabkommen, er selbst stieg ihm entgegen. In der Mitte trafen sie einander, der Schiffer flüsterte meinem Vater etwas ins Ohr. Ich sah, wie der Vater die Nachricht nicht zu glauben schien, der Schiffer die Nachricht zu bekräftigen suchte, der Vater noch immer nicht glauben konnte, der Schiffer mit der Leiden schaftlichkeit des Schiffervolkes zum Beweis der Wahrheit fast sein Kleid auf der Brust zerriß, der Vater stiller wurde und der Schiffer polternd in die Barke sprang und wegfuhr. Schon auf der Schwelle begann mein Vater zu berichten, was er gehört hatte. Mein Vater sagte also etwa: ... was er sagte, erfahren wir nicht. - Man kommt kaum umhin, in Kafka einen Luhmann im poetischen Status nascendi zu sehen mit dessen in ganz anderer Weise vorgetragenen großen Erzählung von der Kommunikation und ihren endlosen Tücken.

Auch bei Kafka sind versperrte Türen und Tore, denen bei Luhmann die sich verschließenden Systeme als Signum der Moderne entsprechen, in der Neuen Welt nicht weniger prägend als in der alten : Mir unterstehen alle Tore im Hotel, also dieses Haupttor, die drei Mittel- und die zehn Nebentore, von den unzähligen Türchen und türlosen Ausgängen gar nicht zu reden – kaum leichter ist es für Karl Roßmann, das Hotel zu verlassen, als für den Mann vom Lande das Gesetz zu betreten.

Die Türen verschlossen, das Land zu weit, niemand dringt hier durch und gar mit der Botschaft eines Toten. Du aber sitzt an Deinem Fenster und erträumst sie Dir, wenn der Abend kommt. - Das Sitzen wider das Laufen, das Fenster wider die Tür, die erträumte Botschaft wider die überbrachte – im Traum werden die Botschaften der Dichter und Götter übermittelt. Hat Kafka je ernstlich vorgehabt, einen Roman zuende zu schreiben? Vom Proceß hat er nur die drei Seiten Vor dem Gesetz veröffentlicht, aus dem Bau der chinesischen Mauer, deren geplanter Umfang nicht bekannt ist, nur die ebenso knappe Kaiserliche Botschaft, auf das äußerste verdichtete Mitteilungen, wie sie die Götter den Dichtern zuflüstern, hier unten nicht zu verstehen.

Donnerstag, 2. Juli 2009

Ná beidh ár leithéidi arís ann

Erneut durchgeblättert: Brian Ó Nualláin, An Béal Bocht

Name: Brian Ó Nualláin, anglisierter Name: Brian O'Nolan, Pseudonym für die englischsprachige Produktion: Flann O'Brien, Pseudonym für die Produktion in irischer Sprache: Myles na gCopaleen, Myles, ist der Großvater Spartas gemeint? Myles na gCapaillín, Myles von den Pferdchen, wieso das nun wieder? Brian Ó Nualláin also, neben Joyce und Beckett ein weiterer großer Meister der irischen klassischen Moderne, vor Joyce hat er keinen übertriebenen Respekt gehabt, im Dalkey Archive läßt er ihn, gereift und geläutert, die Unterhosen der Jesuiten stopfen.

An Béal Bocht, der arme Mund, ist Ó Nualláins einziger Roman in irischer Sprache. An béal bocht a chur ort, den armen Mund aufsetzen, eine Redewendung, die besagt, daß man Leid und Unbill in ostentativer Weise vorträgt und damit in einer Manier, die, wenn man es so sehen will, die irische Volksliteratur des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts prägt, die aufgeschriebenen Lebensberichte einfacher Menschen, also Tomás Ó Criomthains An t-Oileánach (Der Inselmann), Peig Sayers‘ Peig, Muiris Ó Súilleabháins Fiche Bliain ag Fás (Zwanzig Jahre des Reifens) u.a. Ó Nualláins Buch gilt als Parodie insbesondere des Inselmanns mit der ständig wiederkehrenden Formel Ná beidh ár leithéidi arís ann: unseresgleichen wird es nimmer mehr geben.

Über den Begriff der Parodie müßte man sich allerdings verständigen. Es ist nicht gut vorstellbar, daß der Literaturprofi Ó Nualláin in vernichtender Absicht über den schlichten Ó Criomthain hergefallen ist, er hat ihn vielmehr geschätzt, wie sollte es auch anders sein. Andererseits konnte Ó Nualláin, Autor unter anderem des modernistischen Romans At Swim-Two-Birds, sich des armen Irlands – niemand auf der Insel hatte An Gorta Mór, die große Hungersnot zwischen 1845 und 1851 mit mehr als einer Million Toten vergessen – schlecht in der abstandslosen und zugleich formelhaften Weise der Volkserzähler annehmen. Ó Nualláins Ausweg war das Aufgreifen der volkstümlichen Erzählformeln und ihre Bewahrung in satirische Übersteigerung und Übertreibungskunst, an der Thomas Bernhard, wenn er das Buch gelesen haben sollte, nur Freude hätte haben können.

Bei der Einschulung bekommen alle Irenkinder den Einheitsnamen Jams O’Donnell verpaßt und eingebläut mit einem Holzprügel, so daß, wie es im lakonischen Fazit heißt, an diesem Tag kein junger Irenschädel in der Gegend ungespalten bleib, ní raibh aon chloigeann óg sa dúiche gan scoilteadh an lá sin. Der Spott ist da, aber die Klage bleibt, viel anders ist es bei der edukativen Zivilisierung der Iren nicht zugegangen.

Die Gaeilgeoirí, die Freunde der irischen Sprache, sind entzückt, als sie im Dorf des kleinen Jams O’Donnell auf das reinste Irisch stoßen, daß sie je gehört haben, denn wenn Irisch an sich schon schwer ist, so ist das reinste Irisch so gut wie unverständlich, thuig sé go mbíonn an dea-Ghaeilge deacair agus an Ghaeilge is fearr beagnach dothuigthe. So entgeht ihnen, daß sie mit ihrem Grammophon das Grunzen eines streunenden Schweins aufgenommen haben, das sich im Dunkel der Nacht unter die Dorfbewohner gemischt hatte, gurb an mhuc sheachráin sin againne a dúirt pé focail a bhi ráite an oíche sin. Der Spott ist da, aber die Klage bleibt, denn was ist trauriger als eine Sprache mit reicher Tradition tief in die Jahrtausende hinein, die spezielle Enthusiasten braucht, um notdürftig am Leben erhalten zu werden.

Die Elegie in der Obhut der Satire. Ná beidh a leithéid arís ann, desgleichen wird es nicht mehr geben – ist es nicht eine der Quellen alles Erzählens, das unwiederbringlich Verlorene für einen Augenblick wenigstens noch festzuhalten? Gerade heute, wo täglich Tierarten, Pflanzenarten, Lebensarten, Sprachen vor unseren Augen wegglobalisiert werden, müßte das einleuchten. Weg mit Schaden, werden andere sagen, an die Stelle des Alten tritt auch immer wieder Neues: Wind- und Sonnenenergieparks, quadratmeilengroße Treibhäuser für unsere Paprikaschoten, Klonschafe, Gärtner mit lärmendem Höllengerät und Gebläse, Wunderwerke der Architektur, Regietheater, Systemtheorie, immer neue Wunderwerke der Literatur.

Mittwoch, 10. Juni 2009

Kenkitsatatsiria

Das Haus in der Nacht / durch die Fenster / der Schein der Flammen

Gelesen:
Mario Vargas Llosa, Viaje a la ficción

Wiedergelesen:Juan Carlos Onetti, La vida breve & El astillero

Vargas Llosas Buch ist eine große Hilfe und Vergewisserung für alle, die fasziniert sind vom uruguayischen Autor Juan Carlos Onetti, ohne sich vielleicht ganz im Klaren zu sein warum und wieso, und die vielleicht sogar, bei längerer Trennung, unsicher werden, ob die Faszination denn auch rechtens ist. Die Reise zur Fiktion, die wir an der Seite von Vargas Llosa antreten, ist nicht kurz, die Annäherung an Onetti erfolgt in einer aufwendigen, weit ausholenden Schleife, die uns über Adam und Eva hinaus bis zu den Hominiden bringt und dann von der jenseitigen Seite zurück zum Sündenfall, der sich bekanntlich am Baum der Erkenntnis zugetragen hat. Es handelt sich um die Erkenntnis der Realität, die das Tier nicht hat und die der Mensch nicht erträgt, ohne daß er Welten zwischen sich und die Welt bringt, Welten der Religion, die Vargas Llosa hier außer Acht läßt, und Welten der Fiktion, die sein Thema sind. Als junger Mensch, so berichtet Vargas Llosa, sei er, knapp diesseits des Sündenfalls, auf einen Proto-Onetti gestoßen, den Kenkitsatatsiria, den Geschichtenerzähler (si, dijeron, se podía traducir por „hablador“ o „contador“) bei den Machiguengas im peruanischen Amazonasgebiet im Bereich der Flüsse Urubamba, Paucartambo und Mishagua und er, Vargas Llosa, sei, wenn auch nur indirekt, Zeuge geworden der befreienden, die Ängste verscheuchenden Wirkung des Erzählens, des Entwurfs geistiger Zusatzwelten in diesem frühen Stadium der Kulturentwicklung. Von Gehalt und Form der Erzählungen des Kenkitsatatsiria erfahren wir weiter nichts, aber es dürften schon noch einige Schritte gewesen sein bis zu Onetti, dem Hyperkenkitsatatsiria, der die Fiktionalisierung der Fiktion einer Fiktionalisierbarkeit des Fiktiven betreibt, um nur vorsichtig das Wenigste zu sagen. Einiges spricht dafür, daß er auch der Frage des Fiktiven der Fiktionalisierbarkeit einer Fiktion der Fiktionalisierung nachgegangen ist.


Vargas Llosa hält El astillero für den perfektesten und reinsten Roman Onettis, La vida breve für den reichsten und schönsten, Grund genug, die beiden Bücher neu zu lesen. Faulkner wird als Onettis wichtigster literarischer Orientierungspunkt dargestellt, Borges eher als Kontrastfigur, eine Verwandtschaft mit Kafka wird erwähnt aber nur wenig vertieft. Dabei fällt die Vorstellung nicht schwer, daß auch Kafka, hätte er am Meer gewohnt, nicht von einem Schloß, sondern von einer Werft geschrieben hätte. Zwar gelingt es dem Landvermesser unter keinen Umständen, in das Schloß vorzudringen, während Onettis Larsen keine Mühe macht, die Werft zu betreten und sich kurzerhand zum Gerente General ernennen zu lassen. Die Werft ist freilich leer, ohne jeden Werftbetrieb, aber, so kann man vermuten, auch der ganze Aufwand, der um das Schloß betrieben wird, soll nur verdecken, daß es nicht weniger leer und ohne Geschäfte ist. Onetti ist nur ein Schritt weiter auf dem traurigen Weg der Metaphysik. Überall sucht Kafka die unüberwindlichen Mauern, die eine Geheimnis verbergen, das es schon nicht mehr gibt, die Mauern der Schloßanlage, die des Gesetzes, die in China. In die aufgelassene Werft kann jeder eintreten, der will, ohne daß ihm aber besser würde davon. Larsen trifft in der Werft auf die Subgerentes Kunz & Gálvez, so getreue Abbilder der beiden Gehilfen des Landvermessers, daß man sich die Augen reibt.

Vargas Llosa berichtet von einer mehrtägige PEN-Konferenz, auf der Onetti beharrlich geschwiegen habe, sowie von einer anschließenden gemeinsamen Reise durch die USA. Onetti habe sich konsequent geweigert, an irgendwelchen Besichtigungsterminen, Museums- oder Konzertbesuchen teilzunehmen und sei ganz überwiegend in Begleitung seiner Whiskyflasche im Hotel geblieben, so daß man sich, wie Vargas Llosa leicht irritiert anmerkt, schon habe fragen können, warum er überhaupt mitgereist sei. In seinen letzten Lebensjahren soll Onetti kaum noch das Bett verlassen haben, nicht so sehr aufgrund körperlicher Gebrechen, sondern weil er den rechten Sinn nicht mehr erkennen wollte.

Sebald berichtet in seiner an den Tagebüchern orientierten Erzählung Dr. K.s Badereise nach Riva von ähnlichen Reisegewohnheiten Kafkas. Es spricht kaum etwas dafür, daß Dr. K. das Hotel an diesem Abend noch verlassen hat. War es im Grunde schon unmöglich, überhaupt hier zu sein, um wie viel unmöglicher war es dann erst, sich hinauszuwagen unter diesen Wasserhimmel, unter dem selbst die Steine zerflossen. Dr. K. bleibt also im Hotel. Er legte sich auf das Bett, die Hände unterm Kopf verschränkt, und betrachtete den Plafond. Ebenso spricht wenig dafür, daß Kafka sich massiv für die italienischen Sehenswürdigkeiten interessiert habe. Wie es schön ist, schreibt er, mit einem Ausrufezeichen, über Einzelheiten aber schweigt sich Dr. K. aus. Einleuchtend wäre dagegen, daß er Jahrzehnte vor dem ihm nachreisenden Sebald dasselbe Pissoir im Bahnhof Desenzano aufgesucht hat, eines der Graffiti neben dem Spiegel schien geradezu darauf hinzudeuten, Il cacciatore, der Jäger Gracchus, stand da in einer ungelenken Schrift.

Die beiden Dichter lehnen es ab, die Welt dort zu betrachten, wo sie sich zu Betrachtung anbietet, umso schärfer kann ihre Wahrnehmung dort sein, wo die Welt sich unbeobachtet fühlt und von der Beobachtung sozusagen überrascht wird. Vargas Llosa läßt Onetti schildern, wie der Werftroman aus dem tatsächlichen Besuch einer aufgelassenen Werft in Dock Sud Buenos Aires hervorgegangen oder besser entsprungen ist, denn der Eindruck war so stark, daß die schon fortgeschrittene Arbeit am Roman Juntacadaveres unterbrochen und der Werftroman zwischengeschoben wurde. Das gesamte Geschehen des Romans entwickelt sich um fünf derartige Orte, bei denen der reale und der mythische Gehalt nicht unterscheidbar sind, die Werft, Santa Maria, das Haus, Die Glorieta und die Hütte. Sie geben, sich abwechselnd und kumulierend, den Kapiteln ihren Namen. Das letzte Kapitel ist betitelt: El astillero – VII / La glorieta – V /La casa - I / La casilla – VII. Man kann vermuten, daß auch Haus, Hütte und Glorieta wahrgenommene Vorbilder hatten, Santa Maria ist dann noch genauer zu betrachten.

Und Kafka, der vermutlich nur wenige Blicke auf die Seefahrt geworfen hat, stampft für seinen Jäger Gracchus, den Cacciatore, ein Prosaschiff aus dem Wasser, das, so verkommen es scheint, sich buchstäblich gewaschen hat: Ein schwerer alter Kahn, verhältnismäßig niedrig und sehr ausgebaucht, verunreinigt, wie mit Schwarzwasser ganz und gar übergossen, noch troff es scheinbar die gelbliche Außenwand hinab, die Masten unverständlich hoch, der Hauptmast im obern Drittel geknickt, faltige, rauhe, gelbbraune Segeltücher zwischen den Hölzern kreuz und quer gezogen, Flickarbeit, keinem Windstoß gewachsen (Kafka, Tagebücher, 6.4.1917). Fast könnte man meinen, nicht der Cacciatore habe sein Schiff gefunden, sondern der tiefe, in seiner Prosaumsetzung noch nicht zur Ruhe gekommne Eindruck des Schiffes habe die Geschichte vom Jäger Gracchus erzeugt.

In La vida breve unterscheidet Vargas Llosa drei Ebenen, die der Realität, vertreten durch Brausen, dessen Frau Gertrudis mit der frisch amputierten Brust, dem Arbeitskollegen Stein, dem Chef McLeod und anderen; eine halb reale, halb phantasierte Welt um Brausen-Arce und die Prostituierte Queca samt ihrem Zuhälter Ernesto und schließlich die phantasierte Welt der Stadt Santa María mit Brausen-Díaz Grey, Elena Sala und anderen. Das Schema wird dann noch erheblich verfeinert, einige Punkte können aber noch zusätzlich hervorgehoben werden.

Zum einen führt Onetti sich selbst als handelnde Person in das Buch ein: El hombre que había alquilado la mitad de la oficina a Brausen se llamaba Onetti. Onetti teilt das Arbeitszimmer also mit Brausen, bei leichter Verschiebung des Wortsinns läßt sich also sagen, Brausen ist durch Zellteilung aus Onetti entstanden. Dadurch ist eine weitere, realere Realitätsebene oberhalb der von Brausen repräsentierten eingeführt. Aus Brausen entsteht wiederum Arce durch Zellteilung, die Wand, die Brausens Wohnung von der der Queca trennt, in der er zu Arce wird, hat, was die Geräuschdurchlässigkeit anbelangt, alle Merkmale einer bloßen Stellwand japanischer Leichtbauweise. Hinter einer weiteren, einen Teil der Praxis abteilenden Stellwand tritt Gertrudis hervor in der Gestalt der Elena Sala, mit restituierter Brust und trifft auf den Arzt Díaz Grey, eine Inkarnation, oder vielleicht besser: Exkarnation Brausens und mithin Onettis.

Und zum anderen findet sich die imaginierte Welt nicht einfach ab mit ihrem nachgeordneten Status, Díaz Grey sieht sich seinerseits als tímido inventor de un Brausen. Durch die Verselbständigung der imaginierten Welt wird ein Ich zwischen seinen verschiedenen Ebenen und unabhängig von ihnen wieder freigesetzt: Yo, el puente entre Brausen y Arce, necesitaba estar solo. Es ist nicht immer klar, wo dieses Ich sich gerade aufhält. Auch Onetti-Brausens eigene, von ihnen ersonnene Stadt Santa María entsteht nicht aus dem Nichts: Santa María, porque yo habá sido feliz allí, anos ante, durante veinticuatro horas y sin motivo. Rechnet sich Onetti das YO dieses Satzes selbst zu, wäre Santa María demnach, ganz ähnlich wie die Werft, auf eine konkrete Erinnerung zurückzuführen? Santa María hätte dann einen kaum geringeren Realitätsstatus als Montevideo oder Buenos Aires, die ja ihrerseits nicht in einer Weise erscheinen, daß sich touristische Führungen auf den Spuren Onettis lohnen würden. So zutreffend die von Vargas Llosa bloßgelegte Dreischichtenstruktur ist, noch präziser ist das Urteil, mit dem Queca und Onetti den Roman beginnen lassen: Mundo loco. Eine verrückte Welt, in der Brausen und Ernesto real aus dem realen Bounos Aires in das irreale Santa María fliehen können, eine verrückte Welt, die sich dann folgerichtig im letzten Kapitel als Karneval tarnt.

In das 5. Kapitel des zweiten Teils von La vida breve hat Onetti ein Selbstbildnis eingefügt aus Sätzen, die Rembrandt unmittelbar das Malwerkzeug hätten führen können: El hombre se llamaba Onetti, no sonreía, usaba anteojos, dejaba adivinar que solo podía ser simpático a mujeres fantasiosas o amigos íntimos. Hombre de cara aburrida, Onetti saludaba con monosílabos a los que infundía una imprecisa vibración de carino, una burla impersonal. Revisaba papeles, fumaba sin ansiedad, conversaba con una voz grave, invariable i perezosa. Vor allem eine Stimme hinterläßt eine Spur, eine Stimme der Einsamkeit und Stille, dunkel und indolent, mit einem Vibrato der Liebe. Klingt so auch die Stimme des Kenkitsatatsiria bei den Machiguengas im Quellgebiet des Amazonas? Carino: Liebe; bondad: Güte hat Onetti an anderer Stelle als Merkmal seiner Prosa reklamiert, und wenn man nur einräumt, daß Liebe und Güte in der Welt nicht einfach zu plazieren und dementsprechend auch nicht einfach zu finden sind, so mag das zutreffen.

Eine der mujeres fantasiosas, die sich nach Onettis eigener Einschätzung allenfalls für ihn erwärmen konnten, war die Dichterin Idea Vilarino, die in diesem Jahr, vor wenigen Wochen erst, in Montevideo im Alter von 89 Jahren gestorben ist. Ihre Poemas de amor handeln von JC Onetti, er seinerseits hat ihr denjenigen seiner Romane zugeeignet, der ihm selbst der liebste war, Los adioses, nicht der Titel, den sie sich gewünscht hätte. Idea Vilarino hat Onetti so gezeichnet:

Verte reír tocarte con las manos
vivir contigo un día un ano tres semanas
compartir vida seria vida mansa contigo
encontrate en la cama
vistiéndote en el cuatro
oliendo a alcohol fumando
sudando en el verano
o en el amor cerrando
tus ojos distraídos.

Mittwoch, 11. März 2009

Die Ausgewanderte - Stadt

Olot era una ciutat! Encara tinc ben present el punt exclamació simbòlic que vaig posar quan vaig veure per primera vegada la skyline olotina. Gràcies! Alegria! Olot no era un poble! Perquè de pobles en tenia una certa experiència, al cap i a la fi vaig viure en un fins als meus 20 anys i la vida allà era prou limitada, avorrida i fins i tot mediocre, de manera que em moria de ganes de posar una llarguíssima distància entre poble i universitat. Per a mi, que era una mica ingènua, el contrari del poble entès com a forma de vida no era la ciutat metropolitana, sinó que era a la universitat on -així m’ho imaginava- hi hauria un excés de tot allò que trobava a faltar a la meva heimat, a la meva petita pàtria: allà, a la alma mater, hi bufarien els vents de la llibertat, hi regnaria l’esperit crític, es cultivaria el diàleg sense prejudicis i les fonts del coneixement brollarien.

Beim seinerzeit klassischen, inzwischen wohl aus der Mode gekommenen Schulaufsatzthema: Stadt oder Land, wo möchtest du wohnen - das ich nach meiner Erinnerung, die möglicherweise trügt, mehrfach zu bearbeiten hatte, mußte ich, was die erforderliche Grundentscheidung anbelangt, nie auch nur einen Augenblick zögern oder nachdenken. In Tolstois gesamten Krieg und Frieden ist mir immer der eine kurze Satz der liebste gewesen, der, zu Beginn eines der zahlreichen Kapitel, vermerkt, Knäs Andrei habe nach seiner Verwundung zwei Jahre „unwegfahrlich“ (beswyjezdno) auf dem Gut seines Vaters gelebt. Der Bericht über diese zwei Jahre, von denen weiteres nicht berichtet wird, ist mir immer der schönste Bericht von der vergehenden Zeit gewesen, angefüllt bis zum Rand mit lautlosen und unsichtbaren Vorkommnisses. Gern hätte ich ihn, unter Verzicht auf weitere Aktionen, bis an das Ende des Buches gedehnt. Die zweitliebsten Stellen im Roman waren mir die von den Schlittenfahrten, man fährt in die einbrechende Dunkelheit hinein, in die unermeßliche, an den Sternenhimmel angrenzende weiße Wüste, in der wie Schatteninseln die von Bäumen umstandenen Dörfer treiben. Aus dieser Quellen speiste sich mein geheimer, tief im Inneren verborgener Lebenstraum, den ich immer gern jedermann erzählt habe: der Traum vom Landedelmann mit einer reichen Bibliothek und mit einem treuen Gutsverwalter, so daß er, der Edelmann, sich selbst um nichts zu kümmern hat. Ein regelmäßiges Einkommen, nicht unbedingt üppig aber hinreichend für die Durchführung eines Zusatztraums: Ein Forschungsjahr in der Antarktis, täglich eine halbe Stunde Außendienst und drei bis vier Stunden wissenschaftliche Arbeit in der Unterkunft. Für den Rest der Zeit eine gute Bibliothek, natürlich den Umständen entsprechend eingeschränkt, drei Mahlzeiten, zwei kürzere und eine lange, im Kreis der sämtlich intelligenten und angenehmen Gefährten, eine enge Gefährtin, die es, Gott sei Dank, gibt, und die daher nur aus dem realen Leben in den Traum zu transferieren wäre: Prou.

Hätte mich ein Schutzengel vor der Erfüllung dieses Traums bewahren müssen, wäre es sicher ein besonders guter gewesen. Abgesehen von dem Desaster, das sich unweigerlich ergeben hätte, wenn der Traum unvollständig erfüllt worden wäre, also zum Beispiel ohne den Verwalter, wäre in jedem Fall notwendig etwas anderes zu träumen gewesen. Die seltsame Neigung zu der kleinen Pyrenäenstadt Olot, die mir erst - auf nicht ganz legitimem Wege, wie ich inzwischen erfahren mußte - die Blätter der educació olotina in die Hände spielte, gibt sicherlich einen Hinweis auf die Richtung, in der der Traum sich dann verlagert hätte. Schon zuvor hatten französische Provinzstädte ein ganz ähnliches Sehnen in mir ausgelöst, Semur-en-Auxois ist einer von vielen Namen, die ich nennen könnte. Hätte ein böser Geist mir auch diesen und weitere Träume erfüllt, wäre ich zuguterletzt womöglich in Manhattan angekommen, wo ich mich bei meinem einzigen Besuch gar nicht einmal unwohl gefühlt habe.

Aufgewachsen bin ich mehr oder weniger im Zentrum einer kleineren, gesichtslosen Großstadt, Maca, die mir nicht aus dem Sinn geht, in einem Poble vielleicht gar nicht einmal weit entfernt davon. Der Unterschied poble/ciutat der Kinderstube kann kaum die denn doch einigermaßen auffälligen Unterschiede in der Einstellung hervorgerufen haben. Es ist denkbar, daß die Gesichtslosigkeit des lugar de mi nacimiento, de cuyo nombre no quiero acordarme, einem ohnehin geringem Realitätsinteresse eine geringes Interesse auch an der näheren Umgebung hinzugefügt hat. Wenn man, wie einige wenige, immer noch glaubt, daß die Menschen von Haus und von noch weiter zurück unterschiedlich sind, kann man sich guten Gewissens weiteres Kopfzerbrechen an dieser Stelle schenken.


Sicher ist, daß Maca als Ausgewanderte sich den Luxus einer weitgehenden Gleichgültigkeit gegenüber ihrer Umgebung nicht leisten konnte, denn nach allem, was man liest war es ja mit gutem Grund nie ihre Absicht gewesen, sich in Olot wie in einem Ghetto einzurichten. Sie mußte sich lösen aus einem zunächst bestehenden Sprachghetto und aus anderen Ghettoerscheinungen. Sie mußte an sich, an ihrer Umgebung und am Verhältnis beider zueinander arbeiten.
Sovint atribuïa el meu malestar a la provincialitat, a la petitesa d’Olot: me’n queixava a qui em volia escoltar i als qui no ho volien també, fins un dia beneït un “molt amic” – al qual vull erigir un monument ara i aquí, em va aplicar una de les lliçons més eficaces de la meva educació olotina: simplement em va ordenar que deixés aquella autocompassió de ploramiques. Vaig obeir i descobrir el remei de les meves penes ridícules, un remei molt català i també molt alemany: treballar, així de simple. No es tractava de treballar cobrant, sinó fer feines que es veien justes i necessàries amb un grup de companyes i companys en el nostre temps lliure. Aquesta “immersió laboral” em va curar de molts mals socials i em va donar el regal inestimable de l’amistat d’un grup de persones que (entre moltes altres coses) em van ajudar a conèixer Olot i a estimar-la.

Da Maca es mit der Realität zu tun hatte, konnte sie nicht ihne weiteres nach Nova York weiterziehen, wo sie sich allerdings in neuerer Zeit, wie aus einer naturgemäß unsicheren Quelle verlautet, wiederholt aufgehalten hat.