Sonntag, 5. Juli 2009

Migration

Wiedergelesen: Kafka, Amerika

Das Leben ist erstaunlich kurz. Ich begreife kaum, wie ein junger Mensch sich entschließen kann ins nächste Dorf zu reiten, ohne zu fürchten, daß - von unglücklichen Zufallen ganz abgesehen - schon die Zeit des gewöhnlichen, glücklich ablaufenden Lebens für einen solchen Ritt bei weitem nicht ausreicht: so, mit solchen Worten, zaubert man die Ewigkeit herbei. Kafka hat die Ewigkeit nicht beansprucht, und sich um seine zeitgeschichtliche Gegenwart kaum gekümmert, das ist wohl die Voraussetzung dafür, daß uns seine Bilder, nun auch schon fast hundert Jahre alt, so direkt und tief und völlig unverbraucht ergreifen. Sie ragen wie neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehen die freien Lüfte.

Von den drei Romanfragmenten hat Amerika nicht in vergleichbarem Maße den Status einer Vorstellungskonstante erreicht, wie das für das Schloß und den Proceß gilt, mit einem Wort, Amerika ist um einiges weniger kafkaesk. Bereits Max Brod hat das Romanfragment als chaplinesk qualifiziert, das gilt in gemindertem Maße aber auch für Proceß und Schloß, auch hier sind die Protagonisten von munterer Unverzagtheit, das wäre doch gelacht, und nur für den Proceß wurde das letzte, die Grundlosigkeit des guten Mutes bescheinigende Kapitel in nicht zu übertreffender Härte niedergeschrieben: Aber an K.’s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Wie ein Hund sagte K. mit brechenden Augen, es war als sollte die Scham ihn überleben.

Das letzte, vom Naturtheater in Oklahoma handelnde Kapitel des Amerikafragments scheint auf den ersten Blick einen günstigeres Buchschluß zu versprechen, der Talmicharakter der Veranstaltung ist aber kaum zu übersehen, und am Ende dürfte sich das phantasierte Theater in Oklahoma vom wahren Leben in Amerika so wenig unterscheiden wie Onettis Santa María von Buenos Aires oder Montevideo.

Karl Roßmann ist nicht nur chaplinesk, sondern darüber hinaus parzivalesk, von unbeirrbarer Reinheit. Einerseits möchte man, wie der Junge in Il Ritorno in Patria, ständig mahnen und warnen und in die Handlung eingreifen und den Karl mit einem einzigen Wort darüber aufklären wollen, daß er, um sich aus dem staubigen Kerker, etwa des Dienstes bei Brunelda, in das Paradies zu versetzen, wie er es sich doch wünschte, bloß die Hand hätte ausstrecken müssen, andererseits weiß man hier aber nicht, wohin die Hand sich strecken sollte und ist auch bald schon fasziniert und auch erleichtert, wie wenig selbst schwerstes Unbill den Karl Roßmann anficht.

Jürgen Osterhammel hat das IV. Kapitel seiner erstaunlichen Durchleuchtung des neunzehnten Jahrhunderts dem Thema der Migration gewidmet, nicht zuletzt der Emigration nach Amerika als schwarzer Sklave, als asiatischer Kontraktarbeiter oder als weißer Europaflüchtling. Mit dem Amerikabuch hat Kafka, entgegen des für ihn Üblichen, also in gewisser Weise ein zeitgeschichtliches Thema aufgegriffen, denn so sehr wir Kafka dem zwanzigsten Jahrhundert zurechnen oder in ihm sogar unseren Zeitgenossen sehen wollen – welche auch nur geringsten Alterungsspuren wären denn auch am Neuen Advokaten, an den Elf Söhnen, in der Strafkolonie festzustellen? – seine Biographie fällt in das neunzehnte Jahrhundert, das in seinen wesentlichsten Bezügen, so wiederum Osterhammel, erst zur ungefähren Zeit von Kafkas Tod in das zwanzigste übergeht.

Nach Mitternacht soll Karl ein Brief des Onkels übergeben werden, er verschiebt seinen Aufbruch und „verliegt“, wäre er aufgebrochen, hätte er den Brief nicht erhalten und es wäre nicht zum Bruch mit dem Onkel gekommen. Kafkas Welt ist immer eine Welt der Mißverständnisse, der Verleumdungen und Irreführungen, der falsch verstandenen Situationen und unwiderruflich verpassten Möglichkeiten, mit einem Wort, eine Welt voller Kommunikationen nicht im von Habermas erwünschten Sinn. Gleichzeitig wird die Bedeutung der neuen Kommunikationswege für die Neue Welt hervorgehoben. Der Saal der Telegraphen im Bürohaus des Onkels war nicht kleiner, sondern größer als das Telegraphenamt der Vaterstadt Karls. Im Saal der Telephone gingen, wohin man schaute, die Türen der Telephonzellen auf und zu. Keiner grüßte, das Grüßen war abgeschafft. Auskunftserteilung und Gesprächsvermittlung scheint die wichtigste Obliegenheit überhaupt im Hotel Occidental. Zur Unterstützung der auskunfterteilenden Unterportiers war jedem ein Laufbursche beigegeben, der in gestrecktem Lauf von einem Bücherregal und aus verschiedenen Kasten alles herbeizubringen hatte, was der Unterportier gerade benötigte. Brachten sie einmal etwas Unrichtiges herbei, so warf er einfach das, was sie ihm auf den Tisch legten, mit einem Ruck vom Tisch herunter. Da waren ferner sechs Unterportiers mit sechs Telephonen, und wieder stand neben jedem der Sprecher ein Junge zur Hilfeleistung.

Kafka hat nicht nur und nicht vor allem die Neue Welt als dichterisches Migrationsziel, sondern mit China in herausragenden Erzählungen wie Die Kaiserliche Botschaft, Ein altes Blatt oder Beim Bau der chinesischen Mauer auch die uralte Welt. Spärliche Botschaften eilen durch den unübersehbaren Raum des Reiches und erreichen kaum je ihr Ziel. Man hörte zwar viel, konnte aber dem vielen nichts entnehmen. So groß ist unser Land, kein Märchen reicht an seine Größe. Ganze Dynastien sinken nieder und veratmen durch ein einziges Röcheln. Von diesen Kämpfen und Leiden wird das Volk nie erfahren, wie Zuspätgekommene, wie Stadtfremde stehen wir am Ende der dichtgedrängten Seitengassen. In diese Welt nun drang die Nachricht vom Mauerbau. Eine Barke hielt vor uns, der Schiffer winkte meinem Vater zu, er möge die Böschung herabkommen, er selbst stieg ihm entgegen. In der Mitte trafen sie einander, der Schiffer flüsterte meinem Vater etwas ins Ohr. Ich sah, wie der Vater die Nachricht nicht zu glauben schien, der Schiffer die Nachricht zu bekräftigen suchte, der Vater noch immer nicht glauben konnte, der Schiffer mit der Leiden schaftlichkeit des Schiffervolkes zum Beweis der Wahrheit fast sein Kleid auf der Brust zerriß, der Vater stiller wurde und der Schiffer polternd in die Barke sprang und wegfuhr. Schon auf der Schwelle begann mein Vater zu berichten, was er gehört hatte. Mein Vater sagte also etwa: ... was er sagte, erfahren wir nicht. - Man kommt kaum umhin, in Kafka einen Luhmann im poetischen Status nascendi zu sehen mit dessen in ganz anderer Weise vorgetragenen großen Erzählung von der Kommunikation und ihren endlosen Tücken.

Auch bei Kafka sind versperrte Türen und Tore, denen bei Luhmann die sich verschließenden Systeme als Signum der Moderne entsprechen, in der Neuen Welt nicht weniger prägend als in der alten : Mir unterstehen alle Tore im Hotel, also dieses Haupttor, die drei Mittel- und die zehn Nebentore, von den unzähligen Türchen und türlosen Ausgängen gar nicht zu reden – kaum leichter ist es für Karl Roßmann, das Hotel zu verlassen, als für den Mann vom Lande das Gesetz zu betreten.

Die Türen verschlossen, das Land zu weit, niemand dringt hier durch und gar mit der Botschaft eines Toten. Du aber sitzt an Deinem Fenster und erträumst sie Dir, wenn der Abend kommt. - Das Sitzen wider das Laufen, das Fenster wider die Tür, die erträumte Botschaft wider die überbrachte – im Traum werden die Botschaften der Dichter und Götter übermittelt. Hat Kafka je ernstlich vorgehabt, einen Roman zuende zu schreiben? Vom Proceß hat er nur die drei Seiten Vor dem Gesetz veröffentlicht, aus dem Bau der chinesischen Mauer, deren geplanter Umfang nicht bekannt ist, nur die ebenso knappe Kaiserliche Botschaft, auf das äußerste verdichtete Mitteilungen, wie sie die Götter den Dichtern zuflüstern, hier unten nicht zu verstehen.

Donnerstag, 2. Juli 2009

Ná beidh ár leithéidi arís ann

Erneut durchgeblättert: Brian Ó Nualláin, An Béal Bocht

Name: Brian Ó Nualláin, anglisierter Name: Brian O'Nolan, Pseudonym für die englischsprachige Produktion: Flann O'Brien, Pseudonym für die Produktion in irischer Sprache: Myles na gCopaleen, Myles, ist der Großvater Spartas gemeint? Myles na gCapaillín, Myles von den Pferdchen, wieso das nun wieder? Brian Ó Nualláin also, neben Joyce und Beckett ein weiterer großer Meister der irischen klassischen Moderne, vor Joyce hat er keinen übertriebenen Respekt gehabt, im Dalkey Archive läßt er ihn, gereift und geläutert, die Unterhosen der Jesuiten stopfen.

An Béal Bocht, der arme Mund, ist Ó Nualláins einziger Roman in irischer Sprache. An béal bocht a chur ort, den armen Mund aufsetzen, eine Redewendung, die besagt, daß man Leid und Unbill in ostentativer Weise vorträgt und damit in einer Manier, die, wenn man es so sehen will, die irische Volksliteratur des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts prägt, die aufgeschriebenen Lebensberichte einfacher Menschen, also Tomás Ó Criomthains An t-Oileánach (Der Inselmann), Peig Sayers‘ Peig, Muiris Ó Súilleabháins Fiche Bliain ag Fás (Zwanzig Jahre des Reifens) u.a. Ó Nualláins Buch gilt als Parodie insbesondere des Inselmanns mit der ständig wiederkehrenden Formel Ná beidh ár leithéidi arís ann: unseresgleichen wird es nimmer mehr geben.

Über den Begriff der Parodie müßte man sich allerdings verständigen. Es ist nicht gut vorstellbar, daß der Literaturprofi Ó Nualláin in vernichtender Absicht über den schlichten Ó Criomthain hergefallen ist, er hat ihn vielmehr geschätzt, wie sollte es auch anders sein. Andererseits konnte Ó Nualláin, Autor unter anderem des modernistischen Romans At Swim-Two-Birds, sich des armen Irlands – niemand auf der Insel hatte An Gorta Mór, die große Hungersnot zwischen 1845 und 1851 mit mehr als einer Million Toten vergessen – schlecht in der abstandslosen und zugleich formelhaften Weise der Volkserzähler annehmen. Ó Nualláins Ausweg war das Aufgreifen der volkstümlichen Erzählformeln und ihre Bewahrung in satirische Übersteigerung und Übertreibungskunst, an der Thomas Bernhard, wenn er das Buch gelesen haben sollte, nur Freude hätte haben können.

Bei der Einschulung bekommen alle Irenkinder den Einheitsnamen Jams O’Donnell verpaßt und eingebläut mit einem Holzprügel, so daß, wie es im lakonischen Fazit heißt, an diesem Tag kein junger Irenschädel in der Gegend ungespalten bleib, ní raibh aon chloigeann óg sa dúiche gan scoilteadh an lá sin. Der Spott ist da, aber die Klage bleibt, viel anders ist es bei der edukativen Zivilisierung der Iren nicht zugegangen.

Die Gaeilgeoirí, die Freunde der irischen Sprache, sind entzückt, als sie im Dorf des kleinen Jams O’Donnell auf das reinste Irisch stoßen, daß sie je gehört haben, denn wenn Irisch an sich schon schwer ist, so ist das reinste Irisch so gut wie unverständlich, thuig sé go mbíonn an dea-Ghaeilge deacair agus an Ghaeilge is fearr beagnach dothuigthe. So entgeht ihnen, daß sie mit ihrem Grammophon das Grunzen eines streunenden Schweins aufgenommen haben, das sich im Dunkel der Nacht unter die Dorfbewohner gemischt hatte, gurb an mhuc sheachráin sin againne a dúirt pé focail a bhi ráite an oíche sin. Der Spott ist da, aber die Klage bleibt, denn was ist trauriger als eine Sprache mit reicher Tradition tief in die Jahrtausende hinein, die spezielle Enthusiasten braucht, um notdürftig am Leben erhalten zu werden.

Die Elegie in der Obhut der Satire. Ná beidh a leithéid arís ann, desgleichen wird es nicht mehr geben – ist es nicht eine der Quellen alles Erzählens, das unwiederbringlich Verlorene für einen Augenblick wenigstens noch festzuhalten? Gerade heute, wo täglich Tierarten, Pflanzenarten, Lebensarten, Sprachen vor unseren Augen wegglobalisiert werden, müßte das einleuchten. Weg mit Schaden, werden andere sagen, an die Stelle des Alten tritt auch immer wieder Neues: Wind- und Sonnenenergieparks, quadratmeilengroße Treibhäuser für unsere Paprikaschoten, Klonschafe, Gärtner mit lärmendem Höllengerät und Gebläse, Wunderwerke der Architektur, Regietheater, Systemtheorie, immer neue Wunderwerke der Literatur.

Mittwoch, 10. Juni 2009

Kenkitsatatsiria

Das Haus in der Nacht / durch die Fenster / der Schein der Flammen

Gelesen:
Mario Vargas Llosa, Viaje a la ficción

Wiedergelesen:Juan Carlos Onetti, La vida breve & El astillero

Vargas Llosas Buch ist eine große Hilfe und Vergewisserung für alle, die fasziniert sind vom uruguayischen Autor Juan Carlos Onetti, ohne sich vielleicht ganz im Klaren zu sein warum und wieso, und die vielleicht sogar, bei längerer Trennung, unsicher werden, ob die Faszination denn auch rechtens ist. Die Reise zur Fiktion, die wir an der Seite von Vargas Llosa antreten, ist nicht kurz, die Annäherung an Onetti erfolgt in einer aufwendigen, weit ausholenden Schleife, die uns über Adam und Eva hinaus bis zu den Hominiden bringt und dann von der jenseitigen Seite zurück zum Sündenfall, der sich bekanntlich am Baum der Erkenntnis zugetragen hat. Es handelt sich um die Erkenntnis der Realität, die das Tier nicht hat und die der Mensch nicht erträgt, ohne daß er Welten zwischen sich und die Welt bringt, Welten der Religion, die Vargas Llosa hier außer Acht läßt, und Welten der Fiktion, die sein Thema sind. Als junger Mensch, so berichtet Vargas Llosa, sei er, knapp diesseits des Sündenfalls, auf einen Proto-Onetti gestoßen, den Kenkitsatatsiria, den Geschichtenerzähler (si, dijeron, se podía traducir por „hablador“ o „contador“) bei den Machiguengas im peruanischen Amazonasgebiet im Bereich der Flüsse Urubamba, Paucartambo und Mishagua und er, Vargas Llosa, sei, wenn auch nur indirekt, Zeuge geworden der befreienden, die Ängste verscheuchenden Wirkung des Erzählens, des Entwurfs geistiger Zusatzwelten in diesem frühen Stadium der Kulturentwicklung. Von Gehalt und Form der Erzählungen des Kenkitsatatsiria erfahren wir weiter nichts, aber es dürften schon noch einige Schritte gewesen sein bis zu Onetti, dem Hyperkenkitsatatsiria, der die Fiktionalisierung der Fiktion einer Fiktionalisierbarkeit des Fiktiven betreibt, um nur vorsichtig das Wenigste zu sagen. Einiges spricht dafür, daß er auch der Frage des Fiktiven der Fiktionalisierbarkeit einer Fiktion der Fiktionalisierung nachgegangen ist.


Vargas Llosa hält El astillero für den perfektesten und reinsten Roman Onettis, La vida breve für den reichsten und schönsten, Grund genug, die beiden Bücher neu zu lesen. Faulkner wird als Onettis wichtigster literarischer Orientierungspunkt dargestellt, Borges eher als Kontrastfigur, eine Verwandtschaft mit Kafka wird erwähnt aber nur wenig vertieft. Dabei fällt die Vorstellung nicht schwer, daß auch Kafka, hätte er am Meer gewohnt, nicht von einem Schloß, sondern von einer Werft geschrieben hätte. Zwar gelingt es dem Landvermesser unter keinen Umständen, in das Schloß vorzudringen, während Onettis Larsen keine Mühe macht, die Werft zu betreten und sich kurzerhand zum Gerente General ernennen zu lassen. Die Werft ist freilich leer, ohne jeden Werftbetrieb, aber, so kann man vermuten, auch der ganze Aufwand, der um das Schloß betrieben wird, soll nur verdecken, daß es nicht weniger leer und ohne Geschäfte ist. Onetti ist nur ein Schritt weiter auf dem traurigen Weg der Metaphysik. Überall sucht Kafka die unüberwindlichen Mauern, die eine Geheimnis verbergen, das es schon nicht mehr gibt, die Mauern der Schloßanlage, die des Gesetzes, die in China. In die aufgelassene Werft kann jeder eintreten, der will, ohne daß ihm aber besser würde davon. Larsen trifft in der Werft auf die Subgerentes Kunz & Gálvez, so getreue Abbilder der beiden Gehilfen des Landvermessers, daß man sich die Augen reibt.

Vargas Llosa berichtet von einer mehrtägige PEN-Konferenz, auf der Onetti beharrlich geschwiegen habe, sowie von einer anschließenden gemeinsamen Reise durch die USA. Onetti habe sich konsequent geweigert, an irgendwelchen Besichtigungsterminen, Museums- oder Konzertbesuchen teilzunehmen und sei ganz überwiegend in Begleitung seiner Whiskyflasche im Hotel geblieben, so daß man sich, wie Vargas Llosa leicht irritiert anmerkt, schon habe fragen können, warum er überhaupt mitgereist sei. In seinen letzten Lebensjahren soll Onetti kaum noch das Bett verlassen haben, nicht so sehr aufgrund körperlicher Gebrechen, sondern weil er den rechten Sinn nicht mehr erkennen wollte.

Sebald berichtet in seiner an den Tagebüchern orientierten Erzählung Dr. K.s Badereise nach Riva von ähnlichen Reisegewohnheiten Kafkas. Es spricht kaum etwas dafür, daß Dr. K. das Hotel an diesem Abend noch verlassen hat. War es im Grunde schon unmöglich, überhaupt hier zu sein, um wie viel unmöglicher war es dann erst, sich hinauszuwagen unter diesen Wasserhimmel, unter dem selbst die Steine zerflossen. Dr. K. bleibt also im Hotel. Er legte sich auf das Bett, die Hände unterm Kopf verschränkt, und betrachtete den Plafond. Ebenso spricht wenig dafür, daß Kafka sich massiv für die italienischen Sehenswürdigkeiten interessiert habe. Wie es schön ist, schreibt er, mit einem Ausrufezeichen, über Einzelheiten aber schweigt sich Dr. K. aus. Einleuchtend wäre dagegen, daß er Jahrzehnte vor dem ihm nachreisenden Sebald dasselbe Pissoir im Bahnhof Desenzano aufgesucht hat, eines der Graffiti neben dem Spiegel schien geradezu darauf hinzudeuten, Il cacciatore, der Jäger Gracchus, stand da in einer ungelenken Schrift.

Die beiden Dichter lehnen es ab, die Welt dort zu betrachten, wo sie sich zu Betrachtung anbietet, umso schärfer kann ihre Wahrnehmung dort sein, wo die Welt sich unbeobachtet fühlt und von der Beobachtung sozusagen überrascht wird. Vargas Llosa läßt Onetti schildern, wie der Werftroman aus dem tatsächlichen Besuch einer aufgelassenen Werft in Dock Sud Buenos Aires hervorgegangen oder besser entsprungen ist, denn der Eindruck war so stark, daß die schon fortgeschrittene Arbeit am Roman Juntacadaveres unterbrochen und der Werftroman zwischengeschoben wurde. Das gesamte Geschehen des Romans entwickelt sich um fünf derartige Orte, bei denen der reale und der mythische Gehalt nicht unterscheidbar sind, die Werft, Santa Maria, das Haus, Die Glorieta und die Hütte. Sie geben, sich abwechselnd und kumulierend, den Kapiteln ihren Namen. Das letzte Kapitel ist betitelt: El astillero – VII / La glorieta – V /La casa - I / La casilla – VII. Man kann vermuten, daß auch Haus, Hütte und Glorieta wahrgenommene Vorbilder hatten, Santa Maria ist dann noch genauer zu betrachten.

Und Kafka, der vermutlich nur wenige Blicke auf die Seefahrt geworfen hat, stampft für seinen Jäger Gracchus, den Cacciatore, ein Prosaschiff aus dem Wasser, das, so verkommen es scheint, sich buchstäblich gewaschen hat: Ein schwerer alter Kahn, verhältnismäßig niedrig und sehr ausgebaucht, verunreinigt, wie mit Schwarzwasser ganz und gar übergossen, noch troff es scheinbar die gelbliche Außenwand hinab, die Masten unverständlich hoch, der Hauptmast im obern Drittel geknickt, faltige, rauhe, gelbbraune Segeltücher zwischen den Hölzern kreuz und quer gezogen, Flickarbeit, keinem Windstoß gewachsen (Kafka, Tagebücher, 6.4.1917). Fast könnte man meinen, nicht der Cacciatore habe sein Schiff gefunden, sondern der tiefe, in seiner Prosaumsetzung noch nicht zur Ruhe gekommne Eindruck des Schiffes habe die Geschichte vom Jäger Gracchus erzeugt.

In La vida breve unterscheidet Vargas Llosa drei Ebenen, die der Realität, vertreten durch Brausen, dessen Frau Gertrudis mit der frisch amputierten Brust, dem Arbeitskollegen Stein, dem Chef McLeod und anderen; eine halb reale, halb phantasierte Welt um Brausen-Arce und die Prostituierte Queca samt ihrem Zuhälter Ernesto und schließlich die phantasierte Welt der Stadt Santa María mit Brausen-Díaz Grey, Elena Sala und anderen. Das Schema wird dann noch erheblich verfeinert, einige Punkte können aber noch zusätzlich hervorgehoben werden.

Zum einen führt Onetti sich selbst als handelnde Person in das Buch ein: El hombre que había alquilado la mitad de la oficina a Brausen se llamaba Onetti. Onetti teilt das Arbeitszimmer also mit Brausen, bei leichter Verschiebung des Wortsinns läßt sich also sagen, Brausen ist durch Zellteilung aus Onetti entstanden. Dadurch ist eine weitere, realere Realitätsebene oberhalb der von Brausen repräsentierten eingeführt. Aus Brausen entsteht wiederum Arce durch Zellteilung, die Wand, die Brausens Wohnung von der der Queca trennt, in der er zu Arce wird, hat, was die Geräuschdurchlässigkeit anbelangt, alle Merkmale einer bloßen Stellwand japanischer Leichtbauweise. Hinter einer weiteren, einen Teil der Praxis abteilenden Stellwand tritt Gertrudis hervor in der Gestalt der Elena Sala, mit restituierter Brust und trifft auf den Arzt Díaz Grey, eine Inkarnation, oder vielleicht besser: Exkarnation Brausens und mithin Onettis.

Und zum anderen findet sich die imaginierte Welt nicht einfach ab mit ihrem nachgeordneten Status, Díaz Grey sieht sich seinerseits als tímido inventor de un Brausen. Durch die Verselbständigung der imaginierten Welt wird ein Ich zwischen seinen verschiedenen Ebenen und unabhängig von ihnen wieder freigesetzt: Yo, el puente entre Brausen y Arce, necesitaba estar solo. Es ist nicht immer klar, wo dieses Ich sich gerade aufhält. Auch Onetti-Brausens eigene, von ihnen ersonnene Stadt Santa María entsteht nicht aus dem Nichts: Santa María, porque yo habá sido feliz allí, anos ante, durante veinticuatro horas y sin motivo. Rechnet sich Onetti das YO dieses Satzes selbst zu, wäre Santa María demnach, ganz ähnlich wie die Werft, auf eine konkrete Erinnerung zurückzuführen? Santa María hätte dann einen kaum geringeren Realitätsstatus als Montevideo oder Buenos Aires, die ja ihrerseits nicht in einer Weise erscheinen, daß sich touristische Führungen auf den Spuren Onettis lohnen würden. So zutreffend die von Vargas Llosa bloßgelegte Dreischichtenstruktur ist, noch präziser ist das Urteil, mit dem Queca und Onetti den Roman beginnen lassen: Mundo loco. Eine verrückte Welt, in der Brausen und Ernesto real aus dem realen Bounos Aires in das irreale Santa María fliehen können, eine verrückte Welt, die sich dann folgerichtig im letzten Kapitel als Karneval tarnt.

In das 5. Kapitel des zweiten Teils von La vida breve hat Onetti ein Selbstbildnis eingefügt aus Sätzen, die Rembrandt unmittelbar das Malwerkzeug hätten führen können: El hombre se llamaba Onetti, no sonreía, usaba anteojos, dejaba adivinar que solo podía ser simpático a mujeres fantasiosas o amigos íntimos. Hombre de cara aburrida, Onetti saludaba con monosílabos a los que infundía una imprecisa vibración de carino, una burla impersonal. Revisaba papeles, fumaba sin ansiedad, conversaba con una voz grave, invariable i perezosa. Vor allem eine Stimme hinterläßt eine Spur, eine Stimme der Einsamkeit und Stille, dunkel und indolent, mit einem Vibrato der Liebe. Klingt so auch die Stimme des Kenkitsatatsiria bei den Machiguengas im Quellgebiet des Amazonas? Carino: Liebe; bondad: Güte hat Onetti an anderer Stelle als Merkmal seiner Prosa reklamiert, und wenn man nur einräumt, daß Liebe und Güte in der Welt nicht einfach zu plazieren und dementsprechend auch nicht einfach zu finden sind, so mag das zutreffen.

Eine der mujeres fantasiosas, die sich nach Onettis eigener Einschätzung allenfalls für ihn erwärmen konnten, war die Dichterin Idea Vilarino, die in diesem Jahr, vor wenigen Wochen erst, in Montevideo im Alter von 89 Jahren gestorben ist. Ihre Poemas de amor handeln von JC Onetti, er seinerseits hat ihr denjenigen seiner Romane zugeeignet, der ihm selbst der liebste war, Los adioses, nicht der Titel, den sie sich gewünscht hätte. Idea Vilarino hat Onetti so gezeichnet:

Verte reír tocarte con las manos
vivir contigo un día un ano tres semanas
compartir vida seria vida mansa contigo
encontrate en la cama
vistiéndote en el cuatro
oliendo a alcohol fumando
sudando en el verano
o en el amor cerrando
tus ojos distraídos.

Mittwoch, 11. März 2009

Die Ausgewanderte - Stadt

Olot era una ciutat! Encara tinc ben present el punt exclamació simbòlic que vaig posar quan vaig veure per primera vegada la skyline olotina. Gràcies! Alegria! Olot no era un poble! Perquè de pobles en tenia una certa experiència, al cap i a la fi vaig viure en un fins als meus 20 anys i la vida allà era prou limitada, avorrida i fins i tot mediocre, de manera que em moria de ganes de posar una llarguíssima distància entre poble i universitat. Per a mi, que era una mica ingènua, el contrari del poble entès com a forma de vida no era la ciutat metropolitana, sinó que era a la universitat on -així m’ho imaginava- hi hauria un excés de tot allò que trobava a faltar a la meva heimat, a la meva petita pàtria: allà, a la alma mater, hi bufarien els vents de la llibertat, hi regnaria l’esperit crític, es cultivaria el diàleg sense prejudicis i les fonts del coneixement brollarien.

Beim seinerzeit klassischen, inzwischen wohl aus der Mode gekommenen Schulaufsatzthema: Stadt oder Land, wo möchtest du wohnen - das ich nach meiner Erinnerung, die möglicherweise trügt, mehrfach zu bearbeiten hatte, mußte ich, was die erforderliche Grundentscheidung anbelangt, nie auch nur einen Augenblick zögern oder nachdenken. In Tolstois gesamten Krieg und Frieden ist mir immer der eine kurze Satz der liebste gewesen, der, zu Beginn eines der zahlreichen Kapitel, vermerkt, Knäs Andrei habe nach seiner Verwundung zwei Jahre „unwegfahrlich“ (beswyjezdno) auf dem Gut seines Vaters gelebt. Der Bericht über diese zwei Jahre, von denen weiteres nicht berichtet wird, ist mir immer der schönste Bericht von der vergehenden Zeit gewesen, angefüllt bis zum Rand mit lautlosen und unsichtbaren Vorkommnisses. Gern hätte ich ihn, unter Verzicht auf weitere Aktionen, bis an das Ende des Buches gedehnt. Die zweitliebsten Stellen im Roman waren mir die von den Schlittenfahrten, man fährt in die einbrechende Dunkelheit hinein, in die unermeßliche, an den Sternenhimmel angrenzende weiße Wüste, in der wie Schatteninseln die von Bäumen umstandenen Dörfer treiben. Aus dieser Quellen speiste sich mein geheimer, tief im Inneren verborgener Lebenstraum, den ich immer gern jedermann erzählt habe: der Traum vom Landedelmann mit einer reichen Bibliothek und mit einem treuen Gutsverwalter, so daß er, der Edelmann, sich selbst um nichts zu kümmern hat. Ein regelmäßiges Einkommen, nicht unbedingt üppig aber hinreichend für die Durchführung eines Zusatztraums: Ein Forschungsjahr in der Antarktis, täglich eine halbe Stunde Außendienst und drei bis vier Stunden wissenschaftliche Arbeit in der Unterkunft. Für den Rest der Zeit eine gute Bibliothek, natürlich den Umständen entsprechend eingeschränkt, drei Mahlzeiten, zwei kürzere und eine lange, im Kreis der sämtlich intelligenten und angenehmen Gefährten, eine enge Gefährtin, die es, Gott sei Dank, gibt, und die daher nur aus dem realen Leben in den Traum zu transferieren wäre: Prou.

Hätte mich ein Schutzengel vor der Erfüllung dieses Traums bewahren müssen, wäre es sicher ein besonders guter gewesen. Abgesehen von dem Desaster, das sich unweigerlich ergeben hätte, wenn der Traum unvollständig erfüllt worden wäre, also zum Beispiel ohne den Verwalter, wäre in jedem Fall notwendig etwas anderes zu träumen gewesen. Die seltsame Neigung zu der kleinen Pyrenäenstadt Olot, die mir erst - auf nicht ganz legitimem Wege, wie ich inzwischen erfahren mußte - die Blätter der educació olotina in die Hände spielte, gibt sicherlich einen Hinweis auf die Richtung, in der der Traum sich dann verlagert hätte. Schon zuvor hatten französische Provinzstädte ein ganz ähnliches Sehnen in mir ausgelöst, Semur-en-Auxois ist einer von vielen Namen, die ich nennen könnte. Hätte ein böser Geist mir auch diesen und weitere Träume erfüllt, wäre ich zuguterletzt womöglich in Manhattan angekommen, wo ich mich bei meinem einzigen Besuch gar nicht einmal unwohl gefühlt habe.

Aufgewachsen bin ich mehr oder weniger im Zentrum einer kleineren, gesichtslosen Großstadt, Maca, die mir nicht aus dem Sinn geht, in einem Poble vielleicht gar nicht einmal weit entfernt davon. Der Unterschied poble/ciutat der Kinderstube kann kaum die denn doch einigermaßen auffälligen Unterschiede in der Einstellung hervorgerufen haben. Es ist denkbar, daß die Gesichtslosigkeit des lugar de mi nacimiento, de cuyo nombre no quiero acordarme, einem ohnehin geringem Realitätsinteresse eine geringes Interesse auch an der näheren Umgebung hinzugefügt hat. Wenn man, wie einige wenige, immer noch glaubt, daß die Menschen von Haus und von noch weiter zurück unterschiedlich sind, kann man sich guten Gewissens weiteres Kopfzerbrechen an dieser Stelle schenken.


Sicher ist, daß Maca als Ausgewanderte sich den Luxus einer weitgehenden Gleichgültigkeit gegenüber ihrer Umgebung nicht leisten konnte, denn nach allem, was man liest war es ja mit gutem Grund nie ihre Absicht gewesen, sich in Olot wie in einem Ghetto einzurichten. Sie mußte sich lösen aus einem zunächst bestehenden Sprachghetto und aus anderen Ghettoerscheinungen. Sie mußte an sich, an ihrer Umgebung und am Verhältnis beider zueinander arbeiten.
Sovint atribuïa el meu malestar a la provincialitat, a la petitesa d’Olot: me’n queixava a qui em volia escoltar i als qui no ho volien també, fins un dia beneït un “molt amic” – al qual vull erigir un monument ara i aquí, em va aplicar una de les lliçons més eficaces de la meva educació olotina: simplement em va ordenar que deixés aquella autocompassió de ploramiques. Vaig obeir i descobrir el remei de les meves penes ridícules, un remei molt català i també molt alemany: treballar, així de simple. No es tractava de treballar cobrant, sinó fer feines que es veien justes i necessàries amb un grup de companyes i companys en el nostre temps lliure. Aquesta “immersió laboral” em va curar de molts mals socials i em va donar el regal inestimable de l’amistat d’un grup de persones que (entre moltes altres coses) em van ajudar a conèixer Olot i a estimar-la.

Da Maca es mit der Realität zu tun hatte, konnte sie nicht ihne weiteres nach Nova York weiterziehen, wo sie sich allerdings in neuerer Zeit, wie aus einer naturgemäß unsicheren Quelle verlautet, wiederholt aufgehalten hat.




Montag, 9. März 2009

Die Ausgewanderte

Aus mir selber nicht recht erfindlichen Gründen haben die Geschicke der kleinen Pyrenäenstadt Olot mich schon immer in besonderem Maße bewegt, und seit der zweiten Hälfte der siebziger Jahre bin ich wiederholt, wenn auch keineswegs regelmäßig, meistens über die Autobahn, durch das Rhonetal oder aber durch das französische Zentralgebirge, in jüngster Zeit wohl auch mit dem Flugzeug nach Katalonien und Olot gereist, manchmal bloß nur für eine, manchmal für mehrere Wochen, besonders gern im Herbst zur Festa Major aber durchaus auch zu den anderen Zeiten des Jahres. Da kann ich es nur als eine besondere Fügung ansehen, wenn mir jetzt, auf Wegen, auf die ich nicht näher eingehen will, Aufzeichnungen einer dorthin ausgewanderten Deutschen - die Übersiedlung muß ungefähr zur Zeit meines ersten Besuches stattgefunden haben - in die Hände geraten sind. Verschiedene, wenn auch keineswegs eindeutige Einzelheiten in den Manuskripten lassen überdies vermuten, daß die schöne - so unterstellt man natürlich, und in jedem Fall: aquí pots ésser maca – per poc vistós que estiguis - perquè a dins teu se suposa una ànima bella - daß die schöne Ausgewanderte also, die wir der Einfachheit halber im folgenden Maca nennen wollen, unfern meiner eigenen Heimat am Nordhang des Teutoburger Waldes aufgewachsen ist. Leider sehe ich mich nicht befugt, die Aufzeichnungen zur Gänze zu veröffentlichen ohne die ausdrückliche Zustimmung der Autorin. Wie ich diese Zustimmung erlangen sollte, weiß ich nicht. Niemand wird aber ein Unrecht darin sehen wollen, wenn ich einzelne Stellen, die mir besonders nahe gehen, an mich nehme und in eigenes Nachsinnen einkleide.


Die Blätter sind zusammengefaßt unter dem Titel UNA EDUCACIÓ OLOTINA. Wir wollen nicht in den Fehler Blumenbergs verfallen, der, wie er selbst einräumt, sein unorthodoxes Verständnis des Begriffes der Gottesfurcht erst zu einem Zeitpunkt durchschaute, als er bereits eine ganze Theologie irreversibel auf der Annahme eines ängstlichen und verhuschten Gottes aufgebaut hatte. Eine voreilige Festlegung, wer wen zu fürchten hat , oder, in unserem Fall, wer wen erzieht, unterbleibt also besser. Nichts spricht zwar dafür, es sei unserer Ausgewanderten, Maca, vordringlich darum gegangen, die Olotiner Mores zu lehren, aber auch eine nahtlose Einpassung in Sitten und Bräuche der neuen Heimat war vielleicht nicht das Ziel: Olot per una forastera (fins i tot per una forastera prou integrada) tenia i te aspectes que són - parlant gastronòmicament - com un os dur de rosegar i altres ben dolços que passen com la crema de St. Josep.

Auch für einen Ostwestfalen, der das diesem Volksstamm anlastende Klischee der Unempfindlichkeit und Holzklotzartigkeit vielleicht recht gut erfüllt, ist es ganz und gar nicht das gleiche, nach Olot zu reisen oder ein Indianerlager zu betreten, und doch ist es ein Geschehen der gleichen Kategorie. In beiden Fällen gilt es, die dominierende Gleichheit der Menschen zu sehen, ohne darüber das Gefühl für die unterschiedlichen kulturellen Ausprägungen zu verlieren. Daß die Olotiner Unterschiede, gemessen am Indianerbeispiel, eher filigran und mikroskopisch sind, hat nichts zu besagen. Wir wissen, daß Lautunterschiede, die in einer Sprache gar nicht wahrgenommen werden, in einer anderen die Bedeutung auf den Kopf stellen können. Sprache aber ist als die zentrale sowohl humane als kulturelle Erscheinung anzusehen, und was hier gilt, wird auch sonst nicht ohne Gültigkeit sein. Maca führt ein sehr schönes und zugleich erheiterndes Beispiel an für den kleinen Unterschied, der einen großen macht: A mi només m’arribaven onades de soroll del qual de tant en tant en pujava, com una butllofa, la paraula “mauvais”. M’irritava tanta dolença en una sobretaula d’una gent que semblava feliç i contenta. Vaig trigar un bon temps fins se’m va revelar que el suposat dolent era “molt bé”.


Maca ist wie keine zweite bestrebt und befähigt, zwischen den Anforderungen des Universalismus und des Kulturalismus zu vermitteln. Wenn der gastronomische Aspekt zunächst auf der metaphorischen Ebene eingeführt wurde, so rückt er auch ganz real in einer kulturkomparatistischen Weise in das Zentrum der Betrachtungen: La meva primera notícia culinària catalana, encara a Alemanya estant, era la del pa amb xocolata que aleshores no em va convèncer gaire. Ara en penso diferent, encara que no m’he convertit en una endrapadora apassionada d’aquesta combinació. La defenso perquè veig massa nens engolint bolleria industrial, però sobretot perquè més enllà dels valors nutritius del pa amb xocolata, s’hi materialitza tot una filosofia de la vida: El pa de cada dia, essencial i imprescindible, i una dosi de dolç, de vici i d’alegria. Feliç la criatura que encara pugui gaudir d’un berenar tan profund!

Per qüestions de paladar, servidora dóna la palma al pa tomàquet que, com cal, va ser el primer que vaig menjar en terres catalanes i del qual no fa falta que canti aquí les seves excel·lències que amb tota la raó estan a prop del mite.

Voleu que expliqui quatre coses del meus orígens culinaris? Una mica exagerat, per tal que el meu entusiasme per la cuina catalana es faci més patent? Aquí teniu: Un cop superada la cuina de subsistència de la postguerra, als fogons de la majoria de les famílies alemanyes s’havia perdut el bon fer: tractar amb saviesa els productes, tenir temps i amor pel plat que vols portar a taula. Menjàvem plats únics massa pesats, destinats prioritàriament a atipar els comensals.

Aquí hi ha peix! Xai! Oli de oliva! Gambes! Coques de llardons! Ratafia! Hortalisses ecològiques de Can Maia! Vi! Cava! Aiguardent de fajol! Crema de St. Josep! Panellets! Fesols de Santa Pau! Tot això i un munt de productes més que ja sabeu... Si ara algú opina que és millor menjar bé que parlar-ne, té tota la raó del món.

Der Daheimgebliebene gibt ihr recht nicht zuletzt was die schlichten Formen des pa tomàquet und des pa amb xocolata und vor allem auch, was den schönen Seitenblick auf die glückliche criatura que encara pugui gaudir d’un berenar tan profund anbelangt, und wenn er sich doch kleine Korrekturen vorbehält, dann vielleicht nur geboren aus der Not, die Olotiner Küche nur sehr sporadisch genießen zu können, und ansonsten mit der deutschen, nicht selten sogar mit der von ihm selbst zubereiteten auskommen zu müssen. Beim letzten Satz allerdings folgt er Maca nicht so ganz, und, wie er vermutet, sie sich selbst auch nicht. Zumindest im Zustand der - wie auch immer erreichten - Sättigung ist das Vergnügen, Josep Plas oder Vázquez Montalbáns, um es bei den Katalanen zu belassen, Ausführungen zum Essen zu lesen, kaum geringer als dasjenige des realen Vollzugs. Und wird der reale Genuß nicht erst angefeuert durch die Namen der Gerichte und Weine und dann durch ihren Anblick zum Lodern gebracht, während die arme Kreatur sich nur wort- und blicklos auf ihren Napf stürzen und ihn wie rasend leeren kann, um dann ernüchtert und verlassen in die Welt zu schauen. Es sind die alten ungeklärten Fragen von Sprache und Sein, Lesen und Leben, zwischen Leben als Lesen und Lesen im Leben, zwischen Don Quijote und Sancho Pansa.

Von irgendeiner Fixierung Macas auf den gastronomischen Aspekt kann ohnehin nicht die Rede sein, Sancho Pansa, der uns ja allen Freude bereitet, steht ihr keineswegs näher als Don Quijote, die Metapher des Essens wird rückgewendet auf Realitäten ganz anderer Qualität: Per a mi ‘crema olotina’ significa: un grup de gent ben a prop i aleshores queviures com ara la faràndula ballant, els murs secs de Batet, els pagesos al Firal als dies de mercat, les obres de Leonci Quera, el toc d’inici del Cornamusam, les poemes de Joan Teixidor, la vista des de St. Francesc, les campanades de St. Esteve que puc sentir des de casa meva ...

Bewegt man sich im Spannungsfeld von Universalismus und Kulturalismus, landet man unausweichlich bei der Frage des Nationalismus: La placa ja portava una d’aquelles enganxines que demanaven EN CATALÀ SI US PLAU (així en majúscules). Vaig pensar que era impossible reivindicar amb més claredat i alhora amabilitat l’indubtable dret a l’ús públic de la pròpia llengua: Ningú no s’arromangava les mànigues i no treia ni els punys ni armes pitjors per posar-les al pit de ningú en nom del català. - Si el nacionalisme d’ací era així, jo volia ser catalana. Aquesta pretensió, però, s’havia quedar en el desig, un desig, a més, ingenu, era una mena de fugir d’estudi, perquè hauria significat passar ratlla al passat nacionalista assassí del meu país fent veure que em podia deslliurar de la culpa i vergonya amb la qual hem de carregar els alemanys per haver permès, i massa sovint aplaudit, el règim nazi.

Selbst war ich in meiner Kindheit und Jugend, die noch immer nicht recht abgeschlossen ist, wahrscheinlich allzu sehr beschäftigt, Apachen- und Cheyennenationalist zu sein, um dem deutschen Nationalismus die gebührende oder auch nur allernotwendigste Aufmerksamkeit zu schenken. Übersehen ließ er sich beim besten Willen, der nur der allerschlechteste hätte sein können, dann natürlich nicht. Vor gar nicht mal allzu langer Zeit, als ich, mit einigen Kenntnissen der irischen Geschichte versehen, Bob Geldorfs Song of an Emerging Nationalist hörte, konnte nur der Gedanke an die schlimmen Vorgänge im Norden des Landes mich davon abhalten, irischer Nationalist zu werden. Natürlich ist richtig, daß Kulturen sich gegenseitig befruchten, aber sie brauchen auch Schutz voreinander, wie ihn der Nationalstaat leisten kann. Niemand, der bei Sinnen ist, wird die Deutung vertreten, die europäischen Einwanderer in Nord- und Südamerika hätten die indigenen Kulturen befruchtet, und mancher würde sich wünschen, diese hätten es bis zum Nationalismus gebracht, bevor sie zerstört wurden. Wer ist nicht auf Seiten der Kurden? Und wer hätte Lord Byron und die anderen getadelt, als sie zum Frommen der Griechen gegen die Türken zogen. Der Nationalismus der kleinen und unterdrückten Völker, jedenfalls solange sie keine Nation sind, ist ein ganz anderer als der der großen und mächtigen.

Eins steht völlig außer Frage: Em temo que quant al nacionalisme català m’he de declarar en bancarrota mental, intel.lectual i psíquica. Quan vaig fer el primer intent de situar-me en la problemàtica vaig acabar amb la frase “Em fa por el nacionalisme excloent.” El nacionalisme excloent ist natürlich das genaue Gegenteil des nicht in jedem Fall unberechtigten kulturellen Nationalismus: Gaeilge led’ thoil, en Català si us plau. Leider wissen wir aber und verstehen auch, daß die Schwachen, sollten sie mächtig werden, nicht mehr dieselben sind.

Sonntag, 8. März 2009

Una literatura de bondad

Wiedergelesen: Onetti, Cuando ya no importe, in anderen Büchern des Autors geblättert

Es imposible no querer a Onetti.
A Onetti todo el mundo le teme.
Mi literatura es una literatura de bondad y qui no lo vea así es un burro.


Das erste Urteil, der hinteren Buchklappe von Cuando ya no importe entnommen, kann man fürs erste wohl übergehen, niemand wird behaupten wollen, er liebe Onetti in der Art, wie man vielleicht Tschechow oder Fontane lieben kann – oder scheint das nur uns mitteleosturopäischen Gringos so? Dem zweiten Urteil, aus einem einleitenden Aufsatz zu Los adioses, wird jeder, der vielleicht gerade Onettis Bekanntschaft erst gemacht hat, gern zustimmen. Die dritte Beurteilung muß man ernst nehmen, denn es ist vom Autor selbst. Man weiß zwar, Onetti, ist trickreich und listig und man darf ihm nicht ohne weiteres trauen, aber andererseits möchte man auch nicht Gefahr laufen, als Esel dazustehen.

Wollte in einem gedachten Interkontinentalwettstreit Europa die Trumpfkarte Kafka ziehen, würde Südamerika wohl versuchen, mit Onetti zu kontern, die Einzelentscheidung sicher nicht gewinnen, das ist nicht gut denkbar, aber auch nicht so viele Punkte verlieren, als daß die Hoffnung auf den Gesamtsieg schon dahin wäre. Beide Autoren zeichnet eine scheinbar sorglose, karge und doch ungeheuer exakte Sprache aus. Onetti bestätigt den Eindruck der Sorglosigkeit: No trabajo la frase, ni la sintaxis ni el estilo. No lo hago. Man glaubt ihm das angesichts des eigentümlichen, in gewisser Weise zwielichten aber unbestreitbaren Glanzes seiner Prosa nicht so ganz, und das bekümmert ihn: Me da mucha pena que no lo crea. Auch den Kummer muß man ihm nicht unbedingt glauben, allerdings bietet Onetti von sich aus eine Lösung des Problems an: Yo no sé escribir mal - da kann man dann in der Tat sorglos sein. Die lakonische Präzision der Sprache wird jedenfalls im Vergleich mit der deutschen Übersetzung an allen Ecken deutlich:

Als sie sich wieder eingekriegt hatten, ergriff einer von ihnen, ich glaube, es war Dick, das Wort. // Repuestos, uno de ellos habló, tal vez fue Dick. Silbenzahl 25 : 15, und das Spanische ist ja nicht eigentlich silbenarm.

Kafka hätte, einfach seiner eigenen Sprache folgend, an dieser Stelle und an vielen anderen sicher besser übersetzt. Die bei schwachen Kenntnissen der spanischen Sprache mühevolle Lektüre im Original ist lohnend, der Nichtiberer kann allerdings, über den Übersetzungsvergleich hinaus, kaum die inneren Abgrenzungen gegenüber anderen Formen im Gebrauch des Idioms abschätzen, die erst eine wirkliche Bestimmung der Sprachführung Onettis erlauben.


Die Romanhelden beider Autoren leben in halluzinierte Welten, mit zum Teil vergleichbaren Realien ausgestattet, etwa den schmutzigen Kaschemmen voller Trunkenheit und Geschlecht. Kafkas Gerichtsgebäude und Schloß entsprechen bei Onetti Werft und Stauwerk. Der Zug zum Wasser ist unverkennbar. Lloverá siempre sind die letzten Worte im letzten Buch des Autors. Kafkas bis zum Schluß eigentlich immer munteren und unverzagten Helden bewegen sich in trockener Luft und stoßen sich an harten Türen. Böhmen ist ein Land ohne Ahnung vom Meer, und auch die seine Heimatstadt durchfließende Moldau hat Kafka offenbar nicht besonders beschäftigt. Uruguay ist demgegenüber ein gesichtsloser Landfleck an der riesigen Mündung des Plataflusses, el Río Negro parte el país casi exactamente, en mitades, la parte norte era para Brasil y la parte del sur para los argentinos. Santamaría, die von Onetti für seine Helden Brausen, Larsen, Díaz Grey und schließlich Juan Carr geschaffene Stadt, ist mit allem Nachdruck eine Stadt am Wasser. Der Eilfertigkeit der Kafkaschen Helden in trockener Luft entspricht eine sumpfige Lethargie: Me eché vestido en la grande cama para mirar, bocarriba, inmovíl, con las manos juntas sobre el vientre, la evolución del sol en el piso y en las paredes.

Una literatura de bondad. Auch die Güte Gottes, wenn es die denn geben sollte, kann man sich nur als sehr diffizil vorstellen, andernfalls wäre sie gänzlich unangebracht und nur albern. Niemand kann vernünftigerweise in schlichter Güte über unserer Welt thronen, in dem Zustand, in dem sie ist. Onetti, als der souveräne Herr des von ihm geschaffenen Santamaría, steht vor annähernd gleichen Schwierigkeiten. Esa ciudad condenada desde su nacimiento me interesa mucho sin llegar a querer la desmasiado. Das gilt wohl in beiden Richtungen, der Schöpfer kann seine Geschöpfe nicht über die Maßen lieben und die ihn nicht. Das hält auch die Leser im Zaum in ihrer Leidenschaft, vor übermäßiger Liebe ist aber ohnehin immer wieder gewarnt worden und inzwischen, in kühler Zeit, scheint sie weitgehend besiegt.

Yo nunca me emborracho. Podría tomar y tomar, mucho mas que esto, toda la noche, y sería lo mismo. Juan Carr heißt der Held und Icherzähler des Buches, Juan Carlos Onetti, Juan Carrrh ... so als sei dem Autor der eigene Name, den er einschreiben wollte in das Buch, schon nach wenigen Silben im Tabak- und Alkoholhusten erstickt. Auf diese Weise hat er ein letztes Mal die von ihm geschaffene Welt betreten, hat die Tür hinter sich geschlossen und ist nicht wieder hervorgekommen. Aus Santamaría werden keine verläßlichen Nachrichten mehr zu uns gelangen.

Samstag, 7. März 2009

Phillies

Gelesen: Philippe Besson, L’arrière-saison

Eins von vielen Beispielen, ausgewählt nach dem Zufallsprinzip: Nihgthawks (1942) verbildlicht das gebrochene Verhältnis des Menschen mit seiner Umgebung: Am Rande einer menschenleeren Straße entsteht die einzige Helligkeit durch das künstliche Licht einer Eckbar. Die klaren trennenden Linien und starken Farben rufen den Eindruck von entfremdeten Individuen in einer lebensfeindlichen Stadt hervor. – Seitdem das Wort von der Entfremdung in der Welt kam, ist eine nicht geringe Fraktion der Menschheit damit beschäftigt, es wahllos nach allen Seiten auszuschütten, mit allem Vorzug aber auf das Werk des amerikanischen Malers Edward Hopper. Hopper erfaßt seine Figuren nicht in Augenblicken hitzigen Wortwechsels oder übermütiger Luftsprünge, aber wem oder wovon entfremdet sie das? Der katalanische Prosagroßmeister Josep Pla hat den Anspruch auf das Taedium Vitae, das keine Koexistenz mit Bocksprung und Wortschwall kennt, als eines der zentralsten Menschenrechte reklamiert, weil nur in diesem Zustand die Welt in ums wahrhaftig zu sich kommt. Hopper bestätigt diese Wahrheit nachhaltig, wenn überhaupt müßte man bei ihm von Ententfremdung sprechen.

Philippe Besson ist es daher unbedingt zugute zu halten, wenn er aus dem Hopperbild, ohne sich irgend um Entfremdung zu kümmern, eine muntere Geschichte löst, um sie uns zu erzählen, die Geschichte von Louise, Stephen, Norman und Ben. Aber eigentlich brauchen wir sie nicht, diese Geschichte, denn es kann ja kein Zweifel sein, wer die rothaarige Frau und ihr Begleiter in Wirklichkeit sind: Linda Loring und ihr Ehemann, Philip Marlowe. Sie haben den Abend im El Paradiso verbracht, einem Etablissement in der Hand mafiöser Gestalten, halb Recherche, halb waren sie nur froh miteinander. Jetzt sitzen sie im Phillies und trinken noch eine Tasse Kaffee. Ihre Anwesenheit stört ihn nicht, beflügelt ihn vielmehr beim Nachsinnen und Kaffeesatzlesen, sie ist nicht im geringsten belästigt vom Schweigen.

In diesem Bild hat Hopper eine bestimmte Schicht der Chandlerspiritualität freigelegt und in eine andere Ausdrucksform zu transponiert, nicht weniger genial als Howard Hawks das mit seiner Verfilmung des Big Sleep getan hat. Hawks kümmert sich um das Tempo der Aktion und der Dialoge, Hopper um den Marlowe, der sich gern in die Position des einsamen Schachspielers begibt, und dessen Blick dann vorbeigleitet an den Chessmen hin zu dem verborgenen Geheimnis, das er zu einem nicht geringen Teil zutage fördern wird. Die Chessmen stellt er als verheirateter Mann jetzt aber wohl nur noch selten auf. Chandler hat von dem Roman über den verheirateten Marlowe nur wenige Seiten hinterlassen, aber jeder kann ihn zuende schreiben, der die Worte hat und es versteht, sich in Hoppers Bild zu vertiefen. Robert Parker hat es getan in einer Weise, die alle Achtung verdient, daß er sich dabei auf Hopper gestützt hätte, ist allerdings nicht verbürgt.