Mittwoch, 18. November 2009

Befreiungstheologie

M. legte im Rahmen der Synode eine zwar nicht überbordende aber doch für alle Teilnehmenden ohne weiteres ersichtliche Promiskuität an den Tag, es schien sich um einen Teil ihres theologischen Verständnisses zu handeln, Befreiungstheologie eben. Daß ich nicht interessiert war, nahm sie mir in keiner Weise übel. Es könne mich nicht überzeugen, so führte ich aus, daß die Kirche sich einzumischen habe, gemeint war natürlich das Feld der Politik, solange von Politikern und Vertretern aus Wirtschaft und Finanzwelt keine Statements zu Christologie und Pastoraltheologie erwartet würden. Alles eine Frage des Stolzes. Wer sich einzumischen habe und wer nicht, zeige lediglich, wie die Macht- und Bedeutungsverhältnisse inzwischen liegen, wer wem nachstiefeln muß, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden in der Öffentlichkeit. Zu einer angemessenen Vertiefung dieser Fragen kam es aber nicht, da M. immer wieder von diesem und von jener Synodalen im Vorbeigehen angesprochen und abgelenkt wurde in dieser Sitzungspause. Vielleicht ist Promiskuität auf Synoden der gebotene wenn nicht einzige Weg zu ungestörten Zweiergesprächen über Fragen der theologischen Theorie und pastoralen Praxis.

Mittwoch, 4. November 2009

Daneben

Ich wende mich ab, ich verlasse die Gehsteige der Welt ....

Luhmanns berühmter Satz, wonach wir alles, was wir über die Welt wissen, aus den Medien wissen, erklärt noch nicht, was wir erfahren und auf welche Weise und was mit uns dabei geschieht. Da alles, so kann man annehmen, in keinem Fall wenig ist, mag die immer wieder genannte übermäßige Informationsflut in den Sinn kommen, ein Reichtum, dem wir nicht gewachsen sind, scheint es. Aber so viel wir in der Tat an einem Medientag hören und sehen müssen in den Zeitungen und aus den Rundfunkanstalten, es scheint am Abend nur wenig, fast nichts gewesen zu sein, alles auf der gleichen Ebene, auf einem Gebiet, kaum größer als ein Fußballfeld, und zumal die Gegensätze – Steuern rauf oder Steuern runter, rein nach Afghanistan oder raus aus Afghanistan, dafür oder dagegen – von einer Art, bei der die Einheit der Differenz immer in ermüdender Reich- und Sichtweite bleibt. Und all das wird vorangetrieben von einer großen, in der Sprachform der Gutrede gestalteten Welle der Selbstaffirmation, in der Kritik in der dominierenden flachen Bedeutung des Begriffes nur mittreibt. Autoren wie Luhmann werden zu Rettern, die uns herausholen aus dem ungemütlichen Treiben. Ab und zu aber reicht auch das nicht und es wird nach der noch stärkeren Medizin verlangt von Leuten wie Gómez Dávila oder Emil Cioran, die ganz und gar daneben stehen.

Beläßt man es in diesem Zusammenhang bei den beiden, so ist unmittelbar wohltuend, daß sie auf den ersten Blick, bis auf den Umstand, daneben zu stehen, wenig miteinander gemein haben, wir können daher hoffen, es gibt unendliche Möglichkeiten, daneben zu stehen. Dávila, ferventer Christ und Katholik von einer Ungerührtheit, die auch den Papst das Fürchten lehren kann, Cioran, Sohn des Metropoliten von Hermannstadt, fast immer auf nicht ganz übersichtlichen Feldzügen gegen die Religionen und bevorzugt das Christentum. Angriffe werden gegen das Alte Testament gefahren: L’injonction criminelle de la Genèse: Croissez et multipliez – n’a pu sortir de la bouche du dieu bon. Soyez rares, aurait-il plutôt suggéré, s’il avait eu voix au chapitre. Jamais non plus il n’a pu ajouter les paroles funestes : Et remplissez la terre. On devrait, toute affaire cessante, les effacer pour laver la Bible de la honte de les avoir recuellies. Nicht weniger heftig fährt er gegen das Neue Testament : L’incarnation est la flatterie la plus dangereuse dont nous avons été l’objet. Elle nous aura dispensé un statut démesuré hors de proportion avec ce que nous sommes. En haussant l’anecdote humaine à la dignité de drame cosmique, le christianisme nous a trompé sur notre insignifiance. - Nicht der verbreitetste Vorwurf gegen das Dreigespann der Christengötter, der eher darauf zielt, daß der gute Initialeinfall des Paradieses schon bald drangegeben wurde, aber eine Vorwurfshaltung, die durchaus auch ihre Jünger hat, der in diesen Tagen versotrbene Claude Lévi-Strauss, um nur einen zu nennen, hätte wohl unterschrieben. Und noch der kleine vergiftete Leckerbissen für alle Christen, die Bach lieben: Wenn es einen gibt, der Bach alles verdankt, dann ist es Gott. Hätte Blumenberg das als sogenanntes Abstract seiner Matthäuspassion akzeptieren können ? - Wenn Cioran allerdings festhält: C’est parce qu’il ne peut plus détester les autres religions, c’est parce qu’il les comprend, que le christianisme est fini: la vitalité dont procède l’intolérance lui fait de plus en plus défaut. Or, l’intolérance était sa raison d’être. Pour son malheur, il a cessé d’être monstrueux – mag er den alten Boden beschreiben, den Dávila mit gutem Grund nicht verlassen will, auch wenn er ihn natürlich ganz anders beschreibt.

Updike hat Cioran einen frustrierten Mönch genannt, ohne sich allerdings im Romanwerk unmißverständlich als Kenner des Mönchischen auszuweisen. Cioran selbst bezeichnet sich als Mönch ohne Gottes-Hypothesen und ohne den Hochmut dessen, der einsam dem Laster frönt. Der Mönch ist also unbestritten, das Epitheton aber vielleicht nicht besonders treffend, eher der vergessene, der verlassene Mönch, der Mönch daneben. Der Mönch hat seinen Platz nicht verlassen, aber Gott und die Welt haben sich weggedreht. Aus dem guten Gott ist der mauvais démiurge geworden, les horreurs dont l’univers regorge font partie intégrante de la substance, sans elles il cesserait physiquement d’exister.

The turn of the screw zum Nihilismus, aber im letzten Augenblick stockt die Drehung: Comment concevoir qu’une prière soit autre chose qu’un monologue, qu’une extase ait une valeur au-delà d’elle-même, que notre salut ou notre perte importe à un dieu ? Et cependant c’est ce qu’il faudrait pouvoir admettre, ne fut-ce qu’une seconde par jour. In diesem schmalen Raum vor der Vollendung der Drehung verbringt Cioran sein Leben, rasend, und nicht immer ist klar, in welche Richtung er dreht. Nous sommes tous au fond d’un enfer dont chaque instant est un miracle. Der Mönch ist kein Menschenfreund, eher ein unangenehmer Zeitgenosse: Quand je passe des jours et des jours au milieu des textes où il n’est question de sérénité, de contemplation, l’envie me prend de sortir dans la rue et de casser la gueule au premier passant. Und von der Zeitgenossenschaft hat er auch eine eigene Meinung: Qu’est-ce qu’un contemporain? Quelqu’un qu’on aimerait tuer, sans trop savoir comment.

Ciorans Gedanken sind von der Art, wie sie die Werke der Dichter tragen, ausgesprochen aber die Textur der Dichtung verletzten würden. Genau an dieser Stelle, knapp unter der Oberfläche der Dichtung, übernimmt Cioran die Angelegenheit zur weiteren philosophischen Bearbeitung, wen kann es dann wundern, wenn Paul Celan den Précis de décomposition als Lehre vom Zerfall ins Deutsche übertragen hat. Sebalds Werk etwa ist, wenn man so will, voller verdeckter Cioranismen, mit Beckett, jeder auf seiner Seite, hat Cioran sich unmittelbar verstanden, in Valéry hat er einen illegitimen Grenzgänger zwischen Dichtung und Philosophie gesehen.

Dávilas Scholien werfen ungerührt Steine in den Weg, Tausende, oft hat man nichts als einen Schmerz im Fuß, nicht weniger oft aber blitzt es auf im Kopf, Cioran schüttelt jeden Kragen, dessen er habhaft werden kann, und anschließend findet der Geschüttelte die alte Blickrichtung nicht wieder.

Seine ersten sechs Bücher hat Cioran in rumänischer Sprache verfaßt: Pe culmine disperarii. De ce nu putem ramine inchisi noi insine? De ce umblam ... Jede Menge für die Tastatur schwer aufzufindender diakritischer Zeichen müßten ergänzt werden, romanisch, alles scheint zum Greifen nah, und verschwindet doch im Nebel, wenn man diese Sprache nicht ausdrücklich erlernt hat. Weit und breit sehe ich nichts als lauter von Idealen durchdrungenes Vieh, das sich zusammenrottet, um seine Ideale herauszublöken. Auf der Suche nach einem wahrhaft Einsamen schreite ich die Jahrhunderte ab - und finde nur den Teufel, kann nur auf ihn eifersüchtig sein. Alles, was wir über die Welt wissen, wissen wir aus den Medien, die Erfahrung des Nichts aber ist unsere eigene.


Montag, 5. Oktober 2009

Philosophieren


Die junge, in New York ansässige Philosophin, bisheriger Vorzugsbereich Philosophie der Architektur in der Nelson Goodman-Nachfolge – als ehemalige königliche Stipendiatin verfügt sie im königlichen Eislaufpalast zu Madrid über ein uneingeschränktes philosophisches Rederecht – hatte sich für einen Besuch angemeldet zu einer Zeit, als ich mich gerade ganz und gar in die Schriften Emil Ciorans versenkt hatte. Goodman und Cioran, da konnte ich beim besten Willen und bei aller Anstrengung einen Berührungspunkt nicht feststellen, aber es war mir gelungen, in der Fachwelt jemanden aufzutreiben, dem es, wie er angab, ein Leichtes war, hier die Einheit der Differenz mit feinem Strich nachzuzeichnen. Zu diesem nicht ganz geringfügigen Ereignis waren kurzerhand auch die Eltern der jungen Philosophin eingeflogen, eine große Freude und keineswegs eingetrübt dadurch, daß die Handwerker entgegen ihrer Zusage nicht fertig geworden waren und das Haus nach wie vor besetzt hielten. In einem großzügigen Landschaftspark vertrieben wir uns paarweise oder in kleinen Gruppen - weitere hatten sich hinzugesellt – mit gefällig leichtem Philosophieren, jeder ein Platon, jede ein Aristoteles oder einer der anderen, wie Raffael Santi sie uns im Bild überliefert hat, anmutig die Zeit wie schon letztes Jahr in Marienbad. Ich kann mich nicht entsinnen, den Vortrag dann noch gehört zu haben, die Brücke von Goodman zu Cioran ist nach wie vor ein unbekanntes Gelände.




Bridge over Troubled Water

Sonntag, 4. Oktober 2009

Herta M.

Von den deutschsprachigen Autoren haben einen Nobelpreis erhalten: Mommsen, Eucken, Heyse, Hauptmann, Spitteler, Thomas Mann, Hesse, Nelly Sachs, Böll, Canetti, Grass, Elfriede Jelinek und jetzt Herta Müller. Nicht bekommen haben ihn: Kafka, Musil, Robert Walser, Celan, Brecht, Benn, Bernhard, Sebald. Wirft man alle heraus aus der ersten Liste bis auf Thomas Mann, ohne den es nun einmal nicht geht, und fügt die von der zweiten Liste ein, stehen wir deutlich besser da vor den Augen der Welt. Vielleicht dürfen auch Hauptmann und Canetti bleiben, das muß man sich genau überlegen. Daß Böll immer so ein guter Mensch war, darf uns nicht beeindrucken. Aber eine Frau muß her. Über eine Virginia Woolf, die den Preis naturgemäß auch nicht erhalten hat, verfügen wir nicht, die Jelinek kann ihn auf keinen Fall behalten, über Nelly Sachs ist hier wenig zu sagen, wie ist es also mit Herta Müller? Da sie den Preis gerade erst bekommen hat, würde ihr die Rückgabe ohnedies besonders schwer fallen.
BlocksatzDie Erinnerung an Aufenthalte in den realsozialistischen Ländern, in Ceausescus Rumänien ist eingelagert in das Bild betonierter Flächen, durch die die Vegetation bricht, Ruderalflächen, Ödland. Die Stauden, die Halme verkrüppelt und verdreckt, dann wieder von hartnäckiger, schmerzhafter Schönheit. Wo Schutt liegt, wo alles rostet, zerbricht und zerfällt, blüht die Clematis am schönsten. Hebt man den Blick, Wohnkäfige am Horizont für die Massenmenschhaltung und dahinter irrwitzige Paläste und die stillen Straßen der Macht, wo der Wind, wenn er anstößt Angst hat. Es ist, als würde Herta Müllers Prosa dieses Erinnerungsbild unmittelbar aufnehmen. Sie erzählt von Betonplattenschicksalen, zubetonierten Menschen und durch die aufgebrochenen Sätze dringen unaufhaltsam die Metaphern vor, verkrüppelt und eingestaubt, dann wieder von schmerzhafter Schönheit.

Im Bukarester Hotel stand ein Fernsehapparat, am Abend zwei Stunden Sendezeit, leerer als das Nichts, nur ein Hauptdarsteller, der Mann mit der Stirnlocke, der Mann mit den silbernen Gehirnzellen, der geliebteste Sohn des Volkes, eine Hauptdarstellerin nur, die geliebte Frau des geliebtesten Volkssohns, des Mannes mit der Stirnlocke. Aus der Auslage des Buchladens schauetn nur zwei Autoren, der Mann mit der Stirnlocke, der Mann mit den silbernen Gehirnzellen, der geliebteste Sohn des Volkes für die Sozialkunde und den Rest der Kulturdisziplinen, seine geliebte Frau für die Chemie und sonstigen Naturwissenschaften. Die Stirnlocke glänzt. Sie sieht jeden Tag ins Land. Der Bilderrahmen des Diktators ist jeden Tag in der Zeitung so groß wie der halbe Tisch. Unter der Stirnlocke ist das Gesicht wie beide Hände, wenn Adina sie auf den Handrücken nebeneinander legt, geradeaus ins Leere sieht und den eigenen Atem wieder verschluckt. Die Angler fischen ertrunkenes Gras aus dem Fluß, zerfressene Socken und verquollene Unterhosen. Und einmal am Tag, wenn die Ruten krumm und die Schnüre von Grund besoffen sind, einen schmierigen Fisch. Es könnte eine tote Katze sein.

Den Preis, so wie er ist, darf Herta M. in jedem Fall behalten, daran ist nicht zu rütteln, und vielleicht darf sie sogar daran denken zurückzukehren zu denen auf der anderen Seite, die den Preis nicht erhalten haben - zu Kafka, Musil, Robert Walser, Celan, Brecht, Benn, Bernhard, Sebald, Virginia Woolf - und die, wer weiß, schon darauf warten, sie als die ihre zu begrüßen.

Samstag, 3. Oktober 2009

Ein Sterben

nox est perpetua una dormienda

Das Leiden der Tiere sei der größte Skandal der Religionen, schreibt Leszek Kolakowski, ihr Tod ein kaum geringerer, muß man hinzufügen, wenn man sie, die Tiere, denn von den Möglichkeiten eines Lebens nach dem Tode ausschließt, um Himmel und Hölle nicht auch mit ihnen noch zusätzlich zu der maßlosen Menschenzahl zu belasten. Da lag er nun auf dem Metalltisch. Fünf, schon fast sechs Stunden hatten die kleinen Beine gerudert, von Krämpfen angetrieben, hechelnd, so als wolle er, auf der rechten Seite liegend, dem Tod doch noch enteilen, das linke Hinterbeinchen aber lag nach oben angezogen still die ganze Zeit. Die massive Überdosis eines Schlafmittels hatte zu einer augenblicklichen Befriedung geführt und wenig später nur, übergangslos und nicht erkennbar, in den Zustand, in dem man in einem wahrhaft gewaltigen und fassungslosen Frieden ruht.


Siebzehn, vielleicht achtzehn Jahre sind es her, daß wir sie - denn es handelte sich um ein weibliches Tier, das ursprünglich auf den Namen Rieke ebenso willkürlich und selbstbestimmt hörte und nicht hörte wie später auf den Rufnamen Dackel (wie bei Orlando ließ sich das kulturelle Geschlecht nicht fixieren) – daß wir sie also das erste Mal gesehen hatten in einem größeren Rudel unterschiedlicher Hunde, edle Tiere, Rasseexemplare, ein Bernhardiner, ein Schäferhund, wenn ich es richtig erinnere, andere noch und ergänzend ein Wesen, bei dem es sich offenbar um eine riesenhafte zottige Kellerassel handelte, Rieke eben, eine Pudel-Dackel-Mixtur, wie später in den offiziellen tierärztlichen Annalen und auch auf dem Totenschein festgehalten wurde. Selbst war sie offenbar von ihrer extrem niedrigen, mißgeburthaften Bauweise nicht auf das geringste beeindruckt oder gedämpft worden und forderte von unten herauf nachdrücklich ihre Rechte ein, ohne den gegenläufigen Begriff der Pflicht auch nur ansatzweise begreifen zu wollen. Wenig später war sie dann für lange Jahre unser Familienmitglied geworden.

Sie war uns, wir waren ihr so nah und doch so fern in der anderen Welt. Vieles unterschied sie von anderen Hunden. Anders als Bauschan war sie an der Jagd kaum interessiert, umso weniger an dem zivilisierten Jagdsurrogat nach geworfenen Holzscheiten. Auf der Höhe noch jugendhafter Kraft mochte sie dem Werfer zu Gefallen ein niedriges Grundinteresse vortäuschen, im reifen Alter rief bereits das bei den Artgenossen beobachtete eitle Treiben ihr deutliches Mißfallen hervor. Dabei war sie des wilden Rennens durchaus fähig bis vielleicht in das vorletzte Jahr ihres Lebens und oblag ihm gern mit vom Fahrtwind rückwärts getriebenen Bart und ungezügelt fliegenden Ohren. Die Verantwortung für den Zusammenhalt von Wandergruppen übernahm sie ungefragt und stante pede, nicht nur für den Familienverband, sondern auch für größere Trupps von fünfzig Mann und mehr, ihr überwiegend völlig unbekannt, unter ständigem Galopp von der Tête zur Nachhut und zurück bei trauriger Nichtbeachtung des aufopfernden Tuns durch die Mehrzahl der Marschierenden, und wenn sich die Marschkolonne dann gar entgegen allem wölfischen Verhalten aufteilte in mehrere Untergruppierungen, wollte es ihr schier Leib und Verstand zerreißen. Wanderungen als solche sind ihr immer nur sinnvoll erschienen wegen der zwischenzeitlichen Nahrungsaufnahme und bald schon hatte sie alle nur denkbaren und irgend in Betracht kommenden Picknickplätze des Eifel- und Ahrgebirges in ihrem winzigen Schädel kartographiert, um sie mit herausfordernd auf uns gerichteten Blick zu verbellen.

Nach der Kilometerzahl haben die kurzen Beinchen sie sicher mehrfach um den Erdball getragen, und nach der Zahl der absolvierten Schrittchen fragt man sich besser erst gar nicht. Anweisungen schon immer wenig zugänglich, war ihr eine einsetzende oder vorgetäuschte Altersdemenz willkommener Anlaß für eine genüßliche Übertretung aller bis dahin geltenden Tabus, nicht selten auch zum eigenen Schaden, denn, zusätzlich begünstigt durch Taub- und Blindheit, kam sie vermehrt abhanden, so daß schließlich zu ihrer nicht geringen Verstörung auf das sinnreiche Instrument einer retroflexen Leine zurückgegriffen werden mußte. Die Küche, für lange Jahre das Tabu schlechthin, wurde schließlich zum bevorzugten Aufenthaltsraum.

Da lag er nun, der Dackel, auf dem tierärztlichen Metalltisch, genauso, wie er oft schlafend auf dem Teppich gelegen hatte. Fünf, schon fast sechs Stunden hatten die kleinen Beine gerudert und würden sich nun nie wieder mehr bewegen, die enorme Kilometerlebensleistung nicht mehr steigern. Das kleine, eifrige, widerborstige Leben war ausgelebt. Der Leichnam würde in den Kühlraum wandern und später entsorgt werden. Was für eine Zeit noch bleibt, ist die Erinnerung in den Köpfen einiger Menschen, über die caninen Kumpanen weiß man in dieser Hinsicht wenig. Nicht das geringste Indiz, wohin man auch schaut, bei uns Menschen würde es anders sein mit dem Sterben und dem Tod. Kein Wunder, wenn die Frommen und nicht weniger die Anbeter von Demokratie und Menschenrechten sich die Tiere gern vom Leib halten, wollte man sie einbeschließen in das traute Verhältnis von Mensch und Gott oder in den autistischen Kreis der menschlichen Selbstvergötterung, müßten die Karten völlig neu gemischt werden, und wer will sich schon stören lassen bei den gewohnten Spielen.

Sonntag, 2. August 2009

Im Turm der Dichter

Blocksatza hundred floors above me
in the tower of song


Bevorzugt am Beispiel und Sündenbock Martin Walser hat sich Reich-Ranicki gern immer wieder den Spaß erlaubt, das eine Werk in den Himmel zu preisen, um das nächste zu verdammen, und so fort, so als hätten die Dichter kein Dasein zwischen ihren Werken und würden jedesmal vom Straßenpflaster und der Grasnarbe aus wieder ganz neu beginnen ohne die geringste Prognose für den Ausgang. Tatsächlich aber wohnen sie auf einer bestimmten Ebene im Turm der Dichter, Franz Kafka hätte nie eine Zeile auf der Wohnebene von Franz Werfel schreiben können und in umgekehrter Richtung naturgemäß noch viel weniger der Franz Werfel, dessen Roman Verdi nicht mehr gelesen zu haben, vielleicht nicht der größte Verlust war, den der zu diesem Zeitpunkt nurmehr fünfundvierzig Kilo wiegende Kafka verschmerzen mußte. Das besagt natürlich nicht, die Produktion der Dichter würde keinen Schwankungen unterliegen.

Nehmen wir Virginia Woolf mit Wohnung ganz oben im Turm. Viele werden in The Voyage Out und Night and Day Vorübungen sehen, in Orlando einen Sonderfall. Die Behandlung der Zeit, ihre Wandlungen und Verheerungen, ist eines der auffälligsten Merkmale ihrer Prosa, the years changed things, destroyed things, all passes, all changes, she thought. Man mag zu der Einschätzung gelangen, daß diejenigen Werke die allergelungensten sind, in denen sie die Zeit bündelt und einsperrt in einen einzigen Tag, bei weit geöffneten Fenstern, durch die der Wind der Vergangenheit und der Hauch der Zukunft eindringen, daß also Mrs Dalloway, To the Lighthouse und Between the Acts vielleicht noch eine kleine Stufe höher zu stellen sind als Jacob’s Room, The Waves und The Years und selbstredend als Flush. In Between the Acts ist der Wurf vielleicht nicht ganz so groß, Mrs Dalloway ein reines Wunderwerk und To the Lighthouse mit dem einen Tag, der zehn Jahren später sich wiederholt und seinen Abschluß findet, ein Lichthaus von schlichtweg blendender Schönheit. Man schließt die Augen und weiß schon gar nicht mehr, liest man ein Buch oder hört man Kammermusik, vielleicht von Schostakowitsch - she lay there listening, she was happy, completely, time had ceased.

Die Dichter ganz oben im Turm dienen als Meßlatte für andere, meistens nicht zu deren Segen. Thomas Bernhard hat sich bekanntlich an einer Wiener Virginia Woolf namens Jeannie vergangen und auch sonst wüßte man im ganzen deutschsprachigen Raum keine zu nennen, die ohne Schaden an Leib und Leben auf diesen Stuhl gesetzt werden könnte. In Italien stößt man auf Natalia Ginzburg, eine andere und ausdrückliche Meisterin des Lessico famigliare – die Lexika der Levi (Lessico famigliare), der Ramsay/Stephen (To the Lighthouse), der Manzoni (La famiglia Manzoni), der Pargiter (The Years) - und auch das Stockwerk im Turm der Dichter dürfte in Ruf- und Klopfnähe liegen. Aber je höher im Turm, desto größer die Eigenart, die vergleichbare Höhe verbietet den die eine der anderen nachordnenden Vergleich, die italienische Virginia Woolf, die englische Vorläuferin der Natalia Ginzburg.

Südamerika benennt Clarice Lispector als die brasilianische Virginia Woolf, dann aber auch, wohl mit Hinblick auf die Kurzgeschichten, als brasilianische Katherine Mansfield, von der Hemingway wiederum meinte, ihre Geschichten würden, wenn man das klare Quellwasser der Erzählungen Tschechows gewohnt sei, schmecken wie Limonade. Und wiederum Virginia Woolf, als habe sie Tschechow eingeladen in ihre Romanwelt, um ihn zu befragen: When, she wanted to ask him, when will this new world come? When shall we be free? When shall we live adventourosly, wholly, not like criples in a cave? Anscheinend muß man sich den Turm der Dichter nicht als einen übersichtlichen Neubau vorstellen mit klarer Unterteilung der Stockwerke und Wohnbezirke, sondern eher wie in niederländischen Darstellungen den zerklüfteten Turm zu Babel, bei dem es letztenendes, sei es nun Zufall oder nicht, auch um die Sprache ging.

Clarice Lispector hatte 1944 im Alter von neunzehn Jahren mit ihren Erstlingsroman Nahe dem wilden Herzen einen Eintritt in die Literatur, der in der üblichen Kritikersprache und in diesem Fall völlig zu Recht als fulminant zu bezeichnen ist, schon arg fulminant, mag der eine oder andere denken, ein ganz erstaunliches Buch in jedem Fall, selbst kennt man Neunzehnjährige dieser Art nicht.

Die Brüste der Tante waren tief, man konnte die Hand hineinstecken wie in einen Sack und eine Überraschung herausholen, ein Tier, eine Schachtel, wer weiß was sonst noch. - Virginia Woolf? Eher schon als sei Clarice Lispector in der Ukraine, aus der sie bereits im Alter von zwei Monaten ausgewandert war, doch noch infiziert worden von Bruno Schulz. Bruno Schulz, der ganz oben ein kleines nur schwer auffindbares Zimmer bewohnt im Dichterturm, der einlädt zum ziellosen Herumschweifen mit seinen Korridoren und Treppen, die nirgendwo hinführen, mit den türlosen Räumen und Hallen, die von nie jemand zu betreten sind, mit Gängen, einmal links- und dann wieder rechts herum, und endlos geradeaus, unter vielen Türstöcken hindurch, über knarrende, provisorisch wirkende Holzstiegen, die hie und da von den Hauptgängen abzweigen und um einen Halbstock hinauf- oder herabführen in dunkle Sackgassen, an deren Ende Rolladenschränke, Stehpulte, Schreibtische, Bürosessel und sonstige Einrichtungsgegenstände übereinandergetürmt stehen, als habe jemand in einer Art Belagerungszustand ausharren müssen – Sackgasse und Stillstand, Anlaß, diese kleine Irrwegwanderung im Turm der Dichter für diese Mal abzubrechen.







Samstag, 1. August 2009

Jeśli Boga nie ma

He rose and stood in the bow of the boat, very straight and tall, for all the world, as if he were saying: There is no God.

No debemos concluir que todo es permetido, si Dios no existe, sino que nada importa. Los permisos resultan irisorios cuando los significados se anulan.


Falls es keinen Gott gibt, dieser Titel eines Buches des unlängst verstorbenen Leszek Kolakowski wird alle diejenigen neugierig machen, die befürchten, vermutlich ist es so, es gibt Gott nicht, daraufhin ihr metaphysisches Bedürfnis heimatlos sehen und in keiner Weise darauf vertrauen, der verabschiedete Gott habe der Menschheit mit Vernunft, Mündigkeit und ähnlichem zuguterletzt noch die passenden Werkzeuge hinterlassen, um ohne seine Hilfe zurechtzukommen.


Falls es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt. Dostojewskis bekannter Satz, dem der Titel des Buches entliehen ist, zielt vor allem auf die moralischen Konsequenzen, Kolakowski beschäftigt sich stärker noch mit den erkenntnistheoretischen: Falls es keinen Gott gibt, gibt es keine Wahrheit, sondern nur noch Verfahren und Methoden zur Erzeugung von Wahrheitssurrogaten, insbesondere die der Wissenschaft. Sobald die Möglichkeit zugelassen ist, daß es einen Gott nicht gibt, werden Glauben und Skepsis zu ontologischen Optionen, die sich selbst nicht beweisen und die Gegenposition nicht wegbeweisen können. Das ist nicht neu, aber die souveräne gedankliche Sorgfalt in der Demonstration Kolakowskis ist wohltuend.

Wenn also dergestalt ein intellektuelles Unentschieden zwischen der Skepsis und dem Glauben, der Vernunft der Aufklärung und den religiösen Gewißheiten oder, noch einmal anders, zwischen dem Profanen und dem Heiligen besteht, so ohne die notwendige Folge einer friedlichen und irgendwie gleichberechtigten Koexistenz. Nach langen Jahrhunderte einer Dominanz der Gottesleute und des Heiligen triumphiert jetzt im nur noch zaghaft christlich genannten Europa die andere Seite. Die Aufklärung ist in ihren Methoden des Machterhalts inzwischen deutlich freundlicher als das Christentum zur Zeit der Inquisition, allerdings von einer besonderen Durchtriebenheit, wenn sie ihre gesamte Produktpalette - Demokratie, Menschenrechte, Emanzipation, EU, UNO, Schulpflicht, Ganztagskinderstätten – als neutral, gar nicht von ihr entwickelt, sondern, in einem seltsamen Crossing, gleichsam als gottgewollt darstellt, als gottgewolltes Endziel. Und tatsächlich ist die Aufklärung kaum vorstellbar ohne den Anschub des Christentums, derjenigen unter den Abrahamsreligionen mit der stärksten Tendenz zur Selbstsäkularisierung, vorgegeben in der Figur des menschgewordenen Gottessohns. Gleichzeitig werden die Bemühungen immer deutlicher und heftiger, dem Demokratieprinzip und den mit ihm verbundenen Werten, im Sinne ihrer gottlosen Autarkie, eine eigentümliche profane Sakralität zu verleihen.


Kolakowski versucht nicht, Proselyten von der einen auf die andere Seite abzuwerben, zu spüren ist aber eine gewisse Vorliebe für die Position der derzeit Schwächeren. Ähnliches mag Habermas durch den Sinn gegangen sein, als er vor einigen Jahren, überraschend und zum gelinden Entsetzen seiner Anhänger, die mit leichtem metaphysischen Gepäck, zu denen er sich selbst zählt, zu mehr Rücksicht auf die mit schwerer Last aufforderte. Fairneß mag der ihn leitende Begriff gewesen sein, schon als Kinder haben wir es mit den Indianern gehalten. Bei Kolakowski kommt hinzu, daß er die Stärken des Kommunismus lebensnah genossen hatte und die fundamentale Dichotomie zwischen dem prometheischen Atheismus und der Religion, als der Lehre vom immer scheiternden Menschen, sieht. Er scheitert mit oder ohne Gott, aber vielleicht nicht auf die gleiche Weise.

Todo es trivial si el universo no está comprometido en una aventura metafízica - Anders als Gómez Dávila, der hier aushelfen muß, geht Kolakowski auf die ästhetische Seite des Gottesverlustes nicht unmittelbar ein, streift sie aber, wenn er in den Mystikern die hellsten Sterne am geistigen Firmament der christlichen Kirche sieht. Dabei sieht er eine eigentümliche Konvergenz in der kognitiven Haltung des radikalen Mystikers und des radikalen Skeptikers, verkörpert in den Gestalten Wittgensteins und des Nikolaus Cusanus. Niklas Luhmann hat sich immer wieder gern mit dem Namensvetter aus Kues abgegeben: wenn Gott in der gleißenden Helle der mystischen Erkenntnis verschwindet, wird die unablässige Arbeit der Systeme sicht- und hörbar, und in den windstillen Nächten geht ein ständiges Huschen und Rascheln durch das ausgetrocknete Gehäuse der gottverlassenen Welt, und bisweilen erhebt sich auch ein aus Tausenden von winzigen Kehlen gepreßter pathetischer Gesang.

Falls es keinen Gott gibt – Kolakowski gibt keine Verhaltenslehren für den Katastrophenfall. Wenn man die Romantik als eine von metaphysischer Sehnsucht getragene Reaktion auf den sich abzeichnenden Gottesverlust versteht, sieht man sich berechtigt, auf Rüdiger Safranski und seine überraschende aber auch gewinnende Zweisphärentheorie überzuspringen: Das Romantische ist phantastisch, metaphysisch, versucherisch, überschwenglich, abgründig. Politik sollte sich auf das Prinzip der Verhinderung von Schmerzen, Leid und Grausamkeit gründen. Wir brauchen beides, die Abenteuer der Romantik und die Nüchternheit einer abgemagerten Politik. Wenn wir die Vernunft der Politik und die Leidenschaft der Romantik nicht als zwei Sphären begreifen und stattdessen die bruchlose Einheit wünschen, dann besteht die Gefahr, daß wir in der Politik ein Abenteuer suchen und der Kultur dieselbe soziale Nützlichkeit abfordern wie der Politik.

Eine verordnete Schizophrenie für die Individuen also, und wenn wir mit einfacher Zweiteilung davonkommen, können wir noch froh sein. Der Gottesglaube aber verliert gerade für den Skeptiker jeden Wert, wenn er sich einseitig und, wie Kolakowski schreibt, unterwürfig gegenüber den Forderungen der Moderne ganz auf die Seite der abgemagerten Politik schlägt. Menschgeworden hat der XRISTOS sich schon weit vorgewagt, mit einem bekannten Politiker, und sei es Obama, hat er in Grünewalds Erfassung zumindest keine Ähnlichkeit.