Donnerstag, 30. Juni 2016

Inhaltsübersicht

Varia alphabetisch

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Städtebilder

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Bibel und Literatur

New York nicht unähnlich

Der Leichtsinn des Künstlers

The Immanent Frame

Säkularisierung

Unter dem Farn

Fragen des Stils

El que hem menjat 

Prust, Marselj

In die Stadt

Nach dem Rennen

Zweifel an der Hölle

En el ricón de una iglesia

In der großen Stadt

Bild einer Ausstellung

Hohes Laufgitter

Freude

Jed Le Strange

Ein großer Dichter

Archimedes

Säulenheilige

Les jours et les plaisirs

Versandcouvert

Blick ins Wasser

Tauromachie

Europäische Neuordnung

Pyrenäenmütze


Creuza de mä

Tenente Drogo

Das Antlitz der Dichter

Catalunya

Sancho Pansa

Dear Heather

Artes

Portbou

Klangfarbe

Thinking Hard and Having Fun

Ká kaákakaá kaákaá

Zivilgesellschaft

La douce France

Die Wahrheit im Kaukasus

Mit den Händen

NYC

Im Roggen

Verstetigung

Hier die Prärie und dort die Steppe

Fuchs mit Stacheln

Salinger Le Strange

Leben in der Metapher

Zu Gast bei Joseph de Maistre

Die nächste Stadt

Weisheiten

Befreiungstheologie

Daneben

Philosophieren

Herta M.

Ein Sterben

Im Turm der Dichter

Jesli Boga nie ma

Plaisir

Kynokyriologie

Weiter, ihr Wellen, ihr wellen

Stör auf die Welt in ihrem Dunkel



Damals

Grand Prix

Gießereitechniken

Theaterkämpfe

Pupuseh

Treballo d'advocat

Migration

Ná beidh ár leithéidi arís ann

Kenkitsatatsiria

Die Ausgewanderte - Stadt

Die Ausgewanderte - Landschaft

Die Ausgewanderte

Una literatura de bondad

Phillies

Das letzte Kapitel

Papusza

Der Trichter

Hudannit

Kakophonie im Dreiklang

Abstieg ins Tal

Laboratorien

Gewohnheitsrecht

Homunculus

Im Schloßpark

The Missing Christ


Descartes

Der Schatten

Fontane

Terres des Hommes

Kafka

Lemberg sehen

Updike

Im Parador

Handschmeichler

Navegar pelo rio Amazonas

Proust

Great Balls of Fire

Kafka z'Bärn

An der Kennedybrücke

ABBA

Vezelay

Dornröschen

Heimwärts von Spitzbergen

Tschechow

Sarkozy

Mittwoch, 29. Juni 2016

Varia alphabetisch


ABBA
Abstieg ins Tal
Alma Ata
Amiens 
An der Kennedybrücke
Andischan
Archangelsk 
Archimedes
Artes

Batumi
Befreiungstheologie
Beslan
Biarritz
Bibel und Literatur 
Bild einer Ausstellung
Blick ins Wasser
Bucharest

Catalunya
Creuza de mä

Damals
Daneben
Das letzte Kapitel
Dear Heather
Der Leichtsinn des Künstlers
Der Schatten
Der Trichter
Descartes
Die Ausgewanderte
Die Ausgewanderte – Stadt
Die Ausgewanderte - Landschaft
Die nächste Stadt
Die Wahrheit im Kaukasus
Dornröschen
Drogobytsch

Ein großer Dichter
Ein Sterben
En el ricón de una iglesia
El que hem menjat


Fontane
Fragen des Stils
Freude
Fuchs mit Stacheln

Gewohnheitsrecht
Gießereitechniken
Grand Prix
Great Balls of Fire

Handschmeichler
Heimwärts von Spitzbergen
Herta M.
Hier die Prärie und dort die Steppe
Hohes Laufgitter
Homunculus
Hudannit

Im Parador
Im Roggen
Im Schloßpark
Im Turm der Dichter
In der großen Stadt
In die Stadt

Jed Le Strange
Jelgava
Jenakijewo 
Jesli Boga nie ma

Kafka
Kafka z’Bärn
Ká kaákakaá kaákaa
Kakophonie im Dreiklang
Kenkitsatasiria
Klangfarbe
Kynokyriologie

Laboratorien
La douce France
Leben in der Metapher
Lemberg sehen
Leninabad
Les jours et les plaisirs

Megri
Migration
Mit den Händen

Ná beidh ár leithéidi arís ann
Nach dem Rennen
Navegar pelo rio Amazonas
New York nicht unähnlich
NYC

Papusza
Parakar
Pensa 
Phillies
Philosophieren
Plaisir
Plowdiw
Portbou
Proust
Prust, Marselj
Pupuseh
Pyrenäenmütze

Rjasan

Säkularisierung
Salinger Le Strange
Sancho Pansa
Sarkozy
Säulenheilige
Sofija
Städtebilder
Stör auf die Welt

Tauromachie
Tbilissi
Tenente Drogo
Terre des Hommes
Theaterkämpfe
The Immanent Frame
The Missing Christ
Thinking hard and having fun
Treballo d’avocat
Tschechow

Una literatura de bondad
Unter dem Farn
Updike

Versandcouvert
Verstetigung
Vezelay

Warschawa
Weisheiten
Weiter ihr Wellen
Wiljnjus
Wologda 

Zu Gast bei Joseph de Maistre
Zweifel an der Hölle


Donnerstag, 2. Juni 2016

Bibel und Literatur


Mit der Hilfe von zwei Bibelstellen läßt sich zuverlässig feststellen, ob man es mit Literatur zu tun hat oder aber nicht. Da ist zunächst Markus 10,25: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als daß es sich bei einem Bestseller um Literatur handelt. Hier ist uns ein operativ sehr leicht zu handhabendes Kriterium gegeben, das allerdings nicht in jeder Hinsicht zuverlässig ist. Durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle kann ein Werk der Literatur zum Bestseller werden, der Werther ist ein frühes und in seinen Folgen, wie man weiß, tragisches Beispiel. Entscheidender ist denn auch Johannes 1,1: Im Anfang war das Wort. Literatur ist nichts anderes, als die Welt aus dem Wort neu hervorgehen zu lassen. In den allermeisten Büchern aber begegnen wir der gewohnten, mit Worten nur überkleisterten Welt, diese Bücher können wir beiseite lassen. Johannes 1,1 ist als Maßstab ohne Fehl, hat allerdings nicht die Handlichkeit von Markus 10,25.

Freitag, 13. November 2015

New York nicht unähnlich

Die Veranstaltung war für heute beendet. Beim Verlassen der Tagungsstätte fand ich mich in der Gesellschaft von Jürgen Habermas, wir machten uns gemeinsam auf den Heimweg. Habermas zeigt sich freundlich und zugänglich, Fragen nach den späten Sechzigern, sein Verhältnis zu Adorno einerseits und den Revolutionäre andererseits, wich er allerdings aus. Auch das Verhältnis seiner Gesellschaftslehre zur Soziologie Luhmanns wollte er nicht näher kommentieren, es konnte aber auch an mir und meinen unklaren Fragen gelegen haben. Die Stadt - war es Marburg? - nahm mehr und mehr die Gestalt einer bedrohlichen Ansammlung mittelalterlicher Burgen an, hoch und zerklüftet, schmutziger Sandstein, auf eine antike Weise New York nicht unähnlich. Um überhaupt ins Hotel zurückzufinden, durfte ich Habermas nicht aus den Augen lassen.

Donnerstag, 10. April 2014

Der Leichtsinn des Künstlers


Anläßlich einer Ausstellung anno 1910 hatte Hans-Gerd Herder von der leichtsinnigen Malerei Holger Conrads gesprochen, bei der Ausstellung jetzt stellt er den reflektierten, klar gesteuerten Gestaltungsprozeß heraus. Sollte das einen Reifevorgang weg vom Unbedachten und hin zum Be- und Durchdachten beschreiben, könnte es dem leid tun, der an dem ursprünglich unterstellten leichten Sinn, vielleicht ohne sich allzu viel dabei zu denken, besonderes Gefallen gefunden hatte. Angenehme Vorstellungen vom Leben als Taugenichts und von Mozart, von Pastorale und Primavera lassen sich damit verbinden. Sollte Leichtsinn vielleicht gar, so fragt er aufmüpfig, eine unverzichtbare Ingredienz aller Kunstausübung sein? Dann allerdings müßte Leichtsinn in der Kunst mit als eher gegensätzlich empfundenen Zügen wie bewußter Steuerung oder Schwermut oder Zorn und anderen, ihrerseits nicht ohne weiteres verträglich untereinander, durchaus eine Einheit eingehen können.

Vor nicht allzu langer Zeit noch waren Künstler Getriebene ihrer Inspiration, inzwischen sind aus den Dichtern Schriftsteller geworden und wohl nur aufgrund einer gewissen Unaufmerksamkeit durften die Maler bislang Maler bleiben und wurden von den Ausstellungsmachern nicht, entsprechend den Filmemachern und den Liedermachern, zu Bildermachen umfirmiert. Die Umbenennungen liegen auf der Linie des aggressiv vertretenen Lehrsatzes der Moderne, sie sei der Amboß und wir selbst in jeder Hinsicht unseres Glückes Schmied. Mit Hammerschlägen allein aber ist es nicht getan. Jeder, der sich mit einem Künstler, sei es einem der Worte und Sätze, sei es einem der Farben und Formen, intensiv beschäftigt, wird über kurz oder lang am reinen Konzept des Machens zweifeln. Er wird in den Texten und Bildern Spuren einer gewissen Entmündigung feststellen. Der Künstler wird unter der Arbeit, zur eigenen Verwunderung, kann man annehmen, ein anderer, der durchaus, wenn er die Feder oder den Pinsel aus der Hand legt, in seine alte Haut zurückkehren kann. Vielleicht ist es daher richtiger zu sagen, in ihm nistet sich ein Zweiter ein, den er in gewissen Graden gewähren lassen muß. Verstörung angesichts dieser ungewollten Doppelexistenz läßt sich heilen als leichtgesinnte Offenheit für die Ansichten des Gastes. Das, was wider den Willen und gegen die Absicht des Künstlers geschieht, mag in Wahrheit der Feingehalt der Kunst sein. Der leichte Sinn ist in Holger Conrads Bildern auf den ersten Blick spürbar. Hans-Gerd Herder wird in seiner Einführungsrede genau dies im Sinn gehabt haben, so daß die Worte hier nur eine überflüssige Schleife binden.

Donnerstag, 14. November 2013

The Immanent Frame

Taylor geht dem epochaler Wandel nach von einer Welt um das Jahr 1500, in der es so gut wie unmöglich war, glaubenslos zu sein, zum nahezu entgegengesetzten Zustand um 2000. Er liefert eine großangelegte sektorale Gesellschaftsbeschreibung ohne eigentliche Gesellschaftstheorie, so daß es nicht immer einfach ist, den Autor inmitten der Fülle seiner Gegenstände ausfindig zu machen. In seinem Buch Sources of the Self, das auch bereits umfänglich auf die Säkularisierung eingeht, räumt er wiederholt ein, daß hinter den von ihm behandelten Phänomenen vermutlich harte, kausalitätsverdächtige Faktoren stehen, deren Berücksichtigung größere Distanz erlauben  würde, für deren Analyse er sich aber nicht gerüstet sieht.
Im fünfzehnten Kapitel von A Secular Age erreicht Taylor das Ziel seiner Zeitreise, das Leben im Immanenten Rahmen, in einer Welt ohne Transzendenz und damit, geht man davon aus, daß Religionen nach der Unterscheidung von immanent und transzendent kodiert sind, in einer tendenziell glaubenslosen Welt. Beim immanenten Rahmen handelt es sich um ein historisch erzeugtes, inzwischen dominantes Vorstellungsmuster, in das ein Großteil, wenn nicht die Mehrzahl der heute Lebenden hineingeboren wurde. Es ist schwer, sich gegen ein derartiges als dominant vorgefundenes, nicht unmittelbar nach der Entbindung hinterfragbares Muster zu wehren, gleichzeitig aber ist das Muster als vorgefundenes der Natur der Natur der Sache nach immer schon veraltet. Entstanden ist das Vorstellungsmuster des immanenten Rahmens in der triumphalen Frühphase des rational-wissenschaftlichen Denkens, das sich vor einigermaßen schlichte Aufgaben gestellt wähnte. Die vollständige Erklärung der physikalischen Welt wurde ohne große Anstrengungen für die allernächste Zukunft erwartet, die sogenannte Einrichtung einer gerechten Welt ein war dann nur noch ein Klacks.

Die moderne Wissenschaft zeigt sich inzwischen weit offen zur Transzendenz, allerdings nicht unbedingt zu einer, in der sich die abrahamitischen Religionen noch wohlfühlen können. Von Niels Bohr stammt der Satz, wer behaupte, über die Quantentheorie nachdenken zu können, ohne verrückt zu werden, habe sie nicht verstanden, den Narren in Christo entsprechen mithin der Verrückten in der Physik. Gödel hat, wenn man so will, die Unmöglichkeit der Immanenz bewiesen, Gegenstand der Evolutionstheorie ist eine permanent sich selbst transzendierenden Immanenz, die Gläubigen sollten sich eher mit ihr verbünden als sie auf der Grundlage einer engen Bibelauslegung zu bekämpfen; nicht auszuschließen - nach dem Bild, das die Menschheit momentan abgibt, allerdings unwahrscheinlich -, daß uns auf evolutionärem Wege irgendwann Flügel wachsen und wir zu Engeln werden. Niklas Luhmann läßt öfters durchblicken, daß er den Namensvetter aus Kues an der Mosel, aus der Zeit noch vor 1500, als Weltenerklärer über Habermas stellt &c.

Angestoßen von den Erfolgen des rational-wissenschaftlichen Denkens ist eine neue moralische und geistige Disposition entstanden. Sie gründet auf einer wie auch immer verstandenen Mündigkeit des Menschen, und ihre Jünger erleben sich in einer vom Menschen selbst gestaltete Sozietät focussed on human ends: human welfare, human rights, human flourishing, equality between human beings geleitet von der Idee des mutual benefit. Aus avancierter wissenschaftlicher, hier: soziologischer Sicht ist diese Disposition, verstanden als Zustandsbeschreibung oder reale Zielerwartung, nicht weniger abwegig als der viel gescholtene Glaube an die Jungfrauengeburt. Demokratie ist eine Regierungstechnik und nicht der Name des heiligen Geistes, der im neuzeitlichen Gewand angetreten wäre, die chiliastische Erwartung der Christenheit zu erfüllen, die durchschnittlich drei voll- oder halbautomatischen Feuerwaffen in amerikanischen Haushalten dienen erkennbar nicht dem mutual benefit, und das Florieren der Menschheit kann, wo es denn stattfindet, vielfach als Sedierung durch Konsum unter Inkaufnahme kollateraler Umweltvernichtung interpretiert werden.

Taylor rüttelt seiner Art entsprechend verhaltener an den geschlossenen Türen der sich einigelnden Immanenz. Seine Geduld, jedweder Position ihr Recht zu geben und keiner das ganze Recht, ist gleichermaßen bemerkens- wie bewundernswert. Anders als hier geschehen, vermeidet er jede Polemik. Unnachsichtig ist er allerdings gegenüber der von ihm so genannten Subtraktionstheorie, wonach sich der immanente Rahmen zwanglos durch Wegstreichen überflüssigen Glaubensdekors ergeben hätte. Ebensowenig akzeptiert er die Ersatztheorie, die mit Kants pompösem Austritt aus der Unmündigkeit etwas völlig Neues, zuvor Unbekanntes anbrechen sieht. Stattdessen sieht er eine komplizierte, auf verschiedenen Ebenen stattfindende Umformung der Disposition 1500 in die Disposition 2000. Eben das erlaubt ihm, allen ihr Recht einzuräumen, denen, die sich nicht gerührt haben, denen, die sich ganz im immanenten Rahmen eingerichtet haben, und denen, die auf einer der vielen Zwischenstufen verharren, vor allem aber auch dem großen Heer der Neutralen, die sich selbst weder als gläubig noch als dezidiert ungläubig sehen.

Der immanente Rahmen ist weder die leuchtende Wahrheit jenseits fehlgeleiteten Aberglaubens noch die Wahrheit als schale Neige nach dem verklungenen Fest der Religionen. Bei der Gegenüberstellung der beiden Positionen, der immanent-transzendenten von 1500 und der immanenten von 2000, gibt es keinen Sieger und keinen Verlierer, so wie es der Fall sein müßte, wenn 2000 einfach die von allem Übel gereinigte Fassung 1500 wäre. Im Fazit ist das Leben im immanenten Rahmen nicht nachweislich gescheiter als das in einer transzendent ergänzten Welt. Dabei berücksichtigt Taylor noch nicht einmal das wort- und argumentationslos in den Bildwerken Giottos und anderer und in der Musik Bachs und anderer verwahrte unvergleichliche christliche Erbe, das dem Gezänk Schweigen gebietet. Cioran hat eingestanden, daß Bach uns den Tod Gottes vergessen läßt, und Sebald fragt sich und uns, ob die weißen Flügel der Engel Giottos mit den wenigen hellgrünen Spuren der Veroneser Erde nicht das weitaus Wunderbarste von allem sind, was wir uns jemals haben ausdenken können.

Sonntag, 10. November 2013

Säkularisierung

In seinem monumentalen, von ihm selbst immer wieder angesichts der Größe der Aufgabe als bei weitem zu schmal empfundenen Werk zeichnet Charles Taylor den Prozeß der Säkularisierung im Zeitraum von 1500 bis 2000 nach. Während um 1500 ein glaubenloses Leben so gut wie undenkbar war, sind in unserer Zeit die Anhänger eines exklusiven, gottfreien Humanismus in der Überzahl. Es ist aber nicht einfach die Ablösung eines Zustands durch einen anderen, currents swirl in different directions, es gibt inzwischen zahlreiche Formen des Glaubens und nicht weniger Formen des Unglaubens und dazwischen eine große neutral zone, a kind of no-man’s-land. 500 Jahre, nach unserem heutigen Kenntnisstand nur ein Wimpernschlag im Auge des Herrn, nach traditioneller Berechnung, die das Alter der Welt auf nur wenige Tausend Jahre veranschlagte, allerdings eine beträchtliche Spanne und in jedem Fall, wie es scheint, Zeit genug, den Herrn aus dem Auge zu verlieren.
Der Prozeß der Säkularisierung umfaßt eine Reihe von Komponenten. Da ist die bereits von Max Weber ins Spiel gebrachte Entzauberung der Welt. Im Jahre 1500 führten Geister, Hexen, Engel u.a. noch ein reales Leben, heute sind sie aus dem Alltag so gut wie verschwunden. Die Individuen, die dem Zugriff der übernatürlichen Kräfte schutzlos ausgeliefert waren, sind jetzt durch die Gewohnheit rationalen Denkens bestens gepolstert (buffered). Neben der unablässig ablaufenden physikalischen Zeit gab es die Hohe Zeit, die als Abglanz der Ewigkeit an den Festtagen der Christenheit spürbar wurde. Niemand, der heute in der Adventszeit durch das auf Konsum getrimmte, dudelnde Innere der Stadt geht, spürt noch den Hauch des Ewigen. Der Mensch hatte eine privilegierte Stellung in einem von Gott auf seine Belange hin geordneten Kosmos, heute schaut er in die gnadenlose Raum- und Zeitweite des Universums. Diese und andere Veränderungen haben die Glaubenswelt aus ihrer als unverrückbar erscheinenden Verankerung gehoben.
Nach der üblichen Erklärung hat das in der Neuzeit aufkommende und sie seither bestimmende wissenschaftlich-rationale Denken das Denken in Glaubenskategorien gleichsam verscheucht. Diese Art der historischen Nacherzählung ist Taylor zufolge nicht falsch, aber eindeutig zu dünn. Säkularisierung bedeutet nicht unmittelbar Abkehr von der Religion, sondern zunächst eine graduelle Abkehr der Religion von spezifischen, auf das Jenseits gerichteten Lebensformen, wie dem Mönchstum, hin zum Saeculum, zu einem innerweltlich gelebten Glauben. Im Deismus gingen das religiöse und das rationale Denken eine eigenartige Verbindung ein. Gott verzichtete fortan auf unmittelbare Eingriffe in das Weltgeschehen, blieb aber greifbar in dem auf ihn zurückgehenden vernünftigen Design der Welt, das von der korrespondierenden menschlichen Vernunft entschlüsselt werden kann. In diesem letztlich labilen Verhältnis zeichnet sich aber bereits ab, daß der Glaube in Zukunft nicht mehr auf die Vernunft, die Vernunft im Rahmen eines exklusiven Humanismus aber sehr wohl auf den Glauben verzichten kann. Allerdings kann auch der exklusive, gottlose Humanismus in seiner spezifischen europäischen, für den Kanadier Taylor: in seiner nordatlantischen Ausprägung seine Geburt aus dem Geist des Christentums nicht verhehlen: A moral temper to which it seems obvious that our major concern must be our dealings with others, in justice and benevolence; and these dealings must be on the level of equality.
Wenn dies die den nordatlantischen Raum offiziell dominierende Einstellung sein mag, so ist sie es sicher nicht in unbestrittener Weise. Für jemanden, der sich im Wegenetz Romantik, Schopenhauer, Nietzsche, Freud, Foucault voranbewegt hat, wird sie lachhaft, wenn sie mehr sein will als die nüchterne Grundlage politischen Handelns und beansprucht, den Sinnbezirk bis zum Horizont auszufüllen. Auch für den Glauben ist die einseitige Bindung an einen optimistischen Humanismus nicht gesund. Die Vorstellung des Jüngsten Gerichts, vom Einzug in die strahlende Ewigkeit auf der einen und vom Höllenverdammnis auf der anderen Seite offered, for all ist faults, an articulation of the dark side of creation. Simply negating it, as many of us modern Christians are tempted to do, leaves a vacuum. Or it leaves an unbelievably and childishly benign picture, which cannot but provoke people either to unbelief, or to a return to an hyper-Augustinian mode of faith, unless it leads to a recovery of the mystery of the Cruifixion, of world-healing through the suffering of the God-man.

Taylor betont, daß er sich nicht im Rahmen einer soziologischen Theorie, sondern im Feld sozialer Einbildung (social imaginary) bewegt, in dem, was normale Menschen als ihre soziale Umgebung erleben. Die Unterscheidung erinnert ohne weiteres an Luhmanns Unterscheidung von Gesellschaftsstruktur und Semantik. Mit Semantik (social imaginary) beschäftigt sich Luhmann allerdings nur zum Zweck und zum Beleg seiner Theorie. Da für ihn Gesellschaft ausschließlich aus Kommunikation (und nicht etwa aus Menschen) besteht, ist gleichzeitig ein scharfer Unterschied zwischen Semantik und Theorie nicht auszumachen, auch Theorie ist Semantik, allerdings in einer sehr speziellen und extremen, bei Taylor fehlenden Form. In dieser Sichtweise entfällt auch das Pingpong zwischen Hegel und Marx, die Frage also, ob nun das Bewußtsein (Semantik/social imaginary) das Sein (Gesellschaftsstruktur) bestimmt oder umgekehrt, die Unterscheidung selbst ist obsolet. Dem Luhmannadepten geht es bei der Lektüre Taylors wie einem bislang allein auf die Klasse der Wirbeltiere spezialisierten Zoologen, der mit einer Studie über das Leben der Tintenfische beauftragt wurde. Schon bald aber kann er die Begeisterung vieler seiner Kollegen für diese wundersamen Tiere verstehen.

Mittwoch, 2. Oktober 2013

Unter dem Farn

Auch unsererseits unterwegs im Wald - unbeschwert und grundlos, wie im Tanz, es läßt sich nicht mehr sagen, wer mit von der Partie war -, sahen wir ihn, wie er im Schutz der hohen Bäume unter dem Farn mit einem sichelartiges Messer Wurzel und Kräuter ausgräbt. Als er sich aufrichtet und zu uns herüberschaut, eine gelinde Überraschung: es ist Martin Walser. Das heraufziehende Unwetter würde schrecklich sein. Wir bieten ihm Unterschlupf in unserer Hütte an.








Donnerstag, 30. Mai 2013

Städtebilder

Die untergegangene Sowjetunion ist verwahrt in ihrer Enzyklopädie. Die Bilder der Städte erwecken unsere Sehnsucht, wie alles vergangene Leben, an dem wir nicht teilhaben konnten.

Alma Ata
Amiens
Andischan
Archangelsk
Batumi
Beslan
Biarritz 
Bucharest
Drogobytsch
Jelgava
Jenakijewo
Leninabad
Megri
Parakar
Pensa
Plowdiw
Rjasan
Sofija 
Tbilissi
Warschawa
Wiljnjus
Wologda

Dienstag, 14. Mai 2013

Fragen des Stils

In einer Rezension vom 27. April 2013 in der FR ist zu lesen: Michon ist ein fabelhafter Stilist, durchaus auf der Suche nach dem perfekten, flaubertschen Ausdruck für die äußere, vor allem jedoch der inneren Wirklichkeit seiner Figuren. Immer aber, wenn der Stil nichts auszurichten vermag, wenn der Wohlklang der Worte zu verpuffen droht, weil sie der existenziellen Situation nicht beikommen, zeigt sich eine Neigung zum Archaischen in Michons Prosa.
Der in diesen Zeilen erscheinende Begriff von Stil ist gewöhnungsbedürftig. Stil wäre eine Schönwettervorrichtung, die weichen muß, wenn es ernst wird und Sturm aufkommt. Bei Michon müßten nach dieser Lesart zwei Schichten der Prosa festzustellen sein, eine stilhafte und eine stillose; eine entsprechende Feststellung läßt sich aus eigener Kraft nicht treffen. Der Rezensent gibt allerdings einen Hinweis, was bei Michon in der Krisensituation an die Stelle des Stils tritt: eine Neigung zum Archaischen. Sofern Stil vordringlich an sprachlichen Merkmalen festzumachen ist, könnte man an ein Ausweichen ins Patois denken oder an ein Zurückgreifen auf ältere Zustände des Französischen, ähnlich wie Brian Ó Nualláin an einer Stelle des Béal Bocht vom Neuirischen ins Mittelirische wechselt; nichts dergleichen aber ist festzustellen bei Michon. Il plut pendant tout septembre: sollen wir glauben, Michon, der fabelhafter Stilist, habe aufgrund der andauernd schlechten Wetterlage in Castelnau auf Stil ganz verzichten müssen?

Alles spricht dafür, daß der vorgeschlagene Stilbegriff, auch bei intensivem Bemühen, nicht gewöhnungsfähig und in sein Gegenteil zu verkehren ist. Stil tritt überhaupt erst auf, wenn es ernst wird, wenn es Dinge zu sagen gilt, die sich nicht sagen lassen, wenn es sich, wie der Theoretiker formuliert, um Operationen im Medium des Wahrnehmbaren oder Anschaulichen handelt, die, auch und gerade dann, wenn es um Wortkunst, um Dichtung geht, die übliche Sinnleitung der Sprache nicht in Anspruch nehmen. Stil ist die übergreifende, einem Ausdruckszwang entspringende, in Wortwahl, Satzbau, Motivik und Thematik eingezeichnete künstlerische Formentscheidung. Nach dieser Begriffskorrektur läßt sich bestätigen: Michon ist ein fabelhafter Stilist.

Wenn, nach seiner Einschätzung, Flauberts Stillektionen nur teilweise befolgt werden konnten, so bietet der Rezensent doch weitere Orientierungspunkte an: Stellen Sie sich eine Figur von Céline in der Provinz vor. Einen Icherzähler wie bei Gombrowicz, der umherrennt und den Spuren seiner Erregung folgt. – Die Anweisung läßt sich nur schwer beherzigen, anderen Lesern wären die beiden genannten Autoren eher nicht in den Sinn gekommen. Zum besseren Verständnis Michons kommt aber noch ein weiteres, diesmal negatives Wegezeichen ins Spiel: Wer Michon vor fünfzehn Jahren schon gelesen hat, fiel gewiß weniger heftig auf Houellebecq herein. – Auch das stimmt nachdenklich. Wieso ist Houellebecq kein Autor, den man mehr oder weniger schätzen oder auch ablehnen kann, sondern einer, auf den man notwendig hereinfällt, es sei denn, Michon stellt sich warnend in den Weg. Es handelt sich um zwei französische, in französischer Sprache schreibende Prosaautoren, beide offenbar in besonderer Weise dem Tabak zugetan, weitere Ähnlichkeiten sind auf den ersten Blick nicht festzustellen. Wenn es allerdings nicht mehr als zwei französische Autoren gäbe, Houellebecq und Michon, und man müßte sich für einen entscheiden, dann, und insofern hat der Rezensent in einem tieferen Sinne Recht, bestünden gute Gründe, sich für Michon zu entscheiden.

Dienstag, 23. April 2013

El que hem menjat


 
Wittgensteins Einlassung, ihm sei egal, was er esse, wenn es nur immer das gleiche sei, spaltet die Erzählwelt. Vor allem die Südländer wollen in ihrer Mehrzahl dem Philosophen nicht folgen. Bei Montalban sind, wenn die Erinnerung nicht täuscht, dem Erzählablauf gar Kochrezepte eingefügt. Paduras Held Mario Conde erholt sich am besten beim gemeinsamen Verzehr der Mahlzeiten, die die Mutter seines Freundes Flaco zubereitet. In Josep Plas Prosa zählen die Mahlzeiten nicht nur in El que hem menjat zu den Protagonisten. Chandlers Held hingegen, Wittgenstein deutlich näher, trinkt und raucht den Tag über, wenn er Festes zu sich nimmt, dann in der Regel zähe Hamburger und geschmacklose Tomaten. Altman hat in seiner Verfilmung des Long Goodbye diese Attitüde noch einmal erheblich gesteigert. Der Film beginnt mit einer langen Sequenz, in der Marlowe vergeblich versucht, seine Katze zu füttern. Das Tier ist von der Werbung verdorben und will nur das Dosenfutter eines bestimmten Herstellers fressen, das sich aber nicht auftreiben läßt. Die Katze bleibt ungesättigt, Marlowe selbst raucht ohne jede Pause und trinkt dazu hinreichend, ausschließlich geistige Nahrung also. Zum Essen angeboten wird ihm in dem fast zweistündigen Film einzig eine Dörrpflaume, und die verschwindet nach einer kurzen Bißprobe nicht in der Mundhöhle, sondern in der Reverstasche seines Sakkos. Sebalds Detektiv nimmt eine Mittelstellung ein, er beginnt wie Josep Pla und endet meist wie Marlowe. Ich weiß nicht, wie ich mir in den fremden Städten die Lokale aussuche, in die ich einkehre. Einerseits bin ich zu wählerisch und gehe stundenlang durch die Straßen und Gassen, ehe ich mich entscheiden kann; andererseits gerate ich zuletzt meistens wahllos einfach irgendwo hinein und verzehre dort in trostloser Umgebung und unter Unbehagen ein mir in keiner Weise zusagendes Gericht. – Alles in allem aber ist Sebald auf der Seite Wittgensteins, seinen Helden Paul Bereyter hat nie jemand etwas essen sehen, und tatsächlich könnte man ihn auf den beigegebenen Photos für Kafkas Hungerkünstler halten. Aurach zieht das betont schlechte Essen im Wadi Halfa allem anderen vor.

In Dostojewskis Dämonen haben zwei Nichtessensszenen einen prominenten Platz. Einmal wird zur unrechten Zeit Essen gereicht, und einmal wird es zur unrechten Zeit vorenthalten. Für Stawrogins Besuch in der NACHT hat der Kapitän Lebjadkin einen Imbiß vorbereitet, undenkbar aber, daß Stawrogin zugreifen und wir ihm beim Essen zuschauen würden; ebenso undenkbar wie im Fall der verschiedenen Geistesmenschen Bernhards, der seine Wittgensteinnähe in ihrer nahrungsspezifischen Ausprägung in den Billigessern verdeutlicht hat. Eine Stawrogin in mancher Hinsicht nahestehende Figur in Sebald ist Cosmo Solomon. Er teilt mit ihm die reiche Herkunft, die Kühnheit und Unbesiegbarkeit, das Unbefriedigtsein, das exzentrische Verhalten – das wörtlich genommene Herumführen an der Nase oder der Biß ins Ohr im Falle von Stawrogin, das berittene Betreten eines Luxushotels im Falle des Cosmo Solomon -, den destruktiven und autodestruktiven Zug. Sämtliche Einladungen zu Diners schlägt Cosmo aus und speist sozusagen nur rein pragmatisch in der Gesellschaft seines Dieners und Freundes Adelwarth.

Die Dämonen erhalten ihre Sonderstellung im Werk Dostojewskis dadurch, daß alle Worte Anton Lawrentewitsch G., dem sogenannten Chronisten des Geschehens, in den Mund gelegt sind. Tatsächlich findet er für kurze Strecken immer wieder zum trockenen Chronikstil zurück, orchestriert in Wahrheit aber mit äußerster Kunstfertigkeit den von fortwährend sich überbietenden Skandalen geprägten Ablauf. Mal ist er bei Gesprächen im kleinsten Kreis dabei, und wenn er nicht dabei ist, kennt er gleichwohl alle Einzelheiten, mal läßt er die Bevölkerung der Gouvernementstadt nach der Art des griechischen Chors agieren. Dabei befreit sich die Tragödie nach und nach von der zunächst ganz ud gar komödienhaften Inszenierung. Höhepunkt der komödienhaften Entwicklung ist die von langer Hand geplante, doppelteilige, aus einer Lesesoireé und einem anschließenden Ball bestehende Wohltätigkeitsveranstaltung zugunsten gealterter Gouvernanten. Rückblickend wird es als schwerer Planungsfehler angesehen, daß das zunächst geplante, im exorbitant hohen Eintrittspreis inbegriffene Buffet im Sinne der vom Erlös der Veranstaltung begünstigten Gouvernanten gestrichen wurde. Wochen zuvor hatte bei einer als Geburtstagsfeier getarnten Sitzung der Fortschrittsfreunde der Umstand, daß nur Tee gereicht wurde, noch als Symbol des nüchtern-heiligen Ernstes der Sache gegolten, nun aber hatte man es mit einer größeren und gemischten Menge mit anderen Bedürfnissen zu tun. Angesichts der vielfältigen und noch sorgfältiger als der Prasdnik selbst geplanten Sabotageakte hätte das Buffet aber wohl nur eine sehr relative Entspannung leisten können.
Mit dem Ende der Festveranstaltung ist auch die Komödie am Ende, schon der Ruin der Lembkes läßt sich schließlich nicht mehr nur mit Schadenfreude verfolgen. Es folgt eine Dezimierung des Personals nach dem Maße Shakespeares. Lebjadkin, dessen Schwester und zugleich Stawrogins Ehefrau, Lisa Drosdowa, Schatow, Kirillow, Fedka Katorschny und Stawrogin selbst müssen auf gewaltsame Weise dahin. Stepan Werchowenski, der ebenso liebenswerte wie unerträgliche, und Schatows Frau Marja sterben nicht gewaltsam, aber doch in Folge der wüsten Ereignisse. Es stirbt auch Marja Schatowas neugeborenes Kind. Wir erleben die beiden Mörder, jeden für sich, bei einer einsamen Mahlzeit, zunächst Pjotr Werchowenski, der, auf dem Weg zu Kirillow, um den zugesagten Suizid einzufordern, in aller Ruhe einkehrt, um sich zu stärken; und dann Fedka, den Sträfling, der die Essensreste schon beiseite geschoben hat und sich mit der Wodkaflasche beschäftigt, bevor er Werchowenski gerechterweise bewußtlos schlägt. Nur die Mörder essen, darüber kann man ins Grübeln geraten. Als Werchowenski Kirillow in seiner letzten Stunde noch einmal besucht, bittet er sich ein Hühnchen aus, das dieser sich bereitet aber nicht verzehrt hat und nicht mehr verzehren wird. Ist das dies- oder jenseits von Wittgenstein?

Ein Säkulum nach Dostojewskis Arbeit an den Dämonen stellte sich das Jahr 1968 ein mit seinem Rückgriff auf gesellschaftsphilosophische Ansätze des neunzehnten Jahrhunderts. Dem einen oder anderen Literaturfreund wird Dostojewskis Buch als Verständnisfolie für die ablaufenden Ereignisse und das Binnenleben einer revolutionären Zelle gedient haben. Eine Dekade zuvor bereits hatte Camus die Besy als Les Possédés in Erinnerung gerufen, nachdem er wiederum eine Dekade zurück La Peste mit einem Chronisten nach Dostojewskis Vorbild ausgestattet hatten. Der Besuch von Feinschmeckerlokalen ist eine der hauptsächlichen Beschäftigungen der von der Pest in der Stadt Oran Eingeschlossenen.

Mittwoch, 22. August 2012

Plowdiw

Städtebilder

Stadt in Bulgarien am Fluß Mariza gelegen. Die zweitgrößte städtische Ansiedlung des Landes, 130 000 Einwohner, Zentrum des Plowdiwer Bezirks. Wichtiger Eisenbahnknotenpunkt. Wichtiges Industriezentrum: Maschinenbau, Kraftfahrzeuginstandsetzung und Gerätebau. Hochschulen, ein reichhaltiges Museum, Bibliothek, Volkstheater. Die erste Besiedlung fällt in die Zeit der Thraker, später Teil des mazedonischen Reiches. 1360 von den Türken eingenommen. Der Name Plowdiw begegnet zum ersten Mal im 17. Jahrhundert. 1885 wurde in Plowdiw die Vereinigung von Nord und Südbulgarien verkündet.
 
Gleich wird die Queen im Rahmen ihres Staatsbesuches in einer geräumigen Wolga-Limousine vom linken Bildrand her in den geräumigen Boulevard einfahren, um dann nach links in die innerstädtische Baumallee einzubiegen. Sicherheitsbeamte wechseln schnell noch einmal die Straßenseite. Am Ende der Allee wird die Queen wieder nach links abbiegen und dann, nicht sichtbar für uns, nach rechts auf das große Rathausgebäude zuhalten, vor dem der Bürgermeister zum Empfang schon bereitsteht. Die Kinderscharen schwenken probeweise ihre Fähnchen und Blumenkränze. Oder sind wir im Irrtum, erklärt sich die Stille dadurch, daß es hier einer beherzten Bürgerschaft gelungen ist, ihre schöne, unter dem Bergkegel gelegene Stadt vor dem Grauen des Kraftfahrzeugverkehrs zu bewahren. Die Bäumchen werfen Schatten, die Sonne scheint, aber nicht zu heftig, es läßt sich angenehm promenieren. Die Frauen sind ohne Frage sehr schön, sehen können wir sie allerdings nicht.

Dienstag, 21. August 2012

Sofija

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Hauptstadt der Volksrepublik Bulgarien. Das wichtigste wirtschaftliche, politische und kulturelle Zentrum des Landes. Administratives Zentrum des Sofioter Kreises. Gelegen im westlichen Teil des Landes in einem Kessel im Westen des Flusses Iskar, einem Nebenfluß der Donau. 644 000 Einwohner. Im 6. bis 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung war das Gebiet Sofija von den Thrakern bewohnt. Im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung wurde die römische Stadt Serdika gegründet. 1877 befreite die russische Armee Sofija mit dem gesamten bulgarischen Gebiet vom Joch der Türken.
 
 
Auch manch Vielgereister hat noch nicht die bulgarische Hauptstadt besucht, ein Fehler, wie unschwer zu erkennen ist, weist sie doch einen Volksversammlungsplatz auf, der seinen Namen wirklich verdient. Eine dunkle Limousine ist mit einem hohen Funktionär unterwegs in eiligen Angelegenheiten im Auftrag und zum Wohl der Arbeiter- und Bauernschaft. Bald schon wird er den Platz überquert und unversehrt den Peschechoden zurückgegeben haben, das Pferdewägelchen auf der anderen Straßenseite ist ohnehin keine Störung. Noch ist die Zahl der Versammlungswilligen gering, bald aber werden sie wieder zahlreich zusammengefunden haben, geleitet vom Wunsch, ihr schönes Leben zu bejubeln. Ein schönes Leben macht die Menschen schön, die Sofioterinnen belegen es auf das eindrücklichste. Schade, daß nicht zu erkennen ist, welche Heldentaten im einzelnen auf den beiden hohen Tafeln festgehalten sind. Bei schlechtem Wetter vermag der großzügige Kuppelbau die Jubelnden aufzunehmen.

Donnerstag, 16. August 2012

Rjasanj

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Zentrum der Rjasaner Oblast, am rechten Ufer der Oka gelegen (2 km vom Fluß entfernt), an der Einmündung des Trubesch in die Oka. Bedeutende Anlegestelle an der Oka. Eisenbahnknotenpunkt der Linien nach Moskau, Wladimir, Rusajewska, Rjaschsk. 50 900 Einwohner. Die Stadt ist in drei Rajons geteilt. Staraja Rjasanj wird erstmalig in einer Chronik aus dem Jahre 1069 erwähnt.
 
 
 
Der Name keiner Stadt führt so schnell und tief in das Herz Rußlands wie der Name der Stadt Rjasanj. Man spricht sich leise das Wort vor und hat sogleich den Knäs vor Augen, seine langbärtigen Bojaren, die wunderschönen Bojarinnen in ihren langen schweren, pelzgesäumten Gewändern, die Kuppeln des Kreml. Allerdings liegt das alte Rjasanj, Staraja Rjasanj, heute nur noch eine kleine Ansiedlung, von der modernen Großstadt rund fünfzig Kilometer entfernt die Oka flußabwärts. Die neue Stadt ist hell und weitläufig, großzügige Parkanlagen erlauben einsame Spaziergänge. Schöne Frauen, in hellen oder dunklen Kleidern, lustwandeln, den Durstigen werden an zierlichen Kiosken Kwas und andere erfrischende Getränke angeboten. Über dem Leninplatz schwebt naturgemäß Lenin. Wie soll man sich entscheiden zwischen den Zeiten.

Wologda

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Zentrum der Wologdiner Oblast der RSFSR. Eisenbahnknotenpunkt für vier Strecken und Anlegestelle für die Dampfschiffahrt am Fluß Wologda (32 Kilometer vor der Einmündung in die Suchona), über gute Straßen mit Archangelsk und dem oberen Wolgagebiet verbunden. 95 200 Einwohner. W. ist ein wichtiges Wirtschaftszentrum für den Norden der UdSSR. W. wird zum ersten Mal in einer Chronik aus dem Jahre 1147 erwähnt.
 
 
Wologda ist ein einziges Sumpfloch, dessen Straßen und Wege aus umgelegten Baumstämmen bestehen. Die Häuser, auch die aus Brettern zusammengezimmerten buntbemalten Paläste des Provinzadels, stehen auf Pfählen mitten im Morast. Alles ringsum versinkt, verfault und verrottet. Es gibt nur zwei Jahreszeiten, einen weißen und einen grünen Winter. Neun Monate lang fährt die Eisluft vom Nordmeer herunter. Das Thermometer sinkt auf unvorstellbare Tiefen. Man ist umgeben von einer endlosen Finsternis. Während des grünen Winters regnet es ohne Unterlaß. Der Schlamm dringt in die Türen hinein. Die Leichenstarre geht über in einen grauenhaften Marasmus. Im weißen Winter ist alles tot, man ist umgeben von einer endlosen Finsternis, im grünen Winter alles am Sterben. – Auch wenn dieses Stimmungsbild aus dem zaristischen Rußland übertriebene Züge aufweisen mag, sind die zwischenzeitlichen Sanierungserfolge unverkennbar. Wo Morast war ist Pflaster, wo Holz war ist Stein. Um die buntbemalten Paläste mag es einem für einen Augenblick Leid sein, was aber wirklich besorgt stimmt, ist das Fehlen jeglicher Belebtheit. Weder vor dem Gebäude des Stadtsowjets noch bei der Brotfabrik noch auch in dem neuen Wohnviertel ist auch nur ein einziger Mensch zu sehen. Sollte man beim Umbau der Stadt allzu gründlich vorgegangen sein?

Mittwoch, 15. August 2012

Pensa

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Zentrum der Oblast Pensa der RSFSR. An beiden Ufern der Sura gelegen (rechter Nebenfluß der Wolga). Großer Eisenbahnknotenpunkt der Linien Rusajewka - Balaschow und Rjasan - Syrsan. 157 200 Einwohner. Die Stadt hat 4 Rajons. Gegründet im Jahre 1666 als ein militärisch-administratives Zentrum des Wolgagebietes. 3 Hochschulen und 30 Bibliotheken.
 
 
Wer möchte nicht studieren oder forschen an diesem den stillen Frieden der Wissenschaft atmenden Institut in Pensa. Leider ist die Auflösung der Photographie nicht hoch genug um zu entscheiden, ob es sich bei einer der auf uns zukommenden oder sich von uns entfernenden Gestalten um den Kandidaten der chemischen Wissenschaften Wetschinkewitsch handelt. Wetschinkewitsch wurde bekanntlich in Pensa verhaftet in Zusammenhang mit den Verheerungen, die eine Schar von Teufeln oder, wie andere meinen, eine Gruppe außergewöhnlich begabter Zauberkünstler unter der Leitung eines gewissen Woland in Moskau angerichtet hatten. Wieso ein Verdacht auf Wetschinkewitsch fiel, konnte später nie geklärt werden. Von ihm ist nur bekannt, daß er von einem weit über das Mittelnaß hinausgehenden Wuchs war, mit dunkler Hautfarbe und brünettem Haar. Die Beschreibung könnte auf den Herrn ganz vorn in Begleitung der wunderschönen Dame zutreffen.

Bylo jeschtsche mnogoje, wsego nje wspomnischj.

Dienstag, 14. August 2012

Biarritz

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Hafenstadt und bedeutender Kurort in Südfrankreich, am Ufer des Golfes von Gascogne am Atlantischen Ozean. 22.000 Einwohner. Mittlere Jahrestemperatur +13,5°. Bademöglichkeiten im Meer. Angezeigt für die Heilung von: Skrofulose, Rachitis, Anämie, Neurasthenie.
 
Ein stiller selbstgenügsamer Ort, die Silhouette des Horizonts mit den scharf vom Himmel sich abhebenden Gebäuden erinnert an Ruisdaels Blick auf Haarlem. Was uns aber mehr beschäftigt, ist die seltsame Ansammlung von Gestalten am Ufer und im flachen Wasser. Zunächst möchte man meinen, Erwachsene schauten einigen vorsichtig im Wasser spielenden Kindern zu. Vielleicht auch sind die Kinder mit einer rätselhaften Aufgabe betraut. Oder sollte es sich bei den kleineren Gestalten mit den Füßen in der See vielmehr um Vögel handeln, hat etwa das schöne junge Mädchen Miarritze erneut den Eisvogel mit dem Gold als Zeichen der Verheißung im Schnabel gerufen und kann den nach wie vor bedürftig dreinschauenden Biarrins neue Hoffnung machen?

Samstag, 11. August 2012

Beslan

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Stadt und Zentrum des Prawobereschnyj Rajon der Nordossetischen ASSR. Eisenbahnstation. Durch eine Straße mit Dzaudzikau verbunden. In der Sowjetzeit wurde in B. das größte Stärke- und Melassekombinat Europas gebaut und gleichzeitig das erste, das Melasse und Stärke aus Mais herstellt; es liefert auch Glukose u.a. Bei dem Kombinat entstand eine vorbildliche Arbeitersiedlung mit großen Steinhäusern, Kultur- und Bildungseinrichtungen (eine Zehnklassenschule, ein Arbeiterklubhaus u.a.)
Beslan ist ein schönes Exempel dafür, wie die in geordnete gesellschaftliche Bahnen gebrachte, ihre eigenen gewaltigen Maßstäbe immer wieder übertreffende Produktivkräfte unverzüglich ihre dem Menschen segensreiche Wirkung entfalten. Die Nennung einer Einwohnerzahl entfällt für Beslan aus gutem Grund, da der dynamische Aufschwung jede genannte Zahl im gleichen Augenblick auch schon wieder fortgewischt hätte. Kraftvoll weht der Rauch über dem Kombinat und die klare helle Luft des späten Nachmittags erfrischt die Siedlung. Die Kantinenleiterin des Melassekombinats ist auf dem Heimweg in Begleitung ihres Liebsten, der offenbar bei den bewaffneten Kräften dient. Auf die beiden wartet zuhaus ein einfaches und gutes Abendmahl, bei dem ein Schoppen Wein, vielleicht ein Mtsvane, keineswegs fehlen muß. Am Abend dann sieht man im Klubhaus einen der schönen Filme von Tarkowski oder nimmt Teil an einer Diskussionsrunde zu einem Thema, das allen auf den Nägeln brennt. Niemand kann verstehen, warum Jahre später ein so schreckliches Unheil über die Stadt niedergehen mußte. 

Mittwoch, 25. Juli 2012

Batumi

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Batumi (ältere Bezeichnung: Batum) ist die Hauptstadt der Adscharischen ASSR, einer der größten Schwarzmeerhäfen der UdSSR. Endstation der transkaukasischen Eisenbahnmagistrale. An der sowjetisch-türkischen Grenze gelegen. 70.800 Einwohner. Der Bezirk Batumi ist der wärmste an der Schwarzmeerküste des Kaukasus. Im Mittelalter war Batumi als Batomi bekannt. Zur Zeit des Verfalls des Georgischen Zarenreiches in einzelne Fürstentümer wurde B. von dem gurischen Mtawar (Fürst) Gurieli regiert. 1901 organisierte I. W. Stalin in B. eine verbotene Konferenz von Vertretern sozialdemokratischer Zirkel.
Batumi, ein Name wie ein Lockruf, und wenn wir nur der Schwarzgekleideten, auch wenn sie, eher plump, wenig Sirenenhaftes aufzuweisen scheint, die Stalinstraße entlang zum Horizont folgen, werden sich alle Verheißungen erfüllen. Auf dem Weg zum Strand von Scheveningen denkt Selysses an das Urteil Diderots, die Promenade habe nirgendwo sonst ihresgleichen, ihm selbst aber fällt es nicht leicht, diese Ansicht nachzuvollziehen. Wie anders wäre es ihm in Batumi ergangen mit dem Strandzugang, der an Anmut und Würde nicht zu übertreffen ist. In Batumi aber sind beide, Diderot und Selysses, nicht gewesen
 

Samstag, 17. März 2012

Wiljnjus

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(Wiljno), eine Stadt, Hauptstadt der Litauischen SSR, ihr wichtigstes wirtschaftliches und kulturelles Zentrum. Ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt. W. liegt in einer malerischen Umgebung am Zusammenfluß der Flüsse Neris (Wilija) und Wiljna (Wilejka). Der Hauptteil der Stadt liegt auf den Flußterrassen, die Umgebung auf einem Plateau. Im Süden, Südosten und Osten sind die Flußtäler von einer Hügelkette umgeben (dem Panerjaj, dem Antakaljnis und anderen). Im Jahre 1800 hatte W. 31 000 Einwohner, 1900: 162 633 und 1935: 207 750.
 
Die Litauer und zumal die Bewohner der Hauptstadt Wiljnjus kann man sich nicht anders vorstellen, als daß sie ihre Tage wandelnd im Schatten ihrer ehrwürdigen Sprache verbringen, die der Sprache unserer Ururahnen so nahe steht wie das Sanskrit und im Formenreichtum auch dem Altgriechischen nicht unterlegen ist. Die Insassen litauischer Lieferwagen, die am Vorabend der Sperrmüllabfuhr durch unsere Straßen und Gassen fahren, werden den hohen Erwartungen nicht uneingeschränkt gerecht, es bedarf zur vollen Blüte wohl des heimischen Ambiente. Liebhaber der Sprache sind immer auch Liebhaber der Musik, und so sind wir mehr als einverstanden, wenn eins der Bilder uns das Gebäude der Lietuvos nacionaliné filharmonija zeigt. Kein Zweifel besteht, daß die Passanten mit den Gedanken bei ihrer Sprache und bei nichts anderem sind, auch wenn unsere geheime Hoffnung, sie würden gewandet in Chlamys und Peplos einhergehen, sich nicht erfüllt. Die eilige Dame in der Mitte, zwischen den beiden Bäumen, ist erkennbar sehr schön, und wir sehen sie unterwegs zu einer Sitzung bei der Lietuvos mokslų akademija, Abteilung für Sprachpflege.